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Rehren Tut gut

Unter dem blauen Himmel hängen die Wolken tief und dunkel und schwer über den leer gemähten Stoppelfeldern, und direkt neben der schwächlich in ihrem Bette mäandernden Aue steht Wanderleiter Hans-Peter Grote vom Kneipp-Verein Obernkirchen und erzählt von heute nicht mehr vorhandenen Mühlen.

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Das entspannte Aufatmen bei den ersten Schritten im Wald, die gelassene Neugier beim Durchstreifen der Landschaft, das wohlige Gefühl danach – das ist Wandern. Unser Bilder entstanden auf dem Trimm-dich-Pfad für die Seele.

Quelle: rnk

Rehren. Denn das Gefälle der Aue zwischen Hattendorf und Buchholz führte dazu, dass dort rund 20 Mühlen betrieben wurden, und so mancher Auetaler kennt noch immer ihre Namen: die „Schneide- und Ölmühle“, die in Poggenhagen bis 1962 betrieben wurde, die Borsteler Mühle, die „Schwarze Mühle“ bei Rolfshagen und die bis in die siebziger Jahre betriebene „Arensburger Papiermühle“ und natürlich die die „Schlingmühle“ zwischen Buchholz und Steinbergen.

 Dann geht es ein paar Meter zurück, wieder hinauf auf den Trimm-dich-Pfad für die Seele, der offiziell den etwas sperrigen Titel „Weg der Selbstzuwendung“ trägt und ein Auetaler Alleinstellungsmerkmal im Rahmen der Entwicklung von touristischen Wegekonzepten darstellt. Doch all die Hinweise, wie der täglich gestresste Mensch wieder zu sich findet, fallen an diesem Tag nicht auf fruchtbaren Boden: Die Wandergruppe des Kneipp-Vereins, die dort ihre August-Wanderung absolviert, ist schlicht zu groß, um noch nebenbei leicht spirituell angehauchte Übungen durchzuführen. Die Gruppe folgt dem Weg der Selbstzuwendung bis etwa zur Hälfte, dann geht es weiter auf dem Waldweg zum Hattendorfer Tretbecken. Es ist wie eine Reise zurück in das vergangene Jahrhundert, als Tretbecken landauf, landab angelegt wurden, um die Lehre von Sebastian Kneipp zu verkünden: Kleine, staksige Schritte wie beim Storch-Spaziergang bringen im Handumdrehen den Kreislauf in Schwung; das härtet das Immunsystem ab und steigert das allgemeine Wohlbefinden.

 Und auch zwei Reckstangen erinnern an eine Zeit vor 44 Jahren: Die Trimm-dich-Bewegung wollte dem Übergewicht und den zunehmenden Kreislauferkrankungen den Kampf ansagen. Zudem sollte die in der bundesdeutschen Wohlstandsgesellschaft durch das „Wirtschaftswunder“ stark gestiegene Zahl Herzinfarktgefährdeter durch sportliche Betätigung verringert werden. Unvergessen ist der Werbespot mit dem Slogan „Ein Schlauer trimmt die Ausdauer“.

 Man tritt den aktiven Wanderern des Kneipp-Vereins Obernkirchen sicherlich nicht zu nahe, wenn man ihnen attestiert, dass sie der Generation 40plus angehören, und unwillkürlich drängt sich eine Frage auf: Wo ist der Nachwuchs? Im Auetal ist er wohl eher nicht zu finden, schließlich musste das Wanderangebot im Rahmen des diesjährigen Ferienspaßes abgesagt werden: Es hatte sich nur ein Jugendlicher angemeldet.

