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Verrottete Baumstümpfe wiederbeleben

Amerikaner in Auetal Verrottete Baumstümpfe wiederbeleben

Er möchte Bob genannt werden. „Einfach nur Bob. Ich bin Amerikaner, wir sind immer gleich per Du“, fügt er mit einem herzlichen Lachen an. Der 62-jährige Bob Shippy lebt seit circa fünf Jahren im Torwächterhaus von Gut Wormsthal.

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Bob Shippy „putzt“ den Baumstumpf bis das Kernholz hervor kommt. Eine Arbeit, die Geduld und Ruhe erfordert (Foto li.). Die fertigen Kunstwerke (Fotos unten) bezeichnet der Künstler als Wiederauferstehung toter Bäume. 

Quelle: lb

AUETAL. Im Gespräch mit Shippy wird seine Herkunft sofort deutlich. Bei jedem Wort schwingt ein schwerer amerikanischer Akzent mit. Der gebürtige US-Amerikaner ist ein echtes Original. Das wird nach wenigen Augenblicken deutlich.

1955 im Norden der USA in der Nähe von Chicago geboren, ging Shippy mit gerade einmal 17 Jahren zum Militär, genauer gesagt zur US Air Force. Er kämpfte in Vietnam und wurde nach seinem Kriegsdienst nach Deutschland versetzt.

Seit einiger Zeit lebt Shippy nun im Auetal und hat dort seine zweite Heimat gefunden. „Die Ruhe hat es mir angetan“, erzählt er. Mit seiner ersten Frau hat Bob Shippy zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter. Beide sind in Deutschland geboren. „Mein Sohn lebt aber mittlerweile wieder in den Staaten.“

Shippys große Leidenschaft war schon immer das Arbeiten mit Holz. „Das wurde mir quasi in die Wiege gelegt“, erzählt er. Sein Großvater besaß eine eigene kleine Werkstatt, in der er alles Mögliche aus Holz herstellte. Als kleiner Junge durfte er ihm zusehen, und als er älter wurde, auch mitmachen.

Leidenschaft zum Beruf gemacht

Nach dem Ende seiner 20-jährigen Militärkarriere machte Shippy aus seiner Leidenschaft einen Beruf und durchlief in Deutschland eine Ausbildung zum Zimmermann.

Anschließend führte er für einige Zeit einen eigenen kleinen Betrieb: „Den gibt es auch heute offiziell noch. Jedoch führe ich die Geschäfte nicht mehr wirklich fort. Gelegentlich helfe ich Freunden und Verwandten bei kleineren Arbeiten aus.“

Shippys aktuelles Projekt heißt „Resurrection Art“, was so viel wie „Wiederauferstehungs- Kunst“ bedeutet. „Alles begann bei einem Waldspaziergang mit meiner Freundin vor sechs oder sieben Jahren“, erinnert er sich, „Es war kurz vor Weihnachten. Meine Freundin war auf der Suche nach Deko“, erzählt er.

„Während wir so durch den Wald gingen, stieß ich irgendwann auf einen verrottenden Baumstumpf. Ich nahm ihn mit und legte ihn in meine Garage.“ Im darauffolgenden Frühjahr sei er ihm wieder eingefallen – „und ich machte mich daran, ihn mit einem Hochdruckreiniger zu säubern“. Er habe das tote Holz abgetragen und sei irgendwann zum Kernholz vorgedrungen. „Diese skurrile Form wirkte so ästhetisch, als hätte der tote Baum etwas Neues hervorgebracht – eine wahre Wiederauferstehung.“

Aus scheinbar verrotteten Baumstümpfen macht Shippy in seiner eigenen Werkstatt auf dem Gut seitdem ungewöhnliche Skulpturen. Er legt das Kernholz frei, zeigt den Baum in seiner originären Form.

Der US-Amerikaner möchte sein Tun jedoch nicht als Kunst bezeichnen. „Ich bin kein Künstler, sondern vielmehr eine Putzfrau, die das Werk von Mutter Natur säubert und freilegt.“

Spaß und Erholung

Die Arbeit mit diesem speziellen Material macht Shippy großen Spaß und verschafft ihm zudem Erholung, wie er im Gespräch mit unserer Zeitung erzählt: „Sobald Du etwas mit deinen Händen erschaffst, vertreibt das alle überflüssigen und störenden Gedanken. Du konzentrierst dich nur noch auf deinen Baumstumpf und vergisst allen Stress.“

Davon konnten sich auch schon Freunde von Shippy überzeugen: „Vor einigen Jahren rief mich ein guter Freund aus Berlin an. Er arbeitet in einem großen Unternehmen und litt unter enormen Stress. Er war nahe der Verzweiflung.“

Shippy lud seinen Freund in seine Wohnung auf Gut Wormsthal ein und nahm ihn bei seinen Spaziergängen im nahegelegenen Wald mit. Auch in der Werkstatt war sein Freund bei ihm. „Nachdem er mir einige Zeit zugesehen hatte, wie ich die Baumstämme bearbeitete, wollte er sich an einem eigenen Stück probieren. Also gingen wir in den Wald und suchten ihm einen Stumpf aus.“

Die Arbeit habe bei seinem Freund sehr schnell Wirkung gezeigt, erzählt Bob heute. Nach wenigen Tagen konnte sein Freund weitaus entspannter und gelassener zurück nach Berlin fahren, wo er in der Folgezeit nach eigener Aussage ein ausgeglicheneres Leben als vorher geführt habe.

„‚Resurrection Art’ bedeutet für jeden etwas anderes. Es gibt keine richtige Herangehens- oder Arbeitsweise. Jeder Baumstumpf ist individuell und so ist auch die Arbeit daran und damit. Doch eines lehrt sie jeden: Geduld und Ruhe.“

Shippys Freund machte ihm nach seinem Aufenthalt auf Gut Wormsthal den Vorschlag, dass er doch Workshops für gestresste Manager anbieten solle. Und tatsächlich bietet Shippy auf seiner Homepage www.resurrection-art.com den „Hands-on-Workshop“ an. „Ich möchte den Menschen die Möglichkeit geben, selbst zu erfahren, was es heißt, von der Natur zu lernen.“ Denn nichts anderes sei „Resurrection Art“: ein Lernprozess. lb

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