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Bückeburg Ortsteile Vom Zuchthäusler zum Regierungsrat
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00:24 25.03.2018
Eike Höcker Quelle: bus
Bückeburg

Das Bemerkenswerte an der Geschichte: Die Rede in dem unter dem Titel „Eine ungewöhnliche Ganovenkarriere“ gestellten Referat war stets von ein und derselben Person – Otto Borgmöller.

Der Mann mit dem seltsamen Werdegang erblickt 1894 in Lindhorst das Licht der Welt. In der Schule erweckt er mit Jähzorn und Begabung Aufsehen. Obwohl Lehrer und Pastor sich für den Jungen einsetzen, kommen ein Wechsel aufs Gymnasium oder gar ein Studium nicht infrage. Als er sich das erste Mal verliebt, begeht er seinen ersten Einbruch, um auf das Mädchen Eindruck zu machen. Beim Stibitzen beweist er wenig Talent, wird geschnappt und muss im Alter von 16 Jahren für sechs Wochen ins Gefängnis.

Die Verurteilung zerrüttet das Verhältnis zum Vater. Otto brennt mehrfach durch, versucht in Hannover einen Neuanfang und kommt wieder auf die schiefe Bahn. Zunächst geht es nur darum, seinen Hunger zu stillen, aber bald erbeutet er Waren in einer Menge, die er als zeitlebens asketischer und Alkohol meidender Mensch nicht benötigt. Da beginnt er damit, einen Teil seiner Beute an Bedürftige zu verschenken.

1926 im Zuchthaus

1913 – Otto ist 19 Jahre jung – muss er abermals hinter Gitter. Diesmal halten die Richter drei Jahre für den Rückfalltäter für angemessen. Nach seiner Entlassung gehen die Diebestouren im großen Stil weiter. Als er 1926 gefasst wird, landet er im Zuchthaus. Dort herrscht eine schärfere Gangart als im Gefängnis. Aber es bleibt viel Zeit. Borgmöller beginnt zu lesen.

Etwa zu dieser Zeit kommt Staatsanwalt Weiß (dessen Nachlass heute Einblicke in die Biografie des Lindhorsters ermöglicht) ins Spiel. Weiß setzt sich für eine Liberalisierung des Strafvollzuges ein. Er sorgt im Sinne der Resozialisierung für bürgerliche Sozialkontakte und erreicht auf dem Gnadenweg eine Freilassung auf Probe.

1932 kommt Borgmöller dauerhaft in Freiheit, findet bei einem Bückeburger Ehepaar Unterkunft und in der Stadt eine Arbeitsstelle. Tagsüber gibt er nun den geläuterten Straftäter, der nur an schönen Dingen wie Kunst und Kultur interessiert ist, aber nachts gilt sein Interesse erneut fremdem Eigentum.

Als "asoziales Element" im KZ

Als er diesmal geschnappt wird, herrschen im Vollzug bald völlig andere Verhältnisse. Im November 1933 verabschieden die Nationalsozialisten das „Gewohnheitsverbrechergesetz“, das Borgmöller 1939 vom Zuchthaus in eine Sicherungsanstalt führt. 1942 kommt das „asoziale Element“ zunächst ins Konzentrationslager und später zurück in ein Zuchthaus.

Als der Krieg zu Ende ist, glauben ihm die Russen, dass er kein Nazi ist. Sie schenken ihm Vertrauen. Dieses reicht so weit, dass sie Borgmöller die kommissarische Leitung der Haftanstalt übertragen. Er bezieht das Zimmer des Direktors und wird zuletzt zum Regierungsrat befördert – Beamtengehalt und Dienstwagen inklusive.

Rückfall nach dem Krieg

Als 1947 die Säuberungen in der Ostzone zunehmen, wird es ihm aber zu heiß – und er kehrt über die grüne Grenze in seine alte Heimat zurück. Und plötzlich steht er beim ehemaligen Oberstaatsanwalt Weiß in der Tür und bittet um Unterstützung. Dessen Bereitschaft ist von eher geringer Natur, und der Heimkehrer besinnt sich auf seine Spezialdisziplin. Es dauert auch jetzt nicht allzu lange, bis die Gefängnistür hinter ihm ins Schloss fällt.

Selbstredend ist hier nicht wirklich von Otto Borgmöller die Rede. „Den Namen habe ich aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes geändert“, so Höcker, deren Vortrag weitaus ausführlicher war als diese Zusammenfassung. Und der zudem einen Ausgang aufweist, der an dieser Stelle nicht verraten werden soll, weil das Referat noch andernorts gehalten wird. bus