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Ankunft nach zwei Monaten auf der Flucht

Bückeburg Ankunft nach zwei Monaten auf der Flucht

Vier Stunden und 50 Minuten: So lange dauert ein Linienflug von Bagdad nach Frankfurt. Familie O. blieb dieser Weg verschlossen. Zwei Monate dauerte ihre strapaziöse Flucht. Jetzt sind die O.s in Bückeburg angekommen, zusammen mit rund 240 weiteren Flüchtlingen, die seit mehr als zwei Wochen in der Notunterkunft in der Jägerkaserne leben.

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Awo-Geschäftsführerin Heidemarie Hanauske (hinten, rechts) und Awo-Sozialarbeiterin Veronika Matamu (hinten, links) im Gespräch mit der Flüchtlingsfamilie. Sie will aus Angst um den Teil der Familie, der im Irak geblieben ist, unerkannt bleiben.

Quelle: mig

Bückeburg. Der moderne Flugverkehr hat die Welt kleiner gemacht. Kaum ein Winkel Erde, der nicht innerhalb zweier Tage erreicht werden kann, Afrika, Asien, Australien scheinen nur einen Katzensprung entfernt. So angenehm diese Entwicklung ist, sie gilt längst nicht für alle. Flüchtlinge kommen seltenst mit dem Linienflieger. Sie haben, wenn sie es denn bis nach Europa schaffen, eine lange Flucht auf dem See- und Landweg hinter sich.

Für Familie O. bedeutete das: zwei Monate lang zu Fuß oder mit dem Bus quer durch Länder, die sie nur vom Hörensagen kannten. In Angst geschnappt zu werden, in Angst vor Grenzern, in Angst eigentlich vor allem. Dass diese Angst keineswegs unbegründet war, zeigte sich beispielsweise in Serbien, wo ein Polizist den kleinen Sohn mit einem Elektroschocker malträtierte. Oder bei der Überfahrt über einen breiten Fluss. „Mein Mann kann nicht schwimmen, und wir hatten unheimliche Angst vor dem Wasser“, erzählt die Mutter. Sie mussten sich außen festhalten, weil das kleine, instabile Gefährt sonst gesunken wäre. „Als wir drüben angekommen waren, haben wir gehört, dass eine Mutter ihr Baby verloren hat. Für uns alle war das ein sehr schrecklicher Moment.“

Das alles liegt noch vor der Familie, als sie im Frühsommer beschließen, den Irak zu verlassen. 20 Jahre hätten sie in Bagdad gelebt. Dann seien sie von dort vertrieben worden. Der Grund: Die Familie gehöre der sunnitischen Richtung des Islams an, ihre Gegner seien Schiiten. „Wir haben lange friedlich zusammengelebt, aber nach dem Regimewechsel haben die Schiiten zu uns gesagt, dass wir weg müssten“, erläutert die Mutter das Problem.

Warum das passiert ist? Sie versteht es bis heute nicht: „Es gibt doch keine Grenze zwischen uns. Wir haben so lange als Nachbarn zusammengelebt. Auch mit Christen.“ Erst mit dem Irak-Krieg seien die Probleme so richtig aufgebrochen. Die Mutter weint und schüttelt den Kopf: „Was ist nur mit diesen Menschen passiert?“ In Bage-Tekret hätte sie vorübergehend Zuflucht bei der Familie des Vaters gefunden, sich dort aber auch nicht sicher gefühlt. Die Söhne hättten nur sporadisch zur Schule gehen können. „Sie sind meistens im Haus geblieben, weil wir Angst hatten, dass sie getötet werden.“ Aber erst, als der IS im Irak immer näher gerückt sei, habe man beschlossen, zu fliehen: „Das sind keine Menschen, keine Moslems, die kommen aus dem Wald“, sagt Frau O., und ihre Augen blitzen. „Mit diesen Leuten kann man nicht leben.“ Dazu komme die unsichere Lage im Irak: Eine Bombe habe einen Nachbarn getötet, es gebe kaum Strom, kein Wasser.

Also raus aus dem Irak, weg, nur weg. Und das, obwohl es den O.’s gut ging im Zweistromland. „Wir waren wohlhabend im Irak“, erzählt die Mutter, eine Ärztin. „Wir hatten alles. Jetzt haben wir alles verloren.“ Zu Fuß sei die Familie in die Türkei geflohen – meist bei Nacht. Geld sei keines mehr da. Die Mutter habe ihren Schmuck weggeben müssen. Ein Ring für ein Taxi, Flucht ist teuer. Das lernen sie schnell. Es geht nach Griechenland, Serbien, Ungarn. Von den Einwohnern hätten sie nur selten Hilfe erfahren. Manch einer habe beim Anblick von Flüchtlingen die Polizei gerufen.

„Wir sind doch keine Kriminellen“, sagt die Mutter kopfschüttelnd. Überhaupt: Mit der Polizei hat die Familie laut eigenen Angaben nicht die besten Erfahrungen gemacht. Ein serbischer Polizist habe ihren Sohn mit einem Elektroschocker attackiert, um ihn vom Passieren der Grenze abzuhalten. Mutter O. kann es immer noch nicht fassen: „Wir sind keine Diebe, wir sind Flüchtlinge, habe ich zu ihm gesagt.“

Serbien sei die schlimmste Station gewesen, ergänzt ihr Mann. Besonders hart sei die Überquerung einer Schlucht gewesen. Sie habe gedacht, sie müsste dort sterben, sagt die Mutter. „Ich habe mir nur gedacht, wo bleibt die Menschlichkeit für uns. Was haben wir getan, um das zu verdienen.“

Die letzte Etappe ihrer Reise führt die Familie nach Budapest, in einem Van, der sieben Personen 1400 Euro gekostet hat. Alles kostet dort Geld: ein Glas Wasser ein Euro, eine Nacht im Garten eines Hotels 15 Euro. Geld, das die O.’s längst nicht mehr haben. „Wir haben alles weggegeben, was wir noch bei uns hatten“, erinnert sich Frau O. „Wir haben nichts mehr.“ Dann endlich: die Slowakei, Österreich, Deutschland, geschafft! In Bückeburg erfolgt die Erstaufnahme, nur die Registrierung, die lässt weiter auf sich warten. „Dabei wäre das so wichtig,“ sagt sie. „Die Kinder müssen doch zur Schule gehen.“

Ansonsten ist die Familie vor allem eines: dankbar, dass sie erst einmal hierbleiben dürfen. „Endlich leben wir wieder, dafür sind wir sehr dankbar“, sagt die Mutter. „Wir wollen die Hilfe, die wir bekommen haben, zurückgeben. Wir werden alles tun, was dieses Land braucht.“ Was sich die Familie wünscht? „Dass wir hier leben können, Arbeit finden und unsere Kinder zur Schule gehen können“, sagt der Vater. Schon jetzt sei ihnen sehr geholfen worden: „Und die Bückeburger waren bisher alle sehr nett zu uns.“

Die Strapazen der Flucht sind ihnen noch deutlich anzusehen. Nur langsam verblassen die bösen Erinnerungen. Als ein Hund bellt, schrecken die Kinder zusammen. „Wir wurden in einem Wald von Hunden gejagt“, erzählt die Mutter und beginnt wieder zu weinen. „Das kann man nicht so schnell vergessen.“ mig

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