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„Abend gut, Freund, ich nix billig Hotel“

Osman Engin liest aus seinem Buch „Abend gut, Freund, ich nix billig Hotel“

Deutschland ohne Migranten? Es ist eine schwer vorstellbare Situation, die Osman Engin in seinem neuen Buch „Deutschland allein zu Haus“ zeichnet. Auf Einladung der städtischen Begegnungsstätte und der Stadtbücherei warnte der türkischstämmige Autor vor der grassierenden Wahlmüdigkeit. Sein Credo: „Wir müssen die Demokratie verteidigen.“

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Der türkischstämmige Autor Osman Engin stellt in der Begegnungsstätte seinen neuen Roman „Deutschland allein zu Haus“ vor.

Quelle: mig

Bückeburg. Am Anfang seines Romans steht die Frage: Was geschieht eigentlich, wenn kaum noch einer wählen geht, wenn Demokratie von innen destabilisiert wird und der rechte Rand erstarkt?

 Wie wichtig ihm sein Engagement für Demokratie ist, zeigt auch Engins deutliche Kritik an der politischen Türkei. Seinen Aufruf, wählen zu gehen, illustriert der Autor mit dem Satz: „Auch in der Türkei hat man gedacht, wir haben ja eine Demokratie, und dann kommt Erdogan und krempelt alles um, und man sieht, dass sich die Demokratie noch nicht so etabliert hat.“ Als eine Zuhörerin von einer Zensur spricht (dabei aber eine Schulnote meint), erklärt Engin sein Missverstehen so: „Wenn demnächst in der Türkei Wahlen sind, wird so viel zensiert und unterdrückt, deshalb habe ich sofort daran gedacht.“

 Zensur, so Engin weiter, gebe es aber auch in Deutschland. Nachdem ein Lehrer den Autor an eine Schule in Bayern eingeladen hatte, sprach der Leiter der Schule ein Verbot aus. Engin sollte nicht aus seinem Roman „Kanaken-Ghandi“ vorlesen dürfen. Es folgten ein Proteststurm und die Versetzung des Pädagogen. Kein einziges seiner Bücher habe solch eine Aufmerksamkeit erfahren, freute sich Engin über die Resonanz. Verbote würden ein Publikum eben besonders reizen, so der Autor. Und doch gibt es Unterschiede zwischen der Türkei und Deutschland: „Hier kann man was über Kohl oder Merkel schreiben, und nichts passiert – das ist in der Türkei anders.“

 Aber es darf auch gelacht werden an diesem Abend. Etwa, wenn in „Deutschland allein zu Haus“ ein deutsches Pärchen auf den Autor und dessen Frau trifft, die beide gerade Urlaub in der Türkei machen. Der Mann hat anscheinend erfolglos nach einem billigen Hotel gesucht. Jetzt erklärt er seiner Frau auf Deutsch, dass er die „Eingeborenen“ fragen werde. Engin darauf zu Emine: „Ich bin gespannt, was wir als Eingeborene gleich gefragt werden. Ob wir in Anatolien schon das Rad und das Feuer erfunden haben, vielleicht?“

 Weiter geht’s mit dem Deutschen und einem geradebrechten „Abend gut, Freund, du billig Hotel?“ – worauf Engin antwortet: „Abend gut, Freund, ich nix billig Hotel.“ Eine misslungene Kommunikation wie aus dem Lehrbuch. An einer anderen Stelle lesen wir von seiner Frau Emine, die sich an einem Strand darüber aufregt, dass in diesem Jahr „zu viele Türken in der Türkei“ seien. „Wie soll man sich denn so erholen können?“ Darauf ihr Mann: „Du hast recht: Hier sind mehr Türken als in Deutschland.“ Deutscher geht’s nimmer!

 Ansonsten ist „Deutschland allein zu Haus“ vor allem eine brillante Satire über Rechtsradikalismus und die Folgen einer anhaltend zu geringen Wahlbeteiligung. Mit großem Geschick regt Engin zum Nachdenken an. Denn als Engin und Familie aus dem Urlaub zurückkommen, trauen sie ihren Augen nicht: Die Nazis sind aufgrund einer Wahlbeteiligung von nur 24 Prozent mit 25,5 Prozent der Stimmen neben der CDU die zweitstärkste Kraft im Bundestag! Für die Familie Engin ein Schock, zumal sich Osmans Onkel Ömer zu Besuch angekündigt hat. Weil Osman seinem Onkel immer wieder von Deutschland vorgeschwärmt hat, darf dieser von den aktuellen Entwicklungen unter keinen Umständen erfahren. Eine Einladung zu lustigen Slapstick-Szenen, die einem das Lachen im Hals stecken lassen.

 Die Schikane beginnt schon, als Osman und Onkel Ömer am Flughafen landen. Anstatt wie üblich die Passkontrolle zu passieren, muss sich die Familie am „Kanaken-Schalter“ anstellen. Und auch sonst hat sich wenige Wochen nach der Wahl viel verändert. Am Bahnhof patrouillieren Nazi-Skins mit bissigen Hunden, und da die meisten Migranten geflohen sind, muss Osman in seinem Betrieb plötzlich Doppelschichten schieben.

 Als schließlich alle Migranten das Land verlassen und die Rechten ihr Ziel augenscheinlich erreicht haben, bricht die Infrastruktur völlig zusammen. An allen Ecken fehlen Arbeitskräfte, die Krankenhäuser haben kein Personal, viele alte Menschen keine Pfleger – und die Müllabfuhr und die Busse fahren nicht mehr.

 Was nun tun?, fragt sich nicht nur die Hauptfigur des Romans. „Lasst uns nicht mit denen alleine“, ist man nach der Lektüre versucht zu sagen. mig

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