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„Aufnahme weiterer Flüchtlinge nicht möglich“

Vor 70 Jahren: Heimatvertriebene kommen in den Landkreis „Aufnahme weiterer Flüchtlinge nicht möglich“

Der ungebremste Flüchtlingszustrom hält auch die Menschen hierzulande in Atem. Dabei war die heimische Region bislang – zumindest zahlenmäßig – noch nicht so stark betroffen.

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Hartes Los: Vertriebene Flüchtlinge im Winter 1945.

Quelle: Repro: gp

Den größten Massenansturm fremder Menschen erlebten die Bückeburger vor 70 Jahren. Im Winter 1944/45 und in den vier Jahren danach kamen mehr als 6000 Fremde in die Stadt. An die 4000 blieben für immer da. Vergleiche zwischen damals und heute sind schwierig. Sicher ist nur eines: Unsere Urgroßväter und Urgroßmütter schafften es. Über das Wie berichten wir im Rahmen eines zweiteiligen historischen Rückblicks.

 Hell erleuchtete Häuser und Straßen, prall gefüllte Geschäfte, Parkuhren, Fußgängerzone und Menschen in Feierlaune – eine Situation wie heute hätten sich die Einwohner Bückeburgs vor 70 Jahren noch nicht einmal im Traum vorstellen können. Der Krieg war verloren. Die Wehrmacht war auf dem Rückzug. Überall im Reich herrschte Endzeitstimmung.

 Seit Wochen strömte ein nicht enden wollender Zug von Menschen in die Stadt. Das Gros waren Frauen, Kinder und Alte aus den deutschen Ostprovinzen, die sich vor der vorrückenden Roten Armee und den Partisanen-Attacken in Sicherheit bringen wollten. Genaue Zahlen gibt es nicht. In Rathaus-Berichten ist von „vielen Tausenden“ die Rede. An Kontrolle und/oder Registrierung dachte keiner. „Immer mehr Flüchtlinge kommen hierher mit Wagen, Karren, Rädern und zu Fuß mit Hab und Gut und Sack und Pack“ beschrieb Gymnasialprofessor Hans Rausch, damals Lehrer am Gymnasium Adolfinum, das Geschehen. „Merkwürdig ist, daß sich auch viele Soldaten, meist ohne Gewehr, hier einfinden.“

 Doch die Flüchtlingswelle war erst der Anfang. Nach dem Ende der Kampfhandlungen rollten in unregelmäßigen Abständen ganze Züge mit Heimatvertriebenen heran. Dann folgten – im Gefolge des „Kalten Krieges“ – etwa 900 Ostzonen- und Berlin-Umsiedler. Den Anstoß für die Massenvertreibungen hatten nicht zuletzt Stalin, Truman und Churchill respektive Attlee bei ihrem Treffen im Juli und August 1945 in Potsdam geliefert. Laut Abschlussprotokoll wurde Polen, Rumänien, der Tschechoslowakei und den anderen, vom NS-Regime besetzten Staaten das Recht zugestanden, die in ihren Ländern verbliebenen deutschen Volksgruppen „in ordnungsgemäßer und humaner Weise“ zu „überführen“.

 Das größte Problem war die Unterbringung. Obwohl Bückeburg von Bomben und Granaten weitgehend verschont geblieben war, herrschte extrem große Wohnungsnot. Bevor die Flüchtlinge und Heimatvertriebenen in der Stadt auftauchten, hatten bereits rund 3000 Menschen aus den zerbombten Städten des Ruhrgebiets und aus dem Raum Aachen in der Ex-Residenz und den umliegenden Dörfern Zuflucht gesucht.

 Noch katastrophaler wirkten sich die Unterbringungsansprüche und das rigorose Vorgehen der englischen Besatzer aus. Wenige Tage nach dem Einmarsch waren kurzerhand mehr als 80 Innenstadtgebäude beschlagnahmt worden. Die aus ihren Häusern verjagten Eigentümer schlossen sich zu einer „Notgemeinschaft der Besatzungsgeschädigten“ zusammen. „My Home is your castle“ war auf den Protestversammlungen zu hören.

 Ähnlich rabiat wie in Bückeburg ging es in Bad Eilsen zu. Achum musste sogar komplett geräumt werden. Für zusätzliche Schwierigkeiten und Unruhe in der Stadt sorgte die Quartiersuche für die „DPs“ (Displaced Persons). So wurden die Fremdarbeiter, die ausländischen Lagerinsassen und die Wehrmachtskollaborateure bezeichnet, die aus unterschiedlichen Gründen nicht in ihre Heimat zurückkehren wollten oder durften und in der hiesigen Gegend „hängen geblieben“ waren. Das ganze Ausmaß der damaligen Wanderungsbewegungen wird nicht zuletzt bei Betrachtung der Bevölkerungsentwicklung deutlich. Die Einwohnerzahl Bückeburgs nahm – trotz der nach 1946 anlaufenden Rückführung der Evakuierten – explosionsartig zu. 1939 lebten 7850 Menschen in der Stadt. Gut zehn Jahre später wurden mehr als 12000 gezählt. Das war ein Zuwachs von mehr als 50 Prozent. Ähnliches trug sich auch in den Nachbargemeinden zu.

 Schaumburg-Lippe rangierte in der Liste der deutschlandweit am stärksten vom Flüchtlingszustrom betroffenen Regionen ganz oben. Der Durchschnitt in den anderen Teilen Niedersachsens lag bei 25 Prozent. „Nach den vorliegenden Berichten ist die Belegung unseres Landes in ganz außergewöhnlichem Maße höher als in den anliegenden hannoverschen und westfälischen Bezirken“, heißt es in einem Bericht der Landesregierung vom 11. Juni 1946. „Es ist eine solch katastrophale Lage eingetreten, daß die Aufnahme weiterer Flüchtlinge nicht möglich ist.“

Behördliche und politische Instanzen, die das Chaos jener Zeit hätten organisieren können, gab es nicht mehr. Die örtlichen Repräsentanten des Hitler-Regimes mit Bürgermeister Albert Friehe an der Spitze hatten sich aus dem Staub gemacht oder waren aus ihren Ämtern entfernt worden. Die deutsche Polizei durfte nur auf Weisung der Besatzer eingreifen. Dass es trotzdem einigermaßen klappte, war einer Handvoll beherzt zupackender, ohne Rücksicht auf bürokratische Zuständigkeiten agierender Persönlichkeiten zu verdanken.

 Beispielhaft seien an dieser Stelle vier besonders tatkräftige Männer genannt: Kompetentester Ansprechpartner im Bückeburger Rathaus war Oberinspektor Wilhelm Bruns. Ihm stand seit 1946 der zum Flüchtlingsbeauftragten berufene spätere CDU-Ratsherr Paul Riehmeier zur Seite. Um die Lösung der Probleme in den umliegenden Dörfern kümmerte sich der als Landrat des Kreises Bückeburg eingesetzte Sozialdemokrat Erwin Loitsch. Und die Leitung der schaumburg-lippischen Landesregierung hatten die Engländer dem gradlinigen, als Nazi-Kritiker bekannten Rechtsanwalt Heinrich Bövers übertragen. gp

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