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Als der häusliche Müll noch hinter Hecken landete

Bückeburg Als der häusliche Müll noch hinter Hecken landete

„Es wird nichts übrig bleiben, als die Müllabfuhr städtischerseits zu organisieren“, forderte Oberbürgermeister Wilhelm Külz vor 100 Jahren Rat und Einwohnerschaft zur Einführung eines komplett neuen Abfallentsorgungssystems auf.

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Von Wilhelm Gerntrup Bückeburg.

Ohne verbindliche Vorgaben und regelmäßige Abfuhrtermine sei der Ruf Bückeburgs als sauberer und gesunder Stadt gefährdet.

 Das bisher von vielen Einwohnern praktizierte „Ablagern von häuslichen Abfallstoffen, Scherben usw. an öffentlichen Wegen, Hecken, Zäunen usw.“ habe sich zu „schweren Belästigungen und Gefährdungen ausgebildet“. Verwarnungen und Strafen hätten nichts als nutzlos erwiesen. Nach wie vor würden „die unsauberen Reste der Küche und Aschengrube wagenweise und möglichst dicht an der Stadt abgelagert, weil die einzelnen zu bequem oder zu sparsam sind, den Abfall nach den hierfür bei Widdensen gepachteten Platz fahren zu lassen“.

 Külz war nicht der Erste, der der zunehmenden Verdreckung der Residenz den Riegel vorschieben wollte. Es solle „ernstlich untersaget seyn, Unrath, Kummer, Lumpen, Topf-Scherben, Glaß, Bouteillen (Flaschen) sowie Eyer-, Muschel- und Auster-Schaalen“ auf die Straße zu schütten, heißt es in einer 1736 vom damaligen Schlossherrn Albrecht Wolfgang (1728-1748) auf den Weg gebrachten „Verordnung wegen Reinhaltens der Gassen“. Ungehorsame Untertanen hätten mit saftigen Geld- und Gefängnisstrafen zu rechnen.

 Ob und wie die gräflichen Weisungen wirkten, ist nicht überliefert. Sicher ist, dass der wilden Müllentsorgung mit Verboten und Strafandrohungen – damals wie heute – nicht beizukommen war. Das Gros der Bückeburger betrieb Landwirtschaft. Es gab doppelt so viele Schweine, Pferde und Ziegen wie menschliche Zweibeiner in der Stadt. Das Ackerbürgerleben wirkte sich naturgemäß auch auf Art, Umfang und „Entsorgung“ des Resteaufkommens aus: Alles, was noch halbwegs verdaulich war, kam in den Futtertrog. Asche, Bauschutt und Nachttopfscherben wurden bis Mitte des 19. Jahrhunderts in einer Gartenecke vergraben oder landeten in der Aschenkuhle.

 Mit zunehmender Veränderung des Konsumverhaltens im Gefolge von „Verstädterung“ und wachsendem Wohlstand ging das nicht mehr. Immer mehr Einwohner gewöhnten es sich an, den Abfall – mehr oder weniger gedanken- und/oder skrupellos – hinter Büschen und Hecken verschwinden zu lassen.

 Ab Anfang des 20. Jahrhunderts waren in der Landes-Zeitung immer häufiger Berichte über wilde Müllkippen und Beschwerden empörter Mitbürger zu lesen. Am schlimmsten soll es an Wallgraben, Schlossbachufer und am Bahndamm gewesen sein. Außerdem ist von Dreckablagerungen an Feldstraße, Ulmenallee, Angorastraße (heute Lülingstraße) und auf dem Neumarkt-Gelände die Rede.

 Die Stadtväter reagierten zögerlich. Wenn es allzu schlimm wurde, setzte man die Polizei in Gang und ließ Schilder aufstellen. Als das nicht mehr ausreichte, versuchte man, das Problem durch Ausweisung von möglichst außerhalb der Stadtmauern gelegenen Abkippplätzen zu lösen. Es gab Vereinbarungen mit Bergdorfer, Müsinger und Widdenser (Siedlungsteil von Ahnsen) Bauern, die gegen eine „Stillhaltegebühr“ mit der Ablagerung von Unrat aus der Residenz einverstanden waren. Schon bald wurde klar, dass das Ganze nicht ohne ständige Überwachung funktionierte. Nach Ende des Ersten Weltkriegs betrieb deshalb die Stadt die von ihr gepachteten Plätze in Eigenregie. Für das von Külz am 17. August 1912 in der Landes-Zeitung vorgestellte Entsorgungskonzept scheint die Zeit damals noch nicht reif gewesen zu sein. Seine Vorschläge wurden erst 1950 (eins zu eins) umgesetzt.

 Wie dringlich das Thema schon vor hundert Jahren war, kann man im Bückeburger Staatsarchiv nachlesen. In einem Aktenband mit dem Titel „Schädliche Ausdünstungen“ ist eine Fülle von Hinweisen und Beschwerden über die hygienischen Verhältnisse in der Residenz zu Beginn des 20. Jahrhunderts zusammengefasst. In einem Fall liegt sogar eine „Tatort-Skizze“ vor. Auf ihr sind zwei, auf dem Hof des Hauses Sackstraße 14 liegende Haufen zu sehen. Aufgezeichnet hat die Situation der im Nachbargebäude Nr. 12 wohnende Postschaffner Schmöe. Nach seinen Anmerkungen handelt es sich bei den Haufen um extrem übel stinkende, direkt unter seinem Küchenfenster lagernde und von den Untermietern aus Nr. 14 angehäufte Müll- und Mistberge. Die Leute hätten seit Tagen und Wochen alle ihre Abfälle einschließlich der Exkremente aufeinander gestapelt, klagte Schmöe und forderte in seinem am 29. Januar 1914 abgefassten Beschwerdebrief an die Polizei zur sofortigen Beseitigung der unhaltbaren Zustände auf.

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