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Integration in Rehren Unersetzlich

Man mag es kaum glauben, wenn man mit Sarah Muhammad spricht, aber Deutsch ist nicht ihre Muttersprache. Mehr noch: Noch vor vier Jahren verstand sie kein einziges Wort.

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Ein Leben lang treu

„Hier ist alles voller Regeln“: Sarah Muhammad.

Quelle: jak

Rehren. Heute spricht sie akzentfrei und mit einem Wortschatz, dessen Umfang manch Einheimischem gut zu Gesicht stehen würde. Aber auf ihrem persönlichen Fortschritt ruht sich Muhammad nicht aus. Während andere die Zeit zwischen Abitur und Studium lieber für Weltreisen, Urlaub und Partys nutzen, hat sie sich als Dolmetscherin und Ansprechpartnerin für Auetaler Flüchtlinge unersetzlich gemacht.

 Täglich steht Muhammad, deren Familie aus Jordanien stammt, in Kontakt mit den im Auetal lebenden Familien. Hilfe bei Behördengängen und Arztbesuchen gehören zu ihrem Alltag, aber sie ist auch Lotsin in der deutschen Kultur. „Hier ist alles voller Regeln“, erklärt sie, „das ist am Anfang wahnsinnig kompliziert.“ In Jordanien denke sich zum Beispiel niemand etwas dabei, wenn man mit zehn Kindern im Auto über die Straßen kurve. Das sei in Deutschland zum Glück anders.

 Angesprochen auf die größte Umstellung meint sie: „Das Wichtigste ist, dass man in Deutschland keine Polizisten zu bestechen braucht.“ Ein Rechtsstaat, der diesen Namen auch verdient, ist für die meisten Menschen, die derzeit nach Deutschland fliehen, unbekannt. Aber um die Unterschiede verstehen zu können, muss sich jemand die Zeit nehmen, die Neuankömmlinge an der Hand zu nehmen.

 Aber auch beim Erlernen der Sprache kann Muhammad den Flüchtlingen helfen. Sie kennt die Schwierigkeiten, wenn man aus einem komplett anderen Sprachraum kommt, auch wenn sie selbst mit einem Privatlehrer die besten Voraussetzungen hatte. „Trotzdem habe ich mich ein Jahr lang jeden Abend hingesetzt und gelernt“, erklärt die Abiturientin. Gerade die Grammatik, aber auch das unterschiedliche Alphabet sowie die im Arabischen nicht existierende Groß- und Kleinschreibung seien Hindernisse beim Erlernen der deutschen Sprache.

 Im arabischen Sprachraum habe Englisch einen wesentlich größeren Stellenwert als in Deutschland. „Im Fernsehen laufen die meisten ausländische Filme nur mit Untertitel“, erklärt Muhammad, „und irgendwann hört man auf, die zu lesen.“ Aber auch wenn Englisch für eine erste Verständigung nützlich sei, die Flüchtlingsfamilien hätten großes Interesse daran, Anschluss an die hiesige Gesellschaft zu finden. Dafür brauche es aber Menschen, die sich die Zeit nehmen, auf sie zuzugehen. „Sie tun sich schwer, Hilfe anzunehmen“, sagt Muhammad. Diese sei aber trotzdem oft notwendig.

 „In Rehren funktioniert das super, hier helfen richtig viele mit“, freut sich sich die 19-Jährige, „in Hattendorf bisher leider weniger.“ Trotzdem habe jeder, der es bis nach Deutschland geschafft habe, wahnsinniges Glück. „Ich sage ihnen immer: Ihr lebt hier im Luxus. Ihr habt eine Wohnung, eine Küche ein Bad, die Kinder gehen zur Schule.“

 Insbesondere wenn man sich die Situation der Flüchtlinge in Jordanien, einem Nachbarland von Syrien, ansieht, sind es geradezu paradiesische Zustände. „Das ist echt tausendmal schlimmer“, weiß Muhammad. Mehr als 600000 registrierte Flüchtlinge beherbergt das Land mit einer Bevölkerung von nur 6,7 Millionen. Die Regierung spricht gar von bis zu 1,8 Millionen Menschen, die sich derzeit in Jordanien aufhalten. Sie leben in Flüchtlingslagern, die teilweise bis zu 130000 Menschen beherbergen sollen, oder in den Armenvierteln der Städte. Sie dürfen nicht legal arbeiten, da die einheimische Bevölkerung Angst vor Preisdumping hat, und sind daher auf Schwarzarbeit und Spenden angewiesen.

 Über 80 Prozent der syrischen Flüchtlinge leben laut Amnesty International unterhalb der Armutsgrenze. Das Land fühlt sich alleine gelassen, zugesagte Spenden seien nicht geflossen, Unterstützung komme nur spärlich, die Wirtschaft des Landes sei ohnehin strapaziert genug. Wer kann, versucht, den perspektivlosen Zuständen zu entkommen, nach Europa. jak 

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