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Überraschung: Cammer älter als bisher gedacht

Cammer / Ersterwähnung Überraschung: Cammer älter als bisher gedacht

Die Veranstaltungsserie, mit der die Ortschaft Cammer ihre 450 Jahre zurückliegende urkundliche Ersterwähnung feiert, hat gleich zum Auftakt einen veritablen Paukenschlag erlebt.Das Jubiläum wird offensichtlich (mindestens) sechs Jahre zu spät gefeiert.

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Diese 1711 angefertigte Skizze – oben fließt die Aue, unten ist die heutige Straße „Im Grund“ zu erkennen – zeigt den Cammerhof (links) an einer wenig plausiblen Stelle.

Quelle: bus

Cammer. Cammer (bus). Darauf lassen Erkenntnisse schließen, die der Bauforscher Peter Barthold im Rahmen eines gut besuchten Vortrags über den sogenannten Cammerhof im örtlichen Dorfgemeinschaftshaus dem verblüfften Publikum offenbarte. „Wir haben eine neue Lage“, legte der renommierte Experte dar.

 Bislang galt im heutigen Ortsteil Bückeburgs die Lesart, der zufolge Cammers Geschichte ihren Anfang mit der Erwähnung des Cammerhofs in einem auf den 6. Mai 1562 datierten Tauschgeschäft zwischen Graf Otto zu Schaumburg und dem Mindener Domkapitel nahm. Barthold ist bei seinen Nachforschungen in den Staatsarchiven Münster und Bückeburg unterdessen auf ein Dokument gestoßen, das ein früheres Zusammentreffen des Bischofs Georg von Minden mit dem Grafen Johann zu Schaumburg belegt.

 Mit von der Grenzverhandlungspartie waren damals dessen Bruder Graf Jobst für die Bückeburger sowie Kanzler Jobst Spiegelberg und Hofmeister Hans von Sunderhausen für die Mindener Seite. Ort des Geschehens laut Urkunde: „hinder pepinghausen in der Kamer genant“. Datum: „25 octobris 1556“. „Und damit, dass Grundeigentümer darüber palavern, wie es denn weitergehen soll mit den Holzrechten im Schaumburger Wald, ist Cammer wieder ein Stückchen älter geworden“, fasste Barthold zusammen.

 Der beim Denkmalsamt Münster (Landschaftsverband Westfalen-Lippe) beschäftigte Fachmann hatte eigentlich die exakte Lage des Cammerhofes erkunden wollen. Der Hof taucht in einer 1711 verfertigten Skizze unweit von „Schmidt Hauß N.1“ auf dem Areal der heutigen Grundstücke „Im Grund“ 14 und 16 auf. „Auch davon müssen wir uns leider verabschieden“, stellte Barthold fest. Seinen Beurteilungen gemäß kann von den vier möglichen Standorten lediglich das Gebiet um die heutige Adresse „Dankerser Straße 18“ als plausibel angenommen werden. Eine der nächsten urkundlichen Erwähnungen erfolgt anno 1567 in einem Bittschreiben des Mindener Domdekans (Thümbdechan) Dietrich von Dinklage an den Bückeburger Grafen. Er sei „in erfarung gekommen“, lässt der Geistliche wissen, „das ann eine orte derselbige Graveschaft die Kamer genantt, etliche neuwe Häuser gnediglich verpatet anzurichten und zu erbauwenn, wie dan etliche des orts albereit verfertiget und mith neuwen ankomende Haußleuten sollen besetzett sein“. Konkret ging es darum, dem Schuster Berndt Kräcken und dessen zukünftiger Frau – eine „Magt zu Dankerßen“ – „eine neuwe wonung zu seiner behuff anzurichten“. „Die ersten Hofstätten kommen nach Cammer, unsere Ortschaft ist in der Entstehung“, erläuterte der Referent.

 Bald nach dem Dreißigjährigen Krieg (1618 bis 1648) scheint der Cammerhof, der jetzt Graf Philip zu Schaumburg-Lippe gehört und seit 1670 vom Pächter Karl Wippermann gemeinsam mit dem Petzer Vorwerk Höckersau bewirtschaftet wird, eine Blütezeit zu erleben. Schon die Liste des (in Petzen lebenden) Viehbestandes lässt aufhorchen: vier Brummochsen, 44 Milchkühe, zehn Ochsenrinder, 20 Kuhrinder, zehn Kälber zur Sucht, zwei Kälber zu saugen; dazu drei große Schweine, 14 Paar mittelmäßige und drei Paar kleine Schweine, ein großer Bär und ein kleiner Bär (lautmalerisch für Eber). Hinzu kam allerhand Klein- Federvieh: Ein welscher Hahn und fünf welsche Hühner „worunter eines ungesund“ (wertvolle Truthähne, bei denen auch kranke Exemplare erwähnenswert waren), 20 welsche Küken, 68 kleine Hühner, 31 Hühner „durch die Bank“, 16 alte und 32 junge Gänse, elf alte und zwölf junge Enten sowie überdies 53 Hammel, 23 Schafe ohne Lämmer und 61 Schafe mit jeweils einem Lamm.

 Außerdem finden in der Auflistung noch 68 Apfelbäume, zehn Birnenbäume, zwölf alte Kirschbäume, 46 junge Apfel- und Birnenbäume sowie zwölf Birkenbäume Erwähnung. „Betriebe in dieser Form kann man sich heute nicht mehr vorstellen“, meinte Barthold. Gleichwie ging es hernach bergab. 1776 gab es keinen Generalpächter mehr, das Land wurde in kleine Parzellen aufgeteilt, die Struktur aufgelöst. Der Referent: „1776 ist der Cammerhof gestorben.“ Bei der Betrachtung der Geschichte des Hofes und der Ortschaft Cammer darf das relativ junge Alter Bückeburgs nicht unberücksichtigt bleiben. Die Ex-Residenz erlangte erst 1609 das Marktrecht. Der Graf und spätere Fürst Ernst („zu Holstein/Schaumburg und Sternbergh, Herr zu Gehmen etc“) hatte bei seinem Regierungsantritt 1601 den Entschluss gefasst, Bückeburg zur Hauptresidenz des Grafenhauses zu machen. Die von ihm errichteten Bauwerke – Stadtkirche, Schlosstor, Hofkammergebäude Marstall und Lateinschule – prägen bis heute das Stadtbild. „Der Adelige benötigte also mit Sicherheit viel Geld“, merkte Barthold an. Und das habe man seinerzeit unter anderem dadurch bekommen, dass man Leute ansiedelte, die danach hilfs- und abgabepflichtig gewesen seien.

 Mit Blick auf die aktuelle Erkenntnislage mochte der Forscher weitere Fortschritte in der Erkundung der Ortsgeschichte nicht ausschließen. „Es könnte noch was kommen.“ Dass die mit allerhand Mühe und Enthusiasmus vorbereitete Jubiläumsfeier infrage gestellt wird, steht in Cammer allerdings in keiner Weise zu befürchten. „Wir feiern das 450-Jährige wie geplant von Freitag, 29. Juni, bis Sonntag, 1. Juli,“, betonte Ortsbürgermeister Hans-Georg Terner im Anschluss an den Vortrag.

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