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Bissig wie eh und je

"Stichlinge" heizen Bundesregierung und Publikum ein Bissig wie eh und je

49 Jahre sind die „Mindener Stichlinge“ alt, im nächsten Jahr wird groß gefeiert. Dass Deutschlands ältestes Amateurkabarett aber immer noch kräftig zubeißen kann, hat das Quintett jetzt bei einem Auftritt in der Schäferkaserne in Bückeburg bewiesen.

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Die Luftwaffe der Bundeswehr ist verteidigungsbereit - so wie die "Stichlinge" sie sehen.

Quelle: mig

Bückeburg. Altersmüde? Noch lange nicht. Im Gegenteil: Die „Stichlinge“ gehören zum Hellsten und Klarsichtigsten, was die deutsche Kabarettszene zu bieten hat. Ihr neues Programm „Augen zu und durch“ ist auch im 49. Jahr ihrer Gründung bissig wie eh und je; eine Tour de Force durch alle Gebiete, die das Kabarett angehen. Keine Comedy, aber trotzdem lustig. Kritisch, aber mit Pfiff. Die „Stichlinge“ sind gekommen, um zu reden. Sie schießen scharf und geben kein Pardon. Jeder bekommt sein Fett weg, von der Kanzlerin bis zu Sigmar Gabriel, der „zu ihrer Rechten sitzt“, vom Freihandelsabkommen TTIP bis zum Islamismus. Manches begreift man erst auf dem Nachhauseweg, und manchmal bleibt einem das Lachen im Halse stecken.

 Es sind durchaus nicht nur die Politiker, die an diesem Abend ordentlich versohlt werden. Das Quintett legt sich auch mit dem Publikum an: „Na, Sie Stimmvieh? Wie grast es sich denn so?“, fragen die fünf in einem Song. Oder sie ätzen: „Das Volk speit Gift und Galle? Das Volk macht gar nichts – es fährt nach Malle.“ Da müssen die Zuschauer erst einmal Luft holen.

 Es sind aber nicht nur die Texte, die dieses Amateurkabarett vor allen anderen auszeichnet; hinzu kommt ein großes Talent zum Schauspiel und zur Improvisation. Da ist beispielsweise Pianist Pit Witt, der jede Nummer mit einem kleinen Jingle untermalt (die berühmte Titelmelodie von „Star Wars“ oder der „Tagesschau“). Oder Kirsten Gerlhof, die, wie alle anderen Ensemble-Mitglieder auch, immer wieder neue Figuren verkörpert. Manchmal reicht da schon eine kleine Requisite, ein Dialekt, nur bei der Kanzlerin wählt Gerlhof einen anderen Ansatz. Mundwinkel runter, Finger in die Raute, und schon steht die Kanzlerin auf der Bühne. Gerlhof steht da wie ein leicht schiefer Stock, ein bisschen verdruckst, eben wie die Merkel. Und sie sagt Sätze, die – wenn man böse ist – auch von der Kanzlerin kommen könnten: „Was das deutsche Volk braucht, hat es: keine Opposition – und mich“, sagt die Ziehtochter von Helmut Kohl. Politik? Das heiße, Dinge zu tun und sie dann zu lassen. In Sachen Maut heißt das: „Die führen wir ein – aber auf freiwilliger Basis. Ausländer können sie bezahlen – müssen sie aber nicht.“

 Weiter geht’s in wildem Parforceritt. Von der Elbphilharmonie über den Weltfußball-Verband bis zur Pegida reicht die Palette – Aufreger gibt es in der bundesdeutschen Debatte schließlich immer genug. Die „Stichlinge“ legen den Finger in die Wunde. Etwa, wenn ein digital vernetzter Pizzabäcker seinen Kunden dank des Internets besser kennt als der sich selbst. Der braucht nicht nur eine ID-Nummer für den Bestellvorgang, sondern auch viel Geduld (unter anderem muss er von der reichhaltigen Chef-Pizza Abstand nehmen: „Deine Krankenkasse sagt, dann hast du bald Diabetes“). Dass seine Bankkarte gesperrt ist, erfährt der hungrige Anrufer ganz nebenbei. „Hast Du nicht gewusst? Musst Du mich fragen“, meint der Pizzabäcker kopfschüttelnd. Schöne neue Welt!

 Ebenfalls ein beliebtes Thema: Dönekens aus der Bundeswehr. „Was habt Ihr uns schon entgegenzusetzen?“, ruft ein islamistischer „Gotteskrieger“ triumphierend. „Hubschrauber, die nicht fliegen können.“ Für den Islamisten ist das „ein Beweis für das Werk des Allmächtigen“. Sein Gegenüber sieht das anders: „Das ist nicht das Werk des Allmächtigen, sondern von vier Verteidigungsministern“, lautet sein trockener Kommentar. Und überhaupt: „Wer möchte schon in einen Himmel, wo an den 72 Jungfrauen schon Tausende von Deiner Art dabei waren?“ Insgesamt ein zugleich unterhaltsamer und erhellender Abend.

 Es gab wohl kaum ein (aktuelles) Thema, das nicht zur Sprache kam: Von der Macht der Politiker in den Fernsehanstalten (Motto: „Machste mich nicht nass, mach ich Dich nicht nass“) bis zum „Populismus der AfD“ („Wir sind für alles zu haben“). Die „Stichlinge“ prophezeien eine düstere Zukunft, in der Firmen die Namen von Kommunen kaufen können – Bückeburg wird zu Bückebauern (Bauerngut) – und in der Firmen ihre Investitionen vor Geheimgerichten einklagen können („Im Namen des Geldes gebe ich folgendes Urteil zum Besten“).

 Kurzum: Dass die „Mindener Stichlinge“ nach 50 Jahren in Rente gehen könnten, steht ganz offensichtlich nicht zu befürchten. Deutschlands ältestes Amateurkabarett wird noch gebraucht. mig

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