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„Man muss jedem etwas gönnen“

Rolfshagen / Jubiläum „Man muss jedem etwas gönnen“

Die klassische Ehe ist in die Krise geraten, sie hat sich fast überlebt. Heute kann jeder lieben und leben, wie es ihm gefällt. Man verliebt sich, zieht zusammen und bleibt es auch, oder man trennt sich wieder, einen Trauschein braucht man nicht mehr. Dieses „Bis dass der Tod Euch scheidet“ – wo gibt es das denn noch?

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Über den Tellerrand geschaut

 „Wir haben nur ein Leben“, sagen Luise und Friedrich Schönbeck. Und das haben sie gemeinsam verbracht, vor sieben Jahrzehnten wurde geheiratet.

Quelle: tol

Von Frank Westermann. Beispielsweise bei Luise und Friedrich Schönbeck. Wenn jemand etwas von der lebenslangen Ehe versteht, dann die beiden, sie haben jetzt die Gnaden-Hochzeit gefeiert. Das sind 70 Jahre Ehe, 70 Jahre durch dick und dünn, 70 Jahre eng zusammen sein, 70 Jahre an der Seite eines einzigen Menschen.

 Luise Schönbeck, 94 Jahre, rank und schlank und auf eine herrliche Art ein bisschen spitzbübisch, und Friedrich Schönbeck, 93 Jahre, groß und stattlich und in Rolfshagen geboren, haben sich in Berlin kennengelernt, als er dort im Zweiten Weltkrieg stationiert war. Sie lebte auf einem Bauernhof in Zehlendorf bei Oranienburg. Und? Hat sie ihm damals immer eine Stulle geschmiert und vorbeigebracht? „Nein, nein“, sagt sie lachend, und man fühlt sich schon ein bisschen schuldig wegen der dummen Frage, als sie noch einen Satz hinterherschiebt: „Es war öfter mal ein Ei, aber immer mit Bratkartoffeln.“

 Und mit dieser hübsch gesetzten Pointe ändert sich das Gespräch mit dem Ehepaar, es wird heiter. Beide sind noch topfit im Kopf, können gut und geschliffen formulieren, und wenn sie sich über die biografischen Details unterhalten, dann kabbeln sie sich gern ein bisschen. Beide, das merkt man schnell, sind sich innig zugetan. Und dann erzählen sie, dass sie noch immer mit dem Bus nach Obernkirchen zum Einkaufen fahren, oder auch mal nach Rinteln, wo man sich zusammen einfach auf eine Bank an der Weser setzen kann – ein noch immer selbstbestimmtes Leben im hohen Alter .

 Die Biografien sind schnell abgehakt. Geheiratet haben sie am 6. November 1943, durchaus stilvoll und sowohl standesamtlich als auch kirchlich. Als er nach dem Krieg aus der Gefangenschaft kam, hat er seine Luise abgeholt, zu Fuß –und mit der Bahn ging es nach Magdeburg, von dort aus nach Rolfshagen in sein Elternhaus. Dort war es richtig voll, viele Flüchtlinge lebten in kleinen Zimmern. Es war eng, aber es ging. „Richtig gehungert haben wir nie“, sagt Luise Schönbeck, „wir sind immer zurechtgekommen.“ Zwei Söhne wurden geboren, das Geld verdiente Friedrich Schönbeck als Bergmann in Obernkirchen und später als geprüfter Haumeister im Wald. Und noch heute kann er sich darüber amüsieren, dass größere Gegensätze in einem Arbeitsleben nicht möglich sind: erst unter Tage und dann über Tage, in der freien Natur. Mit 60 ging es in die Rente, der Bergmann konnte sein Altersruhegeld ein paar Jahre früher einreichen.

 Von rund 20 Millionen Ehepaaren feiern in Deutschland zehn Millionen nach einem Vierteljahrhundert ihre Silberhochzeit, eine Million schafft es bis zur Goldenen Hochzeit. Rund 10000 Paare feiern noch die Eiserne Hochzeit, sind also 65 Jahre verheiratet. Und noch einmal deutlich weniger können auf 70 Jahre Ehe zurückblicken, wie die Schönbecks.

 Ein Rezept, eine Art Bedienungsanleitung, wie man das über so lange Zeit hinbekommt, haben Luise und Friedrich Schönbeck nicht – natürlich nicht, wer hat das schon. Aber es gibt ein paar Regeln, an die sie sich gehalten haben. „Fehler haben wir alle“, sagt Luise Schönbeck: „Ich darf ihm Vorwürfe machen und er mir natürlich auch.“ Man dürfe das alles nicht ganz so ernst sehen, „wir haben nur ein Leben“. Friedrich Schönbeck formuliert es so: „Man muss jedem etwas gönnen.“ Und, ebenfalls für beide wichtig: „Man muss sich Freiheiten lassen.“

 Das alles klingt nach einem hübschen Kalenderspruch. Aber vielleicht liegt das Geheimnis auch in genau dieser Schlichtheit, warum die Ehe bei dem einen scheitert und bei anderen ein Leben lang hält.

 Vielleicht sollte man einfach nur glücklich sein mit dem, was man hat.

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