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Das Grauen im Todeszug

Historischer Rückblick Das Grauen im Todeszug

Tannenbaum, Festessen und ein mehr oder weniger prall gefüllter Gabentisch – das Gros der hierzulande lebenden Menschen hat die Weihnachtstage mit einem Dach überm Kopf und ohne Todesangst verbringen können.

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Für die Passagiere des „Todeszuges“ Nummer 514, der im Dezember 1946 in Bückeburg ankam, waren die Bedingungen während der Fahrt katastrophal.

Quelle: Repro: gp

Bückeburg. Von Wilhelm Gerntrup

Die Älteren, die das Leiden und Sterben im Schützengraben, in Gefangenenlagern und auf der Flucht noch selbst miterlebt haben, versuchen, mit den Erinnerungen irgendwie klarzukommen. Das gilt auch für die noch lebenden Männer und Frauen, die vor 70 Jahren bei dem später als „Todeszug“ bekannt gewordenen Vertriebenentransport dabei waren. Er endete Weihnachten 1946 in Bückeburg und kostete mehr als 70 schlesische Männer, Frauen und Kinder das Leben.

Der Ablauf der Ereignisse gleicht dem Drehbuch eines Katastrophenfilms. Am 21. Dezember 1946, drei Tage vor Heiligabend, erreichte den damaligen Landrat des Kreises Bückeburg, Erwin Loitsch, ein Anruf aus Hannover. In Kürze werde ein größerer „Flüchtlingstransport“ im Bahnhof Bückeburg eintreffen, teilte der Niedersächsische Staatskommissar für das Flüchtlingswesen mit. Die örtlichen Behörden hätten unverzüglich die erforderlichen Vorbereitungen zu treffen.

Loitsch protestierte heftig. Die hiesige Region sei überfüllt, versuchte er, per Telefon und in eiligst hinterhergeschickten Telegrammen klarzumachen. Schon jetzt lebten in Bückeburg und Umgebung fast genauso viele Flüchtlinge wie Einheimische. Einen neuerlichen Zustrom könne die Bevölkerung nicht verkraften.

Freie Privatquartiere gab es nicht mehr

Der Protest schien zu fruchten. Noch am selben Tag wurde die Absage des Transports bestätigt. Doch dann traf, nur einen Tag später, eine Eildepesche mit der Nachricht ein, dass ein Zug mit mehr als 1000 Insassen unterwegs sei. Die Hälfte davon sei für Hameln bestimmt, die anderen würden im Laufe der Nacht nach Bückeburg weitergeschafft. Was man in der Ex-Residenz zunächst nicht glauben wollte, wurde wenig später von der Reichsbahn bestätigt. Hastig gingen Loitsch und ein paar Helfer daran, Feuerwehr und Rotes Kreuz zusammenzutrommeln, Ärzte und Krankenhäuser zu alarmieren sowie Omnibusse und Lastwagen für den Weitertransport der Leute in Turnhallen und Tanzsäle zu organisieren. Freie Privatquartiere gab es nicht mehr.

Nach etlichen Stunden des Wartens fuhr der Zug Nummer 514 am Montag, 23. Dezember, morgens um 7.45 Uhr in Bückeburg ein. Was die Helfer beim Öffnen der Waggons sahen, übertraf die schlimmsten Erwartungen. „Es war grauenhaft“, erinnert sich Ingeborg Rosenfeld, die damals als Rote-Kreuz-Schwester im Einsatz war. „In den Abteilen saßen und lagen total erschöpfte und völlig teilnahmslos wirkende Männer, Frauen und Kinder“. Die meisten hätten schwere Erfrierungen an Händen und Füßen gehabt. Ein älterer Mann konnte nur noch tot geborgen werden. Eine Frau und ein fünf Monate alter Säugling starben in den Armen der Retter. „Nur wenige konnten allein aussteigen und auf eigenen Beinen stehen“, so die damals 23-jährige Bückeburgerin. Mehr als 140 der knapp 700 Ankömmlinge mussten sofort ins Krankenhaus gebracht werden. Dort starben am Heiligen Abend vier, am ersten Weihnachtstag nochmals vier und bis zum Jahresende sechs weitere Menschen.

Schikanen, Prügel, Plünderungen

Schockierend war auch das, was die Überlebenden berichteten. Der Transport war am 17. Dezember, also knapp eine Woche zuvor, in Breslau losgefahren. Zum Treck gehörten insgesamt 1543 Menschen. Alle hatten – wie damals die meisten der rund viereinhalb Millionen deutschen Schlesier – nur einen Gedanken im Kopf: Weg aus der seit Kriegsende von den Russen besetzten und bald darauf von zwangsumgesiedelten Ostpolen kontrollierten Heimat. Schikanen, Pöbeleien, Prügel, Plünderungen und anfangs auch Vergewaltigungen waren an der Tagesordnung. Es gab auch Morde. Ein großer Teil der neuen Herren ließ keinen Zweifel daran, dass Deutsche als Nachbarn nicht länger erwünscht und geduldet seien.

