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Der allseits beliebte Tod

Bückeburg/ "Spectaculum" Der allseits beliebte Tod

„Und doch ist nie der Tod ein ganz willkommner Gast“, ließ Johann Wolfgang von Goethe einst den teuflischen Verführer Mephistopheles die suizidalen Gedanken seines „Faust“ kommentieren.

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Höllenfeuer macht durstig. Der Tod steht auf Waldmeisterbier.

Quelle: jp

Hätte der Fliegengott, Verderber, Lügner damals schon Mirco Lehmann gekannt, er hätte sich seinen Kommentar vielleicht verkniffen. Und vielleicht hätte der von ihm angesprochene Dr. Faust sogar den viel beschworenen „braunen Saft in jener Nacht“ doch ausgetrunken. Denn so witzig, geistreich, fantasievoll und originell wie dieser Tod dürfte einem der Gevatter noch nie begegnet sein. Seit vier Jahren ist der 24-jährige Wuppertaler als „Der Tod“ auf dem Mittelalterlich Phantasie Spectaculum zu erleben. Er hat es dabei in Rekordzeit geschafft, zu einem absoluten Publikumsliebling unter Künstlern, Heerlagern und Besuchern gleichermaßen zu avancieren.

 Als Mittelalterfan besucht der gebürtige Osterholz-Scharmbecker seit acht Jahren die Großveranstaltungen der Marke MPS, und schon vor sieben Jahren begann er, sich in einem der Heerlager zu engagieren. „Heerlager“, darunter werden die Gruppen von freien Darstellern und Akteuren verstanden, die nicht als engagierte Künstler sondern aus Leidenschaft auf dem Spectaculum in Zelten und Lagern campieren, um den Besuchern in historischer Gewandung mittelalterliches Lagerleben, Schwertkampfausbildung, Handwerkskunst oder Bogenschießen zu präsentieren.

  „Szandors Wolfspack“ nennt sich die Gruppe, die sich überwiegend aus Mitgliedern aus dem Ruhrgebiet und dem Kölner Raum zusammensetzt und alljährlich auch auf dem Spectaculum in Bückeburg zu finden ist.

 Aus einer spontanen Laune heraus schlug Mirco Lehmann den übrigen Lagermitgliedern vor, in die Rolle des Todes zu schlüpfen, als man im Herbst 2009 beim Saisonabschlusstreffen im „Schwarzen Keiler“ in Nienburg, einem sehr beliebten Treff für Mittelalterfans, über Möglichkeiten diskutierte, den stets an den Samstagabenden auf dem Spectaculum stattfindenden Pestumzug noch etwas schauerlicher zu gestalten. Gesagt, getan: Bereits im folgenden Jahr verbreitete Mirco Lehmann in der schauerlichen Gewandung des Gevatter Tod beim mitternächtlichen Pestumzug auf der Mausoleumswiese wohliges Grausen. Er kam damit bei Publikum wie auch Akteuren so gut an, dass ihm Veranstalter Gisbert Hiller bereits im folgenden Jahr, also 2011, anbot, ihn als darstellenden Künstler unter Vertrag zu nehmen.

 Seitdem ist Mirco Lehmann als „Der Tod“ aus dem ständigen Ensemble der mittelalterlich-fantastischen Großveranstaltung nicht mehr wegzudenken. Dabei fährt er seine Figur mit dem skelettierten Totenschädel, die stets in schwarzer Kutte und stilgerecht mit Sense auf dem Veranstaltungsgelände unterwegs ist, charakterlich zweigleisig: Tagsüber mimt er einen eher humorvollen Gevatter Tod, der mal auf hintergründig-ironische, mal auf geradezu sardonische und dann – wenn’s gerade passt – auch einfach mal auf ausgelassene und urkomische Weise mit dem Entsetzen Scherz treibt. Einen Tod, der sich zum Seilhüpfen animieren lässt, der dem Waldmeisterbier nicht abgeneigt ist und der auch schon mal auf seiner Sense zu den Klängen von Deep Purples „Smoke on the water“ Luftgitarre spielt. Sobald es jedoch dunkel wird, erlebt das Spectaculum-Publikum einen wesentlich ernsteren, düsteren Tod, der gravitätisch und beschwörend den Menschen die Endlichkeit ihres Seins vor Augen führt.

 Zu Kopf gestiegen ist Mirco Lehmann sein phänomenaler Erfolg in der Publikumsgunst als Tod beileibe nicht, doch der 24-Jährige, der hauptberuflich als Anwendungstechniker für Schweißtechnik tätig ist, denkt intensiv über eine Weiterentwicklung seiner Figur nach. „Ich bin beim MPS sehr glücklich, weil wir Künstler hier alle eine große Familie sind“, betont er, „aber ich habe bereits eine Menge Ideen darüber hinaus.“

 So kann er sich sehr gut Aktivitäten als Tod in Bereichen wie Film, Musikvideo oder Fotodarstellung vorstellen. Bis dahin möchte er seinen Tod jedoch erst einmal optisch ein wenig aufpolieren. Bislang besteht sein knöchernes Antlitz nämlich aus einer simplen Karnevalsmaske. Schon jetzt arbeitet Mirco Lehmann jedoch mit einer professionellen Maskenbildnerin zusammen, um dem Publikum spätestens in der nächsten Saison einen noch wesentlich toteren Tod bieten zu können.

 „Man wird die Verwandlung bemerken“, verspricht der ansonsten quicklebendige Jungdarsteller aus Wuppertal, und versichert zugleich: „Inhaltlich werde ich meiner Linie treu bleiben.“

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