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Wurzeln im Auetal

Wilhelm Buschs Familiengeschichte Wurzeln im Auetal

Am Schluss sind zwei Kinder tot, und das halbe Dorf steht zusammen und freut sich darüber. Die Witwe, der Schneider, der Lehrer, kurzum: das sogenannte Bürgertum, das sich als Meute der Heuchler entpuppt.

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Hattendorf (rnk). „Max und Moritz“ ist von einer derartigen Gefühlskälte durchdrungen, neben der die schlimmsten Albtraumtexte von Franz Kafka wie hingegossene Mitmenschlichkeit wirken.

 „Max & Moritz“ feiern dieses Jahr ihren 150. Geburtstag, erdacht, gemalt und schlicht genial gereimt wurden sie von Wilhelm Busch, aber das sich ein Raum im Heimatmuseum mit dem gebürtigen Wiedensahler und seinem Weltbestseller beschäftigt, hat noch einen anderen Grund: Busch hat Auetaler Wurzeln, seine Urgroßmutter stammt aus Hattendorf.

 Ausgegraben hat die Wurzeln des Wiedernsahlers Jörg Landmann, der langjährige Leiter des Heimatvereins Auetal. Hattendorf war damals Sitz der Averbeger Vogtei. Ein Vogt regierte und richtete als Vertreter eines Feudalherrschers in einem bestimmten Gebiet im Namen des Landesherrn. Er hatte den Vorsitz im Landgericht und musste die Landesverteidigung organisieren. Im Krieg führte er das Lehensaufgebot des Landes, der Machtbereich eines Vogts und sein Amtssitz wurden als Vogtei bezeichnet.

 Hattendorf war von alters her der Mittelpunkt des Auetals und hatte Marktrecht. Daher ließen sich dort zahlreiche Handwerker, Händler und Krämer nieder. Zu ihnen gehörte auch Carl Phillipp Kleine, der 1745 in Rodenberg zur Welt kam und sich in Hattendorf als „Chirurgus“ niederließ, als Wundarzt.

 Kleine führte ein bewegtes Leben und nahm mit dem hessischen Regiment auf Seite der Engländer am amerikanischen Unabhängigkeitskrieg teil. Die Landgrafschaft Hessen-Kassel, unter dem Regenten Friedrich II. von Hessen-Kassel, ein Onkel des britischen Königs Georg III., schloss einen sogenannten „Subsidienvertrag“ mit der britischen Krone und verpflichtete sich gegen Entgelt zur Entsendung von Regimentern, Grenadier-Bataillonen, Jäger- und Artillerie-Kompanien.

 Es war ein siebenjähriger Krieg, indem viele Schaumburger ihr Leben ließen. Und wenn sie überlebten, blieben sie in Amerika statt zurückzukehren in eine Heimat, in der immer die Leibeigenschaft bestand.

 Aus welchen Gründen Kleine zurückkehrte, wird im Dunkel der Geschichte verbleiben, aber 1773 heiratete er die in Hattendorf geborene Anna Marie Tebbe, eine Bauerntochter vom Schäferhof 12. Zwei Jahre später wurde Sohn Georg geboren, und der ließ sich als Erwachsener im Flecken Wiedensahl als Wundarzt nieder. Auch er heiratete, und die Tochter aus dieser Ehe war Henriette Kleine, die spätere Mutter Wilhelm Buschs.

 Im Jahrbuch der Wilhelm-Busch-Gesellschaft von 1956 heißt es mit Blick auf die Familie Tebbe: „Damit stammt diese Ahne von Wilhelm Busch aus einer kleinbäuerlichen Familie, deren Bodenständigkeit mindestens seit 1635 nachzuweisen war.“

 Maxi Schweitzer ist die Projektleiterin des Jubiläumsprogramms zu 150 Jahren „Max und Moritz“ im Schaumburger Land und fasst zur „Halbzeit“ die Feierlichkeiten kurz zusammen: „Es läuft“, sagt sie, die Kindergartenprojekte seien nahezu durch, jetzt kommen die echten Höhepunkte.

