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„Hier ist man richtig Chef“

Heinz Kraschewski 100 Tage im Amt „Hier ist man richtig Chef“

Offiziell hat Heinz Kraschewski seinen neuen Job als Bürgermeister der Gemeinde vor 100 Tagen angetreten, aber inoffiziell beschäftigt er sich deutlich länger mit dem neuen Amt: Der Rintelner hat sich vorher den Parteien vorgestellt und (fast) jeden Termin in Auetal wahrgenommen.

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Auetal. Auch an den Haushaltsberatungen, die im Herbst begannen, nahm er teil. „Und es ist ein schwieriger Haushalt“, sagt der Bürgermeister im Redaktionsgespräch, und er ist nicht zum ersten Mal schwierig.“ Aber wenn die Politik vor einem Jahr beschlossen habe, dass eine Schuldenbremse eingebaut werde und nur noch so viel investiert werde, wie getilgt werde, „dann gibt es nur noch wenig Manövriermasse“. Der alte Spruch, wonach die Politik lieber gestalten statt verwalten wolle, der sei sehr schnell dann eben genau dies: ein schöner Spruch – und nicht mehr.

 Kraschewski, der zuvor sieben Jahre als Leiter des Sozialamtes beim Landkreis Schaumburg übrigens für mehr Mitarbeiter und Angestellte verantwortlich war als jetzt als Bürgermeister, ist angekommen in seinem neuen Job, aber das hat er selbst nicht anders erwartet. „Es ist das normale Tagesgeschäft, und der Beruf des Bürgermeisters ist im Auetal ja kein Hexenwerk, vor dem man Angst haben muss.“ Aber einen Unterschied gibt es doch: „Hier ist man richtig Chef.“ Die Verwaltung, die er vor seiner Wahl wenig besuchte, entpuppte sich als das, was ihm sein Vorgänger Thomas Priemer versprochen hatte: ein funktionierendes und eingespieltes Team, „Mitarbeiter, die wissen, wovon sie reden“, wie es Kraschewski selbst formuliert.

Ein paar Punkte haben sich dennoch geändert. Feierabend um 18 Uhr? Kann man als Bürgermeister vergessen, denn Politik ist Ehrenamt – und Sitzungen morgens oder mittags damit nicht machbar. „Die Arbeit wird kleinteiliger“, sagt Kraschewski, und meint: Sie ist mühseliger. Neue Betriebe für das Gewerbegebiet anwerben? „Da hat man kaum Einfluss“, denn die Gewerbebetriebe, die man anspricht, sind schon lange im Geschäft – und reagieren dann schnell oder – meistens – langsam, da kann ein Bürgermeister machen, was er will.

 Das nächste Beispiel: Der Markant-Markt in Rehren. Seit zehn Jahren mag er leer stehen, und „man braucht Glück und Kreativität, um dort etwas hinzubekommen“, erläutert Kraschewski. Er hat sich das Gebäude mit dem Besitzer angeguckt, um sich dann vorrechnen zu lassen, dass ein Standort in Rehren einen Einzugsbereich von 120000 Menschen aufweist. Das mag rechnerisch durchaus sein, sagt Kraschewski, „aber dafür brauchen wir dann ein Produkt, das es im Umkreis von 100 Kilometern nicht gibt – und das wird sicherlich kein Lebensmittelmarkt sein“.

 Oder die Obersburg. Die ehemalige Klinik verfällt langsam, aber sicher, da ist es nicht die schlechteste Idee, beim Besitzer einmal nachzufragen, ob sich dieser eine Belegung mit Flüchtlingen vorstellen kann. Nur: Der Besitzer ist, vorsichtig formuliert, schwer erreichbar, und nicht nur dieses Beispiel hat Kraschewski gelehrt, dass seine Arbeit auf einmal auch anders aussehen kann: Er muss den Leuten zuweilen hinterherlaufen.

 In Obernkirchen soll der Kämmerer überlegen, ob Straßenreinigungsbeiträge mehr Geld in die kommunalen Kassen spülen könnten. Für das Auetal will Kraschewski das nicht grundsätzlich ausschließen – sag niemals nie –, aber „das Auetal ist am wenigsten geeignet“. Zwar sei das eine Überlegung wert, aber anschließend müsse dann schon gerechnet werden: Lohnt sich das, oder frisst der zusätzliche Verwaltungsaufwand das eingenommene Geld wieder auf? Und wie soll das überhaupt gehen, fragt Kraschewski: „In Westerwald werden die Straßen für die Anwohner gebührenpflichtig?“ Derartige Überlegungen dürften wohl eher zur Beruhigung der Kommunalaufsicht dienen, das Kern- und Tagesgeschäft der Gemeinde beschränke sich auf den Winterdienst und das Schneeschieben.

 Abzuarbeiten gibt es für den Neuen zwei Aufgaben, die ihm Priemer hinterlassen hat. Erstens ein Bürgerbussystem aufzubauen, und das werde man „in jedem Fall“ noch in diesem Jahr in Angriff nehmen, und zweitens, den CDU-Antrag auf Erstellung eines Leerstands- und Baulückenkatasters. Gut und schön, so ein Kataster, sagt Kraschewski, und selbstverständlich sollten die Ortskerne gestärkt werden, aber im Auetal werde es leider nicht so einen Zulauf gebe, „dass die Leute Schlange stehen, um hier ein Haus zu kaufen“. Aber genau dies sei ja auch die große Herausforderung: Das Projekt so umzusetzen, dass der Andrang stattfinde.

Nächstes Thema: Breitbandkabel. „Schwieriges Thema“, sagt der Bürgermeister, denn Landkreis, das Land Niedersachsen und der Bund sind hier mit im Boot, es geht um Milliarden, und wenn Land, Bund und Kreis noch nicht so weit sind und sich alle wegducken, wie er es ausdrückt, dann weiß der Auetaler Einwohner, wer schuld ist: Es ist, wenig überraschend, der Bürgermeister.

 Was ihn positiv überrascht hat: Nach dem ganzen Hickhack um die Auswahl des SPD-Kandidaten habe er nicht erwartet, dass die Politik so schnell wieder zur Tagesordnung übergehe.

 Und wie alt, nämlich sehr alt, die Auetaler Bevölkerung ist, das hat er ebenfalls gemerkt: Zu den Bürgermeisteraufgaben gehört auch die Gratulation, wenn ein Auetaler Geburtstagskind ein höheres Wiegenfest feiert. Das sind so viele, sagt Kraschewski, dass er einfach nicht jedem persönlich gratulieren kann, der im Auetal seinen 80. Geburtstag feiert.

 Nach seinem Urlaub steht übrigens der nächste Gratulationstermin an: In Rolfshagen feiert ein Einwohner seinen 102. Geburtstag. Kraschewski wird hingehen, natürlich wird er das, und er freut sich drauf. Und dann fällt ihm noch ein Punkt ein, der sich durch den Berufswechsel geändert hat: Die Krawattenquote ist als Bürgermeister höher als früher; man bindet sich doch häufiger eine um. rnk/jak

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