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Bückeburg erinnert sich

Zehn Jahre Stolpersteine Bückeburg erinnert sich

Die Zeitzeugen sterben aus, das Gedenken an die Opfer bedarf anderer Erinnerungskulturen. In diesem Jahr wird zum 77. Mal der Pogromnacht vom 9. November 1938 gedacht. Die Gewalt – besonders gegen Juden – erreichte eine neue Dimension, an deren Ende Konzentrationslager wie Auschwitz standen. Eine Form des Gedenkens sind die „Stolpersteine“, die ersten in Bückeburg wurde vor zehn Jahren verlegt.

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Schülerinnen der Geschichtswerkstatt und Gunter Demnig vor den Stolpersteinen für die Familie Rautenberg 2006.

Quelle: Archiv

Bückeburg. „Was 2005 in Bückeburg noch als Pilotprojekt startete, gehört heute im Landkreis Schaumburg zum festen Bestandteil einer besonderen Erinnerung“, sagt Klaus Maiwald, ehemaliger Leiter der Geschichtswerkstatt der Herdenschule. Der Kölner Künstler Gunter Demnig habe Anfang der neunziger Jahre den Gedanken der „Stolpersteine“ entwickelt.

Diese Steine werden an authentischen Orten verlegt, um die Namen der Opfer des Nationalsozialismus dahin zurückzubringen, wo sie herkamen. „Über Stolpersteine werden wir nicht physisch stolpern, sondern innehalten und uns fragen, was war das für ein Mensch, an den dieser Stein erinnert“, meint der ehemalige Geschichtslehrer Maiwald. Besonders die von ihm bis vor einigen Jahren geleitete Geschichtswerkstatt hatte sich für die kleinen Mahnmale starkgemacht. Die Geschichtswerkstatt erfuhr 2011 eine würdige Anerkennung durch die Verleihung eines niedersächsischen Schülerfriedenspreises.

Gewidmet sind die Steine allen Opfergruppen wie Juden, politisch Verfolgten, Sinti und Roma sowie Zeugen Jehovas. Ein Stolperstein trägt auf einer zehn mal zehn Zentimeter großen Messingplatte die Inschrift „Hier wohnte …“, den Namen des Opfers und sein weiteres Schicksal. Finanziert werden die Stolpersteine durch Patenschaften. Paten können Privatpersonen werden, aber auch Schulen, Schulklassen, Vereine, Städte, Stadtteile, Parteien, Stiftungen, Firmen oder Konfirmandengruppen.

Bis heute hat Demnig mehr als 50000 Stolpersteine in 1300 Orten in 20 europäischen Ländern verlegt. Ein Stolperstein kostete über viele Jahre 95 Euro, aktuell sind es 120 Euro.

Die Geschichtswerkstatt der inzwischen geschlossenen Herderschule, die sich über viele Jahre mit dem Schicksal der Opfer des Nationalsozialismus auseinandergesetzt hatte, fasste 2004 den Entschluss, das „Stolperstein-Projekt“ auch in Bückeburg als eine exemplarische Erinnerungskultur zu aktivieren. „Organisatorische und bürokratische Hürden galt es zunächst zu nehmen, bevor der erste Stein verlegt werden konnte“, erinnert sich Maiwald. In der Zwischenzeit erforschten Mitglieder der Geschichtswerkstatt im Landesarchiv Biografien der Opfer.

Am 22. November 2005 war es dann so weit: Die ersten sieben Stolpersteine wurden in der Innenstadt verlegt. Die ersten drei Steine galten der jüdischen Kaufmannsfamilie Wertheim (an der Langen Straße), von der nur die Tochter Gertrud durch Flucht nach Schottland überlebte.

Der Auftakt war gemacht, bis 2011 sollte es noch fünf weitere Stolperstein-Verlegungen geben. Die Bilanz spricht für sich, meinen die Initiatoren: Zwischen 2005 und 2011 wurden 49 Stolpersteine verlegt. 46 Steine davon sind jüdischen Menschen gewidmet, je ein Stein dem ehemaligen Bürgermeister Karl Wiehe, dem Jesuitenpater Friedrich Muckermann sowie den Unbekannten, die selbstlos gehandelt haben. Von den 46 für jüdische Menschen verlegte Steine sind 21 Männer und Frauen in Treblinka, Riga, Warschau, Theresienstadt, Sobibor und Auschwitz ums Leben gekommen. Fluchtländer waren die Schweiz, England, Schottland, Holland und die USA, Chile, Brasilien, Argentinien und Uruguay in Nord- und Südamerika. Angehörige bei Stolperstein-Verlegungen waren unter anderem die Tochter und Enkelin von Gertrud Wertheim, Töchter von Bürgermeister Wiehe, Angehörige von Pater Muckermann. Mit Heide Winkelmann wohnte noch die Tochter von der verfolgten Helene Winkelmann in Bückeburg. Brieflichen Kontakt zu Angehörigen gab es bei den Stolperstein-Verlegungen für die Familien Rautenberg (Los Angeles) und Philippsohn (London). Bei allen Verlegungen konnten in der Regel Abordnungen der Stadt Bückeburg, Land- und Bundestagsabgeordnete, Vertreter der jüdischen Gemeinde und der christlichen Kirche, voran der Landesbischof, begrüßt werden.

„Inzwischen haben sich erfreulicherweise immer mehr Kommunen im Landkreis dem Stolperstein-Projekt angeschlossen“, freut sich Maiwald. Er nennt als Beispiele Rinteln, Stadthagen, Obernkirchen, Bad Nenndorf, Bad Eilsen, Lauenau, Rodenberg, Beckedorf und Rinteln. Und: „Getreu dem Motto Gunter Demnigs ‚Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist‘ werden hoffentlich noch viele weitere Stolpersteine in Schaumburg verlegt werden.“ r

Zur Erinnerung an die ehemaligen jüdischen Mitbürger, die der Pogromnacht 1938 und dem Nazi-Terror zum Opfer gefallen sind, lädt die Stadt zu einer Kranzniederlegung ein. Diese findet am Montag, 9. November, ab 11 Uhr am Gedenkstein hinter dem Stadthaus statt.

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