„Alle lebten in schrecklicher Angst“, beschreibt Helga Rein, damals sieben Jahre alt, die Situation in den Wochen und Monaten vor dem Abtransport. „Möglichst nicht rausgehen – und unauffällig bleiben“, das habe die Mutter ihr und ihren beiden jüngeren Schwestern eingeschärft. Die vier hausten zusammen mit den Großeltern im Obergeschoss eines verlassenen Hauses in ihrem rund 20 Kilometer südlich von Breslau gelegenen Heimatdorf Wiltschau. Das eigene Anwesen war zerstört, der Vater im Krieg gefallen. Ein im Januar 1945 zusammen mit anderen Dorfbewohnern gestarteter Fluchtversuch in Richtung Bayern war gescheitert. Die vorrückenden Russen hatten den Treck noch vor Erreichen der tschechischen Grenze abgefangen und zurückkommandiert.

Entsprechend groß war der Andrang der noch in der alten Heimat ausharrenden Deutschen, als Mitte Dezember ein Transport in die britisch besetzte Zone angekündigt wurde. Viele warteten schon tagelang vor dem angekündigten Abfahrtstermin in einer ungeheizten Breslauer Schule. Auf dem Weg zum Bahnhof nahmen ihnen willkürliche Kontrolleure alles, was Wert hatte, weg.

Über 30 Menschen sterben während der Fahrt

Die Zustände in dem nach langem Hin und Her bereitgestellten Zug waren katastrophal. Er bestand aus 16 ungeheizten und verdreckten Viehwaggons. In den meisten gab noch nicht einmal Stroh. Die Temperaturen während des Transports lagen bei minus 15 bis 20 Grad. Die wenigen Lebensmittel, die man den Familien belassen hatte, waren gefroren und ungenießbar. Nur ab und zu wurde während der tagelangen Fahrt durch die sowjetisch besetzte Zone ein Schluck Kaffee oder etwas Trockenmilch für die Säuglinge hereingereicht. Nach Aussage der Überlebenden starben während der Fahrt mehr als 30 Menschen. Genaue Zahlen gibt es nicht. Die Toten wurden während der Zwischenstopps am Bahndamm „abgelegt“.

Die erste warme Mahlzeit gab es nach Erreichen der Zonengrenze in Helmstedt. Die Neuankömmlinge wurden, so gut es ging, medizinisch versorgt. Später mussten sich die dortigen Behörden den Vorwurf gefallen lassen, die Schwerkranken nicht dabehalten und in Krankenhäusern untergebracht zu haben. Immerhin ging die Fahrt von Marienthal aus in Personenwagen weiter.

Nicht das Leid der deutschen Zivilbevölkerung vergessen

Der „Todestreck“ sorgte später – auch international – für erhebliches Aufsehen. Die englische Zeitung „Picture Post“ veröffentlichte Augenzeugenberichte mit dem ausdrücklichen Hinweis an ihre Leser, angesichts der Gräueltaten des Nazi-Regimes nicht das Leid der deutschen Zivilbevölkerung zu vergessen. Im Mittelpunkt der Reportage standen die Aussagen des früheren Chefarztes im Breslauer St.-Joseph-Krankenhauses, Dr. Loch. Loch, dessen Frau beim Transport umgekommen war und der selbst schwerste Erfrierungen an den Füßen erlitten hatte, schilderte den britischen Reportern die katastrophalen Bedingungen während der Fahrt. Die Kinder hätten unentwegt gewimmert, viele Mütter geweint. Ein furchtbarer Gestank habe die Wagen durchzogen. Die meisten hätten Durchfall gehabt, weil sie gefrorenes Brot essen mussten. Eines Tages sei er zu einer qualvoll um Hilfe rufenden jungen Frau gerufen worden. Als er sich über sie beugte, um sie aufzurichten, habe er gemerkt, dass sie in ihrem eigenen Blut auf den Holzplanken des Waggonbodens festgefroren war. Mit etwas aufgewärmtem Eiswasser sei es gelungen, sie loszueisen. Keine Rettung habe es für das Baby gegeben, von dem er sie anschließend entbunden habe.

Die unmittelbar nach Eintreffen des Zuges in Bückeburg Verstorbenen wurden am 2. Januar 1947 auf dem Jetenburger Friedhof beigesetzt. Weitere Opfer starben in den Folgemonaten. Drei Reihen kleiner Sandsteinkreuze und ein größeres Ehrenmonument erinnern an die dramatischen Ereignisse jener Zeit. Insgesamt sind in der schlichten Ehrengrabstätte 89 Männer, Frauen und Kinder beigesetzt. Das jüngste Kind, der kleine Reinhard Hoppe, wurde gerade mal vier Monate alt. Auf dem Gedenkkreuz sind die Worte „Aus der irdischen Heimat vertrieben, aber nicht heimatlos“ eingemeißelt.

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