Volltextsuche über das Angebot:

1 ° / -6 ° wolkig

Navigation:
Was sind Pilgerer eigentlich für Typen?

Pilgern zwischen Loccum und Volkenroda Was sind Pilgerer eigentlich für Typen?

Hape Kerkeling hatte Unrecht: Pilgern ist mehr, als nur mal weg sein. Pilgern ist eine Auszeit im großen Zocken um Geld und Karriere, ein Abbremsen im Hamsterrad der Routine, eine Pause von unserer konsumgesättigten Welt. Oder?

Voriger Artikel
Ein Leben lang treu
Nächster Artikel
„In hohem Maße unzufrieden“

Es sind fünf Grundtypen, die man auf den Pilgerwegen antrifft. Und nicht jeder sucht das Gespräch.

Quelle: rnk

Auetal. Seit zehn Jahren existiert der Pilgerweg von Loccum nach Volkenroda, und bei einer zweitägigen Konferenz wurde 2013 in Loccum der Frage nachgegangen, warum der Mensch alles hinter sich lässt und sich auf den Weg macht. Soviel vorweg: Den Pilger an sich gibt es nicht, aber es gibt unterschiedliche Gründe.

 Diplom-Sozialwissenschaftler Christian Kurrat von der FernUniversität Hagen hatte Feldstudien auf dem Jakobsweg in Spanien durchgeführt, und eine zentrale Fragestellung war, ob es „Typen“ gibt, die den Pilgerweg laufen. Antwort: Ja, es gibt sie, und sie lassen sich auch auf dem Weg von Loccum nach Volkenroda übertragen.

 Der erste Typus: Menschen, die eine biografische Bilanzierung machen möchten. Menschen also, die das Ende ihres Lebens vor Augen haben und eine Bilanz ziehen und die Ereignisse in ihrem Leben werten und einordnen wollen. Sie gehen allein und nehmen die Schmerzen, die sie unterwegs verspüren, als Buße für die negativen Erfahrungen, die sie in ihrem Leben sammeln mussten. Wichtig ist in ihrem Leben die Familie, und das Pilgern betrachten sie als eine Art Vermächtnis über ihr Leben für ihre Nachkommen.

 Der zweite Typus steckt in einer biografischen Krise: Er hat einen Menschen verloren, er wird durch eine schwere Krankheit aus den täglichen Bahnen gerissen. „Diese Menschen pilgern allein, aber sie suchen den Kontakt zu anderen Pilgern, denn das Pilgern dient der Reinigung“, erklärt Kurrat in Loccum. Durch die Bewegung hat man die Möglichkeit, den Schmerz zu verarbeiten. Kurrat schilderte die Erfahrung einer 46 Jahre alten Frau, die ihren Vater verloren hat: „Die Begegnungen mit anderen Menschen waren sehr intensiv. Ich habe mein Herz ausschütten und darüber reden können, das befreit schon einmal. Und die haben ihr Herz ausgeschüttet. Man kriegt mit – man ist ja nicht allein. Auch andere haben ihr Päckchen zu tragen.“

 Der dritte Typus nimmt sich einfach eine Auszeit: Menschen, die im Alltag hohen Stress erfahren, die mit Anforderungen konfrontiert werden, denen sie nicht mehr gerecht werden können; Menschen, die in einer Sinnkrise stecken und das Pilgern nutzen, um sich zu entschleunigen; um Sinn und Ruhe in ihrem Leben wiederzufinden“, wie es Kurrat formulierte. Sie führen mit dem Mitpilgernden Gespräche und treffen auf Menschen, die eben keine Anforderungen an sie stellen, sondern sie in ihre Gemeinschaft aufnehmen.

 Kurrat zitierte stellvertretend für diesen Typus eine 40-jährige Selbstständige: „Natürlich ist Erfolg schön, aber es füllt mich irgendwann nicht mehr aus. Wenn das nicht mehr den Sinn ergibt, den man eigentlich im Leben sucht, wenn man sagt, man ist ja nur noch da, um zu arbeiten, dann muss man irgendwann mal umdenken, wo man sagt, was will man denn eigentlich.“ Kurrat nennt es „Pilgern auf Rezept“.

 Das gilt auch für den vierten Typus: Auch dieser pilgert oft auf Rezept, aber aus einem anderen Grund: Er steht an einer Schwelle in seinem Leben – etwa nach der Ausbildung und vor dem Beruf oder nach dem Beruf und jetzt vor dem Rentnersein.

 Kurrat sieht es so: „Dies sind Übergänge, die in der Normalbiografie vorgesehen sind, für die es aber in der heutigen Gesellschaft keine Rituale gibt.“ Und daher suchen sich die Menschen dieses Ritual – und finden das Pilgern. Man denkt zurück an sein bisheriges Leben und überlegt, wie man das weitere Leben gestalten möchte.

 Der letzte Typus schwingt den Pilgerstab, weil in seiner Biografie ein Neustart angelegt wird: Er hat seinen Job gekündigt oder eine Scheidung oder eine Trennung vom Partner hinter sich, und sie verbinden mit dem Pilgern einen biografischen Neustart: Kurrat: „Für sie haben Mitpilger eine außerordentlich wichtige Funktion. Sie tauschen sich intensiv aus, sie besprechen die Gründe, die zum Bruch in ihrem Lebenslauf geführt haben.“ Und sie besiegen den eigenen Körper und zeigen durch die körperlichen Schmerzen, dass sie große Anstrengungen unternommen habe, um ein neues Leben zu beginnen.

 Denn im Gegensatz zu dem Pilger, der sich in einer biografischen Krise befindet, will der Neustarter nach seiner Rückkehr auch dies: Eine Heldengeschichte erzählen.

 Seine Heldengeschichte. rnk 

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Möchten Sie uns zu diesem Artikel Ihre Meinung sagen? Dann schicken Sie uns einen Leserbrief.

Leserbrief schreiben

Unternehmen quer durch alle Branchen haben sich auch in diesem Jahr wieder an der Aktion der Lions Clubs beteiligt, deren Erlös auch der „Weihnachtshilfe“ der Schaumburger Nachrichten zugute kommt. Hier finden Sie ab dem 1. Dezember die täglich aktuellen Gewinnnummern. mehr

In Ruhe einkaufen, erholsam Urlaub machen, in die Stadtgeschichte eintauchen oder einfach mal in einem der vielen Restaurants und Kneipen die Seele baumeln lassen. Lernen Sie Stadthagen von einer ganz anderen Seite und auf ganz besondere Weise kennen. mehr

Schaumburg