 Am Montag, 14. September, wird im Museum Bückeburg für Stadtgeschichte und Schaumburg-Lippische Landesgeschichte die Ausstellung „Streich auf Streich“ eröffnet, die vom Wilhelm Busch-Deutsches Museum für Karikatur und Zeichenkunst konzipiert worden ist. Dort werden die originalen Zeichnungen vieler der bekanntesten Comic-Künstler der Vergangenheit und Gegenwart versammelt. Der Bogen spannt sich dabei von Rodolphe Töppfer, Walt Disney, Walter Moers, Ralf König bis hin zu den Avantgardisten der Manga-Szene.

 Die Besucher bekommen in dieser Ausstellung nicht nur einen Überblick über die Entwicklung des Comics in den vergangenen 150 Jahren, sondern erfahren auch vieles über die Arbeitsmethoden der Zeichner und begegnen „alten Bekannten“ wie „Donald Duck“, „Fix und Foxi“ oder „Mecki“.

 Fast ausverkauft ist ein weiteres Schwergewicht: Harald Martenstein wird aus seiner aktuellen Kolumnensammlung „Die neuen Leiden des alten M. Unartige Beobachtungen zum deutschen Alltag“ am Sonnabend, 14. November, ab 19 Uhr im Schloss von Hammerstein vorlesen und im Anschluss daran mit Margarete von Schwarzkopf diskutieren. Martenstein ist Egon-Erwin-Kisch-Preisträger, erhielt außerdem den Henri-Nannen-Preis, dem Georg-K.-Glaser-Preis und wurde mit dem Curt-Goetz-Ring geehrt.

 1997 wurde erstmals der von den Schaumburger Nachrichten, der Stiftung Sparkasse Schaumburg und der Schaumburger Landschaft gestiftete Wilhelm-Busch-Preis vergeben, der mit 10000 Euro dotiert ist und jene Zeichner würdigt, die im Geiste Buschs in ihrem Werk die satirische und humoristische Versdichtung kongenial mit großem zeichnerischen Können verbinden. Der Wilhelm-Busch-Preis 2015 wird an den großartigen Hans Traxler verliehen werden. Dazu ist auch eine Ausstellung im Wilhelm-Busch-Geburtshaus in Wiedensahl geplant.

 Zurück nach Hattendorf, zurück ins Museum und Wilhelms Uroma, die nach einem Anruf bei Landmann verlangt, dem langjährigen Vorsitzenden und, wenn man so möchte, Erfinder des Auetaler Heimatmuseums. Wie ist er denn auf die Geschichte gestoßen, dass die Urgroßmutter von Busch aus Hattendorf stammt. „Das hat mir damals ein Hattendorfer erzählt“, sagt Landmann, und es liege schon so lange zurück, dass er glatt vergessen habe, wer das nun gewesen sei.

 Aber er hat einen Stammbaum verfasst, der noch heute im Museum zu sehen ist. Ins Staatsarchiv Bückeburg sei er nicht hinabgestiegen, um dort nach weiteren Zeugnissen zu suchen. Es ist, sagt Landmann, „eine historisch nicht gefestigte Aussage“.

 Das Internet helfe auch nicht weiter, die Familiengeschichte von Busch beginnt mit dem Großvater, der nach Wiedensahl zieht: „Johann Georg Kleine ließ sich gegen Ende des 18. Jahrhunderts in dem kleinen, ländlich geprägten Ort Wiedensahl zwischen dem schaumburgischen Stadthagen und dem hannoverschen Kloster Loccum nieder. Er erwarb dort 1817 ein strohgedecktes Fachwerkhaus. Die Eltern waren strebsame, fleißige und fromme Protestanten, die es im Laufe ihres Lebens zu einigem Wohlstand brachten. Sie konnten es sich später erlauben, neben Wilhelm zwei weitere ihrer Söhne studieren zu lassen“, heißt es bei Wikipedia; es ist eine Darstellung, die zu den Aussagen von Landmann passt.

 Wer sich selbst ein Bild machen möchte: Am kommenden Sonntag, 16, September, hat das Heimatmuseum von 14 bis 17 Uhr geöffnet.

 Wilhelm Busch hat seine Inspirationen gerne aus dem Alltag gezogen, auch das Haus der Witwe Bolte hat es wirklich in Wiedensahl gegeben. Im Heimatmuseum gibt es zu Ehren des Dichters einen eingerichteten Raum rund um „Max und Moritz“, dort hängt auch dieses Großplakat.

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