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Der Menschenfreund

Historischer Rückblick Der Menschenfreund

Die Anzahl bedeutsamer heimischer Schriftsteller kann man an den Fingern einer Hand abzählen. Umso erstaunlicher mutet der Erfolg eines vor gut 220 Jahren in Bückeburg verfassten Büchleins mit dem Titel „Gesundheits-Katechismus zum Gebrauche in den Schulen und beym häuslichen Unterrichte“ an.

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Dr. Bernhard Christoph Faust

Quelle: pr

Bückeburg. Von Wilhelm Gerntrup

Von einem 1792 vorab veröffentlichten Entwurfsmanuskript wurden auf Anhieb 80000 Exemplare verkauft, und die zwei Jahre später herausgegebene, durch vier Kupferstich-Illustrationen ergänzte Endfassung brachte es auf weitere 150000 Stück. Doch damit nicht genug. Der schmale Ratgeber in Sachen Volksgesundheit stieß auch im Ausland auf Interesse. Er wurde in 16 Sprachen übersetzt – ein zu jener Zeit seltenes Erfolgsereignis.

Verfasser des Katechismus war ein damals noch weitgehend unbekannter Mediziner namens Dr. Bernhard Christoph Faust. Dieser wurde den Lesern des Katechismus als „Gräfl. Schaumburg-Lippischer Hofrath und Leibarzt“ vorgestellt. Den Posten hatte er der Bückeburger Schlossherrin Juliane zu verdanken. Eine der vordringlichsten Aufgaben des bei seinem Dienstantritt im Jahre 1788 33-jährigen Doktors war die Betreuung des kränkelnden Erbprinzen Georg Wilhelm. Faust verstarb heute vor 175 Jahren.

Geboren wurde Faust 1755 im hessischen Rotenburg. Seine Neigung zur Heilkunst war ihm sozusagen in die Wiege gelegt. Auch der Vater war Arzt. Der Junior studierte in Kassel und Göttingen Medizin. Sein Examen machte er an der damaligen Universität im benachbarten Rinteln.

Zum Teil höchsteigenwillige Heilmethoden

In Bückeburg fiel der „Neue“ von Anfang an durch seine unverblümte Art und seine zum Teil höchst eigenwilligen Heilmethoden auf. Geziertes Drumherumreden und höfisches Getue waren dem vom Geist der Aufklärung beseelten und von den Zielen der vaterländischen Einigungsbewegung begeisterten Doktor zuwider.

Sein Steckenpferd war das Thema Gesundheitsfürsorge. Mit großer Energie und jeder Menge Phantasie versuchte er, seinen überwiegend unwissenden und von Armut, Hunger, Krieg und Aberglaube gebeutelten Zeitgenossen die Notwendigkeit gesunder, reinlicher Lebensführung klar zu machen.

Die Gesundheit der Menschen werde „vollkommen werden“, wenn sie als „Kinder in freyer Luft leben“ und der „Körper durch Bewegungen und die Seele durch Sinneserfahrung gebildet“ würden, so seine Empfehlung. Auch später („Nach dem zwölften Jahre, oder nach vollendetem Abzahnen“) seien Spiele und Leibesübungen wichtig. Darüber hinaus müssten „die Menschen ihr ganzes Leben hindurch freye, reine Luft athmen, kaltes, reines Wasser trinken, einfache, gute Speisen, mit vollkommenen Zähnen zum Brey gekaut, genießen und sich waschen, baden und rein“ halten.

Der Doktor setzte auch auf die Zunft der Pädagogen

Auch andere Erkenntnisse des vor 175 Jahren verstorbenen Hof-Medicus wirken bis heute modern. „Der Schmerz ist der erste Lehrer des Menschen“, machte Faust seinen Zeitgenossen bereits vor 200 Jahren klar. Er mache „vorsichtig, mitleidig, menschlich und beherzt und lehre, das Uebel zu fliehn“. Das gelte vor allem für äußere Verletzungen. „Körper-Schmerz thut in sehr vielen Fällen, und vorzüglich in den Jahren der Kindheit, dem Menschen und seiner Glückseligkeit weniger Schaden als Seelen-Schmerz, wenn man einem Kinde Unrecht thut, es erzürnt, böse macht und verächtlich behandelt.“

Zur praktischen Umsetzung seiner Thesen setzte Faust auf die Pädagogen-Zunft. „Wohl, auf diese Art sollt ihr, würdige Schullehrer, eure lieben Kinder unterrichten“, versuchte er, die damals selbst noch überwiegend ahnungslosen Küster zu motivieren. „Thut ihrs, so werden die Menschen und die künftigen Geschlechter ihre Gesundheit und Glückseligkeit zum großen Theil euch zu danken haben.“

Verantwortlich für die ersten Turnplätze

Für noch mehr Aufmerksamkeit als die Aufklärungsbücher des Hofrates sorgten dessen für damalige Verhältnisse bahnbrechenden Projekt-Initiativen. So ließ Faust zur Erfrischung der Passanten an Bückeburgs Stadttoren Wasserfässer aufstellen und die erste öffentliche Badeanstalt der Residenz bauen. Auch für die ersten, zwischen 1816 und 1818 in Bückeburg, Rinteln und Minden angelegten Turnplätze war der schon bald als „Turnvater der Oberweser“ bekannte Doktor verantwortlich. Die Residenz hat dem unermüdlichen Ideengeber und Antreiber zudem ein 1813 am Harrl gegenüber dem Bergbad errichtetes Freiheitsdenkmal zu verdanken.

Fausts bis heute bekannteste Tat war und ist die Einführung von Vorsorgeimpfungen gegen Pocken. Die hierzulande „Blattern“ genannte Volksseuche war eine der gefährlichsten Menschheitsgeißeln jener Zeit.

Zwischendurch fand er noch Zeit für Fachdiskussionen mit Kollegen sowie Aufsätze und Stellungnahmen zu medizinischen Tagesfragen.

Fast scheint es, als hätten sich Humor, Optimismus und Beharrlichkeit des stadtbekannten Junggesellen auch auf dessen eigenes Leben übertragen. Faust zeigte sich bis zu seinem Tode am 25. Januar 1842 geistig und körperlich rege und fit. Nicht nur in seiner Wahlheimat Bückeburg, wo er mehr als fünf Jahrzehnte seines 87 Jahre andauernden Lebens verbracht hatte, trauerten die Menschen um einen großen Mediziner und wahren Menschenfreund.

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