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„Wie ein Auto mit fünf Reifen“

Portativ-Spezialist zu Gast im Auetal „Wie ein Auto mit fünf Reifen“

Wilfried Praet schaut nach oben, lässt den Blick schweifen, geht in die Knie und legt sich auf den Rücken: Von dort hat er den besten Blick, dafür ist er angereist.

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 Nicht historisch korrekt ist die Abbildung, aber Wilfried und An Joseph machen dennoch ein Foto in der schönsten Kirche des Landkreises.

Quelle: rnk

Kathrinhagen. Was er sieht, ist eine Darstellung eines Portativs, also einer Orgel, wie sie im 13., 14. und 15. Jahrhundert üblich war, ehe dieses Instrument wieder verschwand. Oder, wie es Praet formuliert: „Puff, und weg war sie.“

 Man kann es so sagen: Kathrinhagen ist an diesem tag nur eine Station, die Praet und seine Frau An Joseph durch die halbe Bundesrepublik führen wird, denn die Geschichte und die Darstellung des Portativs ist ein Hobby von beiden.

 Sie kommen aus Belgien, aus Nieuwkerken, vier Stunden Autofahrt, und in Kathrinhagen fügt sich das eine zu anderen, denn Praet hatte bei Anne Ackmann seinen Besuch angekündigt. Weil das Niederländisch der Küsterin ein bisschen eingerostet ist, hatte sich Anne Ackmann an Marjanne Griffioen gewandt, die mit ihrem Mann Cornelius das alte Pfarrhaus gekauft hat und dort nicht nur Antiquitäten verkauft, sondern auch Gästezimmer anbietet. Und das Beste: Marjanne Griffioen stammt aus den Niederlanden, sie kann daher problemlos als Dolmetscher einspringen.

 Portative sind, vereinfacht ausgedrückt, Orgeln mit Tragegurt. Sie ermöglichten einen angenehmen Spielkomfort: Der Musikant stellte das Portativ im Sitzen auf seinen Schoß, im Stehen auf den angewinkelten Oberschenkel oder trug es an einem Riemen über seiner Schulter, etwa bei einer Prozession. Er bediente die Klaviatur ausschließlich mit der rechten Hand, während er mit der linken Hand den Balg oder die Bälge betätigte, die den Pfeifen Wind zuführten. Durch das Zusammenspiel von linker und rechter Hand entstand eine besondere Klangcharakteristik, die ein guter Spieler ähnlich wie bei der Flöte beeinflussen konnte.

 Nach Kathrinhagen nun führt An Joseph und Wilfried Praet das Internet, denn dort fanden sie einen Hinweis auf eine Portativ-Darstellung in den Fresken unter dem Kirchendach. Gefunden hatte der Niederländer im Netz eine Dissertation einer Mindenerin, die unter dem Titel „Studien zur Restaurierungsgeschichte mittelalterlicher Gewölbe und Wandmalereien im Gebiet des heutigen Niedersachsen“ eine Darstellung von historischen Methoden, Techniken und Materialien zur Erlangung des akademischen Grades Doctor philosophiae an der Hochschule für Bildende Künste Dresden vorgelegt und sich dabei auch mit den Fresken in der Katharinenkirche befasst hatte.

 2000 Fotos, Abbildungen und Gemälde mit Portativen hat sich Wilfried Praet im Laufe seines Lebens angeschaut. „Und bis 1520 wurden die Instrumente auch so gebaut, wie es sein musste“, erzählt Praet, der es wissen muss: Er ist Orgelbauer. Aber dann, in der Zeit nach 1520, wurden die Darstellungen immer vager. „Sie waren technisch nicht korrekt“, sagt er. Die Maler hätten sie gerne wie eine altmodische Orgel dargestellt. Und auf den Bildern sieht ein Experte wie Praet fünf Jahrhunderte später, dass die Portativ-Maler nie in ihrem Leben eine derartige Orgel gesehen haben: „Sie sieht dann aus wie heute ein Auto mit fünf Reifen“, sagt er. Als Zuhörer kann man das Problem erahnen, wenn er auf das Standardwerk verweist: Hans Hickmann hat es geschrieben, es heißt „Das Portativ. Ein Beitrag zur Geschichte der Kleinorgel“ – und es ist 1936 erschienen. Das Portativ ist eben ein historisches Musikinstrument, das vor allem im Mittelalter und in der Renaissancemusik gespielt wurde. In der Barockmusik wurde es immer weniger verwendet.

 Was erstaunlich ist: Obwohl das Portativ auf vielen Werken der Malerei und der bildenden Kunst als Instrument dargestellt ist, das von Engeln gespielt wird, wurde es kaum in der Kirchenmusik verwendet. Die meisten Portativspieler waren Spielleute.

 Auch in Kathrinhagen findet Praet zwar sein Motiv, aber es ist nur eine Mischform, die oben an der Katharinenkirchendecke dargestellt wird. „Historisch korrekt ist das Abbild nicht“, sagt Praet und wirkt nicht sonderlich überrascht: Er ist derartige fehlerhafte Abbildungen gewohnt.

 Dafür setzt sich der Orgelbauer noch einen Moment an die Orgel, plötzlich erklingt Bach in der Katharinenkirche. Dann muss er weiter, nach Magdeburg. Dort soll es eine weitere Darstellung geben. Insgesamt fünf Stationen will er aufsuchen. Die letzte ist Berlin, denn vor 14 Jahren hat er ein Buch über Orgeln herausgegeben – und die neue Version enthält auch chinesische Kapitel, und in der Bundeshauptstadt wohnt die Übersetzerin. Praet will persönlich ein Exemplar übergeben und so danke sagen.

 Seit einigen Jahrzehnten werden Portative übrigens wieder häufiger gebaut, und zwar als Gesellenstück von Orgelbauern, die an diesem kleinen und im Vergleich zur großen Orgel viel preisgünstiger herstellbaren Instrument alle wesentlichen handwerklichen Fähigkeiten des Orgelbauers beweisen können. rnk

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