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Buchdruck-Experte über die Faszination von Max und Moritz

Zwei hochkriminelle Jugendliche Buchdruck-Experte über die Faszination von Max und Moritz

Einen unterhaltsamen unde aufschlussreichen Einblick in die literaturgeschichtliche Bedeutung, aber auch die Psychologie von „Max und Moritz“ hat der Buchdruck-Experte Hans Witte bei einem Bildervortrag in der Bückeburger Stadtbücherei gegeben.

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Hans Witte präsentiert die Säge aus der Mühle in Ebergötzen.

Quelle: jp

Bückeburg. Von ihm und seiner Frau Lydia, die in Emmerthal die Galerie für Buchdruckkunst „Edition Einstein“ führen, stammen die Exponate der zurzeit an gleicher Stelle zu sehenden Ausstellung „Böse Kinder“, die außer dem „Struwwelpeter“ vor allem die beiden Übeltäter aus der Feder Wilhelm Buschs ins Zentrum stellen.

 Ganz im Gegensatz zum kommerziellen Glanz der Bilder und Verse von „Max und Moritz“ stehe ihr Inhalt, befand Witte. Das Duo begeht mehrfache vorsätzliche Körperverletzung, Diebstahl, Tierquälerei, Mobbing, Hausfriedensbruch und mit der Explosion der Meerschaumpfeife von Lehrer Lämpel, die sie mit Schwarzpulver präparieren, sogar einen Mordanschlag. Auch der Schneider Böck, der mit der angesägten Brücke in den Bach stürzt, kommt nur knapp mit dem Leben davon. Diese Taten zeigten ein enormes Maß an krimineller Energie, so Witte. „Zwei hochkriminelle Jugendliche erlangen Weltruhm, und ihre Taten werden in Hunderte von Sprachen übersetzt. Was macht diese ungeheure Faszination aus?“

 Der literarische Welterfolg von Buschs bekanntestem Buch erklärt sich für Witte aus der Situation der Kinderbuchliteratur in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. In der Biedermeierzeit, der Ära nach den Freiheitskriegen gegen Napoleon, hätten Kinderbücher ausschließlich pädagogischen Zwecken gedient und immer nur das artige, folgsame und angepasste Kind in den Mittelpunkt gestellt. „Das hat aber schon damals in der Realität überhaupt nicht funktioniert.“

 In diese Ära der spätbiedermeierlichen Idylle mit ihrer unrealistischen Zurschaustellung kreuzbraver Musterkinder platzte 1848 wie eine Bombe das Bilderbuch „Der Struwwelpeter“ des Frankfurter Arztes und Psychologen Heinrich Hoffmann. „Und auf einmal betritt der negative Held als Hauptfigur das Podest“, so Witte: der böse Friederich, der Tiere quält, der Suppenkaspar, der die Suppe verweigert, der Zappelphilipp und der fliegende Robert. Sie symbolisierten mit ihrer Unangepasstheit, ihrer Auflehnung und Rebellion erstmals eine völlig neue pädagogische Sicht auf die kindliche Psyche. „Auch wenn Hoffmanns Figuren alle scheitern, stehen sie zu ihren Untaten bis zum bitteren Ende.“ Keiner kehrt in die vorgelebte Moralität der Eltern zurück: Der Suppenkaspar verhungert, der Daumen lutschende Konrad verliert diese – und Robert fliegt für immer davon.

 Nach dem 1848 erschienenen „Struwwelpeter“ sei Busch 1865 mit „Max und Moritz“ noch einen Schritt weitergegangen. Bei ihm fehle völlig der moralische Zeigefinger, auch enthielten die sieben Streiche keine positive Identifikationsfigur als Gegenstück zu den beiden bösartigen Missetätern. Vielmehr symbolisierten die hilflosen, tollpatschigen und lächerlichen Betroffenen, die er Max und Moritz ohne jegliches Mitleid wie Schlachtopfer ein ums andere Mal zuführte, Buschs negative und menschenfeindliche Weltsicht. Eine erzieherische Absicht wie im „Struwwelpeter“ sei in „Max und Moritz“ nicht erkennbar. „Busch illustriert vielmehr das Böse und die dunkle Seite der Seele.“ Es sei verfehlt, Busch als großen deutschen Humoristen zu bezeichnen. „Humor ist, wenn überhaupt, bei Busch allerschwärzester Humor.“  jp

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