 Vielleicht hilft ein Anruf bei der Deutschen Wanderjugend weiter, der DWJ. Das ist die outdoororientierte Jugendorganisation des Deutschen Wanderverbandes. Zurzeit sind in diesem Dachverband 57 Mitgliedsvereine zusammengeschlossen, von A wie Altmärkischer Wanderverein bis W wie Wiehengebirgsverein Weser-Ems. In der DWJ sind etwa 100000 Kinder und Jugendliche organisiert. Ein besonderer Schwerpunkt liegt naturgemäß im Bereich „Junges Wandern“. Täuscht der Eindruck, oder wird das Wandern vor allem von Älteren, betrieb? „Ja, das kann man so sagen“, erklärt Torsten Flader, „es sind vor allem Erwachsene, die wandern.“ Bei Jugendlichen werde bei der Frage nach den Hobbys Wandern eher nicht an erster Stelle genannt, erklärt der Bildungsreferent der Deutschen Wanderjugend. Aber ganz so einfach ist es nicht, wie das Gespräch mit Flader zeigt. Denn man müsse unterscheiden, sagt er: zwischen dem klassischen Wandern und Angeboten, die es in diesem Bereich für die Jugendlichen gebe. Das sei das klassische Zeltlager, aber auch das Abenteuertrekking, die Wanderung mit Tieren wie Esel oder Lama oder auch eine GPS-gestürzte Wanderung, also Geocaching. Soll heißen: Man muss den Jugendlichen zeitgemäße Varianten präsentieren, wenn man sie zum Wandern führen möchte.

 Wichtig sei zudem der Wohnort, sagt Flader. Der Wohnort? „Ja, die Teilnahme an Wanderangeboten ist durchaus regionsabhängig. Nehmen Sie Ihre Region: Mangels Mittelgebirge dürften sich die Wanderangebote im überschaubaren Rahmen halten.“ Das sei in andern Gegenden mit „richtigen“ Bergen anders, im Schwarzwald, in der Rhön oder im Spessart: Dort genössen Wandervereine noch heute den gleichen Stellenwert wie die Feuerwehr und der Schützenverein: Sie seien vor 150 Jahren gegründet worden und damit wichtige Kulturträger. Nicht wenige Wandervereine in der dortigen Region hätten ein eigenes Orchester oder würden Feste ausrichten, sagt Flader.

 Zurück nach Rehren, zurück auf den Trimm-dich-Pfad für die Seele, der bei den Wanderern aus Obernkirchen durchaus einen guten Eindruck hinterlässt: Was der Bauhof mit Helfern an Wegen angelegt hat, ist auch ein Jahr später noch bestens befestigt, es geht sich fast von allein.

 Doch wohin man auch kommt, das Springkraut ist schon da; es ist ein Waldtyrann und erobert sich von Jahr zu Jahr mehr Raum.

 Auch wenn der Winter ausfiel, der Frühling ein gefühlter Sommer war und sich diese Tage anfühlen wie ein herbstlicher Abschlag: Noch ist Sommer, Hochsommer sogar. Und Sommerzeit ist Beerenzeit. Wer Himbeere und Co. nur aus dem Supermarkt kennt, sollte in den Wald gehen: Dort wartet ein buntes Sortiment an wilden Früchten, die für jeden Geschmack etwas bereithalten: Heidelbeere, Himbeere, und Brombeere, die in diesem Jahr so süß wie lange nicht mehr schmeckt.

 Über Hattendorf geht es zurück über den Kamm nach Rehren, die vom Nabu angepflanzten Bäume schützen vor dem Wind. Dreimal bleiben die Obernkirchener Wanderfreunde noch stehen, bestaunt werden die schönen Panorama-Schilder, die darüber informieren, wo sich was im Auetal findet, ehe mit dem Russenfriedhof noch ein Platz wartet, den die meisten gar nicht kennen.

 Nach 150 Minuten ist die schöne Runde beendet, und alles war da, was Wandern auszeichnet: Das entspannte Aufatmen bei den ersten Schritten im Wald, die gelassene Neugier beim Durchstreifen der Landschaft, das wohlige Gefühl danach – Wandern tut gut. rnk

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