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Aus der Zeit gefallen

Roman über Flüchtlinge Aus der Zeit gefallen

Der Verlust der Heimat und tägliche Kampf ums Überleben – Jenny Erpenbeck hat mit „Gehen, ging, gegangen“ einen Debattenbeitrag zur Flüchtlingskrise in Romanform geschrieben.

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 Autorin Jenny Erpenbeck stellt ihren Roman „Gehen, ging, gegangen“ vor. Moderiert wird der Lese- und Diskussionsabend von Knut Elstermann. jp

Bückeburg. Vorgestellt hat die 1967 in Berlin geborene Autorin und Regisseurin ihr neues Buch im Rahmen eines Lese- und Diskussionsabends auf Schloss Bückeburg. Eingeladen hatte die „Schaumburger Landschaft“ zu der gut besuchten Lesung im Gartensaal. Moderiert wurde der Abend vom Berliner Film- und Literatur-Journalisten Knut Elstermann.

 In Erpenbecks Buch wird das Leben von Flüchtlingen in Deutschland aus der Perspektive eines emeritierten Professors beleuchtet. Richard, die fiktive Hauptfigur des Romans, hat als Witwer nach seinem Ausscheiden aus dem aktiven Universitätsbetrieb viel Zeit und beginnt sich für die Flüchtlinge auf dem Kreuzberger Oranienplatz zu interessieren. Er nimmt Kontakt auf, führt Gespräche und rollt somit vollständige Schicksale der zunächst in dem Protestcamp, später in unterschiedlichen Unterkünften untergebrachten Afrikaner vor den Augen des Lesers aus.

 Während die Zuhörer im Gartensaal des Schlosses im ersten vorgelesenen Abschnitt des Buchs von Richards eigener Biographie erfuhren, die einen Teil des Antriebs für sein Engagement erklären, schilderte der zweite Abschnitt die konkrete Odyssee eines Armutsflüchtlings aus Ghana über Libyen, Italien und Finnland bis nach Berlin.

 Sind es echte oder fiktive Flüchtlingsschicksale, die Erpenbeck beschreibt? Auf diese Frage von Moderator Elstermann wollte die Autorin zunächst nicht mit der Sprache herausrücken. Intensiv recherchiert in der Berliner Flüchtlingsszene hat Erpenbeck auf jeden Fall und dann für die Veröffentlichung die Romanform mit der rein fiktiven Hauptfigur des Altphilologen Richard gewählt. Der wirkt selbst ein wenig wie aus der Zeit gefallen – ist auch 25 Jahre nach der Wende innerlich immer noch nicht ganz im wiedervereinigten Deutschland angekommen.

 Dabei ließ die Autorin autobiografische Empfindungen einfließen: In der Phase, in der andere Menschen üblicherweise mit dem „richtigen Leben“ beginnen, also mit Anfang 20, habe sie den Mauerfall und die Wende erlebt. Danach sei mit ihrer Jugend in der DDR auch die eigene Vergangenheit verschwunden. „Ich musste die schockierende Erfahrung machen, die eigene Jugend auf einmal im Museum wiederzufinden.“ Ähnlich gehe es heutigen Flüchtlingen aus Afrika in Europa: „Ihre eigene Vergangenheit ist weggebrochen, aber es ist auch nichts da, was an ihre Stelle tritt. Die Flüchtlinge sind in der Zeit gefangen und auf einen Punkt reduziert.“

 Skurrilerweise wirkt aber auch das Buch selbst vor dem Hintergrund des aktuellen Tagesgeschehens etwas aus der Zeit gefallen. Denn angesiedelt ist die Handlung um die Jahreswende 2013/2014, und fertiggestellt war das Manuskript mit Sicherheit auch schon lange, bevor die Flüchtlingskrise zu dem alles entscheidenden innenpolitischen Thema in Deutschland wurde. Und wenn Erpenbeck heute, fast zwei Jahre später, Richard, diesen Prototypen der Willkommenskultur, zu den Flüchtlingen auf dem Oranienplatz schickt, sie zu sich nach Hause einladen, ihnen Deutschunterricht geben, sie bei Behördengängen begleiten und in einem völlig bizarr ins Märchenhafte abgleitenden Moment des Buchs sogar für 3000 Euro ein Grundstück in Ghana kaufen lässt, damit die Familie eines der Flüchtlinge davon leben kann, dann wirkt das ein wenig lebensfremd. jp

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