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Runder Tisch zum Thema Flüchtlinge

Rehren Runder Tisch zum Thema Flüchtlinge

Wenn die fremden Flüchtlinge in die Nachbarwohnung ziehen, dann gibt es genau zwei Möglichkeiten, wie man als Auetaler Nachbar reagieren kann, erklärt Bürgermeister Heinz Kraschewski beim ersten Runden Tisch zum Thema Flüchtlinge in Rehren.

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Bei Olaf Humke werden im Rathaus die Fäden der Flüchtlingshilfe zusammenlaufen.

Quelle: rnk

Rehren. Man kann sich an den Gartenzaun lehnen und zuschauen, wie sie ihren Müll nicht trennen, um ein Beispiel zu nennen. Oder man kann auf sie zugehen, weil sie das nicht können, und ihnen dann einfach zeigen, wie in Deutschland dieser Müll separiert wird. Ihnen zeigen, wie das ganz normale Leben im Auetal, im Landkreis, in Deutschland organisiert ist.

Kraschewski nahm sich beim ersten runden Tisch viel Zeit, um den insgesamt 46 Vertretern der Vereine und Institutionen sowie erstaunlich vielen Privatpersonen die Lage zu erklären. Und kaum einer kann sie besser beurteilen als der Verwaltungschef, weil er vor seiner Wahl in das Bürgermeisteramt in Stadthagen für den Landkreis viele Jahre mit der Flüchtlingsproblematik federführend befasst war. Nur: „Noch vor zwei Jahren bekam der zuständige Verwaltungschef einen Anruf von der Landesaufnahmebehörde, in dem mitgeteilt wurde, dass die Flüchtlinge in fünf bis sieben Tagen eintreffen würden.“ Das sei jetzt anders.

Die wichtigste Erkenntnis aus seiner Landkreis-Erfahrung sei diese: „Die Flüchtlinge dürfen nicht allein gelassen werden.“ Es werde nicht ausreichen, ihnen einen Schlüssel in die Hand zu drücken und ihnen zu sagen: „Da ist eure Wohnung, werdet selig damit. Ansonsten habt ihr ja Geld – und einen hauptberuflichen Sozialarbeiter gibt es ja auch noch.“ Denn diese Sozialarbeiter seien schon jetzt „hoffnungslos überfordert“. Die Arbeiterwohlfahrt (Awo) könne gar nicht so schnell einstellen, wie Mitarbeiter benötigt würden. In den neunziger Jahren habe ein Heim mit 70 Bewohnern einen Anspruch auf einen Sozialarbeiter gehabt, heute gibt es kreisweit sechs oder sieben Sozialarbeiter für diese Aufgabe bei erheblich höheren Flüchtlingszahlen. Kraschewski: „Weitere Einstellungen sind angesichts der erwarteten Zugänge unumgänglich.“

Über die gestern beschlossene Heranziehungssatzung werde der Landkreis das Auetal direkt mit ins Boot nehmen. „Wir sind daher auf die ehrenamtliche Mitarbeit von Ihnen allen angewiesen, um diese Aufgabe zu bewältigen“, wandte sich Kraschewski direkt an seine Zuhörer. Und: „Wir sprechen nicht von Tausenden.“ Sukzessive 100, nannte er als Zahl, und die verfügbaren Wohnungen würden nicht alle sofort belegt, „aber es könnte schnell gehen“. Deutschland werde zurzeit von der Flüchtlingswelle überwältigt. Kraschewski verglich die Situation mit einem Flaschenhals: Noch sei dieser verstopft, aber das werde nicht mehr lange so sein, dann würden aus den Notaufnahmelagern heraus verteilt.

Drei Wohnungen habe der Landkreis in Hattendorf angemietet, vier in Rehren. In Rolfshagen gebe es eine Sondersituation, dort sei eine Familie untergebracht; eine gibt es in Kathrinhagen. Weitere Wohnungen habe die Gemeinde in Aussicht, die Verhandlungen über die Anmietung würden geführt. Eine Quote von 90 bis 100 Flüchtlingen sei bereits für das Frühjahr 2016 „realistisch“, schätzte Kraschewski.

Die Verwaltung will das Heft des Handelns in den Händen halten. Das Rathaus und vor allem das Ordnungsamt mit Leiter Olaf Humke werden die Federführung übernehmen; allein schon, um Doppelstrukturen zu vermeiden – die ehrenamtliche Hilfe soll sich sinnvoll entfalten.

Die Gefahr der Entfaltung einer Nischengesellschaft sei umso größer, je weniger auf die Flüchtlinge zugegangen werde. Er gehe davon aus, dass jeder, der an diesem Abend den Weg in den Spiegelsaal gefunden hat, sich auch einbringen würde.

In den Wohnungen im Auetal werde man 50 Flüchtlinge unterbringen können. Diese Unterkünfte seien als Übergangsdomizil gedacht und entsprechend möbliert: Etagenbetten, Spinde, normale Bestuhlung. Sie seien nicht als Dauerwohnung gedacht.

Kraschewski schlug vor, in den jeweiligen Orten Teams zu bilden, die sich um die Wohnungen und deren Bewohner kümmern würden. Die Zahl der angemieteten Wohnungen im Auetal sei begrenzt, 20 seien das Maximum. Die Sprachschwierigkeiten seien ein Problem, meinte der Bürgermeister. Man könne nur hoffen, dass die Flüchtlinge auch Englisch sprechen würden. Dabei sei man auf die Erfahrung von Norbert Rose angewiesen, der sich in Rinteln als Sozialarbeiter seit 25 Jahren mit Flüchtlingen befasse und ein entsprechendes Netzwerk aufgebaut habe. Aber: „Der gesamte Landkreis braucht Dolmetscher“, nicht nur das kleine Auetal. Stefan Weber sah es so: „Wir sind auf uns gestellt.“ Man solle die Flüchtlinge mit in die Verantwortung nehmen und aus ihren Reihen Dolmetscher rekrutieren.

Zehn Wohnungen, zehn Teams, meinte Kraschewski. Wie engmaschig das sei, werde sich zeigen. „Es wird Erfolge und Rückschläge geben – das ist halt so.“

Keine Probleme mit den schulpflichtigen Kindern erwartet Grundschulleiter Carl Gundlach. Man habe schon lange ausländische Kinder in den Klassen. Diese würden „entsprechend unseren Möglichkeiten Förderung erhalten – und dann läuft das“. Kinder würden schnell lernen.

Die Awo wird zwei Deutschkurse anbieten, im Kindergartenbereich gibt es freie Plätze in Rehren, im Krippenbereich kann Rolfshagen Plätze anbieten. Schwierig werde es jedoch, wenn sie in Schoholtensen leben würden, meinte Kraschewski: „Wie kriegen wir sie dahin?“ Weber verwies auf drei Bullys, die bei der Wehr geparkt seien: Zwar gebe es Ratsbeschlüsse über ihre Verwendung, aber die könne man ändern. „Alles ist machbar.“

Eine Bewohnerin aus Rolfshagen, in deren Haus eine sechsköpfige Flüchtlingsfamilie lebt, erzählte von ihren Erfahrungen: Wer sich als Fahrdienst anbiete, stehe schnell ständig Gewehr bei Fuß. Besser sei es, die Flüchtlinge an die Hand zu nehmen, zur Bushaltestelle zu gehen, den Plan zu erklären, einzusteigen und die Fahrt mitzumachen, mit den fremden Gästen zum Ziel zu gehen und dann gemeinsam zurückfahren. Die Flüchtlinge müssten Selbstständigkeit lernen.

Ulrike Dommnich von der Awo Schaumburg sprach sich dafür aus, ein Klima zu schaffen, in dem sich die Flüchtlinge wohlfühlen würden, Kraschewski konnte das nur bestätigen, warf aber später ein: „Es kommen nicht nur brave Menschen.“

Als erste Maßnahme sollen nun die Fahrräder repariert werden, die die Gemeinde besitzt, um sie den Flüchtlingen zu schenken. Wer dabei und bei allen anderen Aufgaben helfen möchte, kann sich bei Olaf Humke melden. Die E-Mail-Adresse lautet ohumke@auetal.de. rnk

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