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„Die Wurst muss gut gewürzt sein“

Bückeburg/ Spectaculum „Die Wurst muss gut gewürzt sein“

Im Sommer ab in den Süden? Das können sich die Mitglieder der Gruppen „Ritterschaft zu Grenzbach“ und „Deus lo vult“ nur schwer vorstellen. Sie fiebern schon lange auf ihren Urlaub im Heerlager des „Mittelalterlich Phantasie Spectaculum“ hin und nehmen dafür weite Anreise-Strecken in Kauf.

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Werner Thieme vom „Asinarius“ macht seine Runde. Im Gepäck hat er einen Holzwagen, auf dem rund 80 Salamiwürste Platz finden. 150 Kilogramm wiegt der vollbepackte Karren.

Quelle: mig

„Wir haben schon die Tage gezählt, bis wir wieder hier sind“, sagt „Zofe“ Daniela Henkel. Fernseher oder Laptops habe im Lager bisher keiner vermisst.

 Unter der Woche ist der Markt des „Mittelalterlich Phantasie Spectaculums“ kaum wiedererkennen. Nur ganz selten einmal verirrt sich ein Spaziergänger in den Park, ansonsten ist das Gelände an diesem Nachmittag fast verwaist. Eine Ausnahme bildet das Heerlager, einen Steinwurf vom Hauptplatz entfernt.

 Hier haben sich 80 Gruppen zusammengefunden, um eine gemeinsame Zeitreise ins 12. und 13. Jahrhundert anzutreten. Es wird gegrillt und gelacht, gesungen und gespielt. Ein Mädchen summt vor sich hin und fädelt Perlen auf ein langes Lederband. Neben ihr sitzen Karola Werner und Jörg Putzer.

 Das Paar ist noch nicht lange dabei und übt deshalb den Gebrauch der mittelalterlichen Sprache. „Wünschet Ihr noch einen weiteren Trunk?“ fragt Karola und lacht ins sich hinein. Der Trick sei, dass man immer ein e in das Verb hineinsetzt. Und: „Man muss „Ihrzen“ und „Euchzen“ und so viele alte Wörter wie möglich verwenden“, erklärt die Auszubildende aus Frankfurt/Main. Also nicht Euro, sondern Silbergulden.

 Noch unpassender sei das Wort Verkleidung. „Wir nennen unsere Kleidung Gewandung, wir sind also gewandet“, macht das 17-jährige Mädchen deutlich. Ob es ihr manchmal peinlich ist, dass die Besucher an den Wochenenden in ihr Zelt hineinkommen und „alles anfassen“? „Eigentlich nicht“, sagt Karola. Das Heerlager sei schließlich in das Geschehen eingebunden.

 „Das habe ich

 noch nie bereut“

 Einen Steinwurf entfernt liegt das Zelt von „Deus lo vult“ („Gott will es“), ein Orden der „Johanniter“. Jens Thielen sitzt auf einem Steckstuhl und genießt die kühle Abendluft. Seit sechs Jahren verbringt der „Graf“ seinen gesamten Urlaub auf Mittelaltermärkten, mal besucht er sechs, dann wieder zehn Veranstaltungen im Jahr. „Das habe ich noch nie bereut“, meint er schmunzelnd. Die Vorbereitung verschlinge zwar viel Freizeit, dafür aber werde man reich belohnt.

 „Zofe“ Daniela Henkel („Deus lo vult“) fühlt sich hier wie in einer anderen Welt. „Der Stress fällt von einem ab, es gibt keine Termine.“ Tochter Ronja, die ebenfalls mit zum Markt gereist ist, warte das ganze Jahr über auf diesen Urlaub. Ronja nickt. Bückeburg sei toll, das Gelände sehr schön, sagt sie lächelnd. Ihre Mutter erklärt: „Sie fühlt sich hier wohl, weil das etwas komplett anderes ist als zu Hause, die Kinder sind in der Natur, können mit anderen Kindern spielen und verbringen hier einen richtigen Abenteuerurlaub.“

 Ein lautes Rattern unterbricht das Gespräch. Werner Thieme vom „Asinarius“ macht seine Runde. Im Gepäck hat er einen Holzwagen, auf dem rund 80 Salamiwürste Platz finden. 150 Kilogramm wiegt der vollbepackte Karren, den er alle paar Stunden über das Gelände schleppt. Ein stattliches Gewicht, das gerade im Sommer doppelt wiegt. