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150. Geburtstag von Adolf Holst

Blumen zum Gedenken 150. Geburtstag von Adolf Holst

 „Die Stadt Bückeburg darf sich glücklich schätzen, den Dichter Adolf Holst zu ihren Bürgern zählen zu können“, hat am 7. Januar 1942 die damals von den NS-Ideologen in „Die Schaumburg“ umgetaufte Schaumburg-Lippische Landes-Zeitung geschrieben. Anlass der mit vielen hehren Worten und Wünschen angereicherten Lobesbekundung war Holsts 75. Geburtstag.

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BÜCKEBURG.   Die öffentliche Wertschätzung kam nicht von ungefähr. Der Jubilar zählte zu den bekanntesten und angesehensten Einwohnern. Sein Name war weit über die Reichsgrenzen hinaus bekannt. Grundlage des Ruhms war Holsts Erfolg als Kinderbuch-Autor. Als er Anfang 1945 mit knapp 78 Jahren starb, hatte er mehr als 200 Einzeltitel herausgebracht. Schon die ersten, ab 1895 veröffentlichten Lyrik-Bände wie „Allerliebster Plunder“ (1905) oder „Mit Wolken und Winden“ (1909) waren hervorragend angekommen. Auch zahlreiche der späteren Werke erreichten – für damalige Verhältnisse – extrem hohe Auflagen. Das „Lustige Kleinkinderbuch“ verkaufte sich 260000 Mal, und „König ist unser Kind“ musste 26 Mal nachgedruckt werden. Eine ganze Reihe von Holsts Büchern stieß auch jenseits der Reichsgrenzen auf reges Interesse. „Die Schule im Walde“ wurde in fünf, „Die Hochzeit im Walde“ in neun Sprachen übersetzt. Bei der Vorbereitung der Bilderbücher wirkten einige der damals renommiertesten Maler und Zeichner mit, darunter die bis heute hoch geschätzte, aus Sachsen stammende Illustratorin Gertrud Caspari und der Wiener Ernst Kutzer. Und seine überwiegend in Gedichtform abgefassten Geschichten regten an die 30 Komponisten, darunter Max Reger und Otto Siegl, zur Vertonung der Reime an. Gelegentlich schrieb Holst die Melodien zu seinen Versen auch selbst.

Doktor der Philosophie

 Holst stammte aus dem thüringischen Dorf Branderoda (heute Stadt Mücheln). Sein Vater war Gemeindepastor des kleinen Ortes. Nach dem Besuch von Volksschule und Gymnasium studierte er Philosophie, Geschichte, Geographie und neuere Sprachen. Erklärtes Berufsziel war eine Tätigkeit als freischaffender Lehrer und/oder Erzieher. Er promovierte zum Doktor der Philosophie. Auf das Ablegen seines Staatsexamens habe er deshalb bewusst verzichtet, ließ Holst später verlauten. „Ich wollte nie ein beamteter Lehrer sein“.

 Stattdessen machte sich der junge Mann daran, andere Länder kennenzulernen und seine Sprachkenntnisse zu erweitern. Nach Jobs in Paris, Genf, Rom und Genua holte ihn der damalige Fürst Georg zu Schaumburg-Lippe 1901 als Erzieher seiner beiden jüngsten, damals sieben und zehn Jahre alten Söhne nach Bückeburg.

Ruf aus Italien

 Im Anschluss an das fünfjährige Intermezzo als Hofbediensteter folgte Holst erneut einem Ruf aus Italien und arbeitete ein Jahr lang als Leiter der Deutschen Schule in Florenz. Dann wurde er erneut im hiesigen Residenzschloss als Lehrmeister des Nachkömmlings Prinz Friedrich Christian gebraucht. Schon bald bot ihm der inzwischen an die Macht gekommene Fürst Adolf einen Nachfolgejob als Aufbauberater und späterer Leiter der wertvollen, aber noch weitgehend unsortierten Hausbibliothek an. Beide ahnten nicht, dass Krieg und Thronverzicht dem Projekt bereits fünf Jahre später ein Ende machen würden. Mit der Auflösung des Hofstaats war es auch mit den hochfliegenden landesherrlichen Plänen in puncto Kulturförderung vorbei. Als Entschädigung gewährte Adolf dem inzwischen 52-Jährigen eine lebenslange Pension. Holst konnte sich fortan ganz der geliebten Schriftstellerei hingeben.

 Es war der Beginn seiner – zumindest mengenmäßig – fruchtbarsten Schaffensperiode. Zwischen 1920 und 1935 brachte er jedes Jahr mehrere eigene Werke heraus oder war mit kleineren Beiträgen in Schulfibeln oder Sammelbandausgaben beteiligt. Besonders populär wurde er als Herausgeber und „redaktionelles Gesicht“ von Auerbachs Deutschem Kinderkalender. Die Zusammenstellung und Betreuung der 17, von 1919 bis 1935 gedruckten Ausgaben bescherten ihm eine stetig wachsende Fan-Gemeinde.

Literarisches Schaffen

 Die Urteile der Literaturkritiker über Holsts literarisches Schaffen fielen und fallen seit jeher sehr unterschiedlich aus. Das Gros seiner zeitgenössischen Kommentatoren sah in ihm „einen der hervorragendsten Vertreter der neuen Jugendliteratur“. Einige fühlten sich gar an Rainer Maria Rilke und/oder Hugo von Hofmannsthal erinnert. In den nach 1945 zu Papier gebrachten (überregionalen) Einschätzungen kommt Holst meist weniger gut weg. In dem 1995 erstmals aufgelegten „Lexikon der Kinder- und Jugendliteratur“ ist von „Mittelmaß“ die Rede. Die Verse seien „oft holprig“ und verwendeten „vielfach abgedroschene Reimklischees“. Inhaltlich bewege sich Verfasser Holst „im Bereich einer verniedlichenden Wichtelmann- und Tierweltromantik“.

 Offenbar kam aber gerade diese oft verharmlosende und auf den Zeitgeist ausgerichtete Art des dichterischen Schaffens bei seinen heimischen Verehrern gut an. „Wer erinnert sich nicht noch des Begeisterungssturmes, den zum Beispiel sein „Lied der Infanterie“, dass er zu Beginn des Krieges gedichtet und vertont hat und in dem er den „Kriegsverbrecher Churchill auspfeift“, war 1942 anlässlich Holsts 75. Geburtstag in der „Schaumburg“ zu lesen. Aus gleich heißfühlender jugendstarker deutscher Seele sei einige Zeit später auch das „Englandlied“ entsprungen. Es war nicht das erste Mal, dass sich Holst als naiv-willfähriger Kriegspropagandist zur Verfügung gestellt hatte. Bereits während des Ersten Weltkrieges war er mit Zeilen wie „Blaue Röcke, rote Hosen. Haut die Kerls! Es sind Franzosen“ und „Kurze Röckchen, nackte Knie. Schotten sind’s, drum drauf auf sie“ in Erscheinung getreten (Buchtitel: „Im Feindesland“).

Erinnerung verblasst

 Heute, an seinem 150. Geburtstag, ist die Erinnerung an den früheren Erfolgsautor weitgehend verblasst. Das soll sich, zumindest hierzulande, demnächst ändern. Bislang ist der einst gefeierte Dichter heutigen Zeitgenossen, wenn überhaupt, nur dem Namen nach bekannt. In seiner Geburtsstadt Mücheln wurde eine Schule nach Holst benannt, und in der ehemaligen Residenz ist das Andenken an den ehemaligen Mitbürger auf einem Straßenschild verewigt.

 Blumen zum Gedenken

 Im Gedenken an Adolf Holst hat der Vorstand der Ortsgemeinschaft Bückeburg des Heimatvereins, Heinz Werner Hinze (Bild rechts) und Georg Völkel, am Stein auf dem Friedhof an der Scheier Straße Blumen niedergelegt. Der Original-Grabstein ist im Zuge der Auflösung des Grabs von Holst verloren gegangen. Nicht mit dabei war die profunde Holst-Kennerin und Buchautorin Helga Warscheswki, die sich um den Nachlass Holsts kümmert und bis zu ihrem Tod lange mit seiner Tochter Cordula befreundet war. Sie war auf dem Weg nach Branderoda, wo heute im Geburtsort eine Erinnerungsfeier stattfindet. rc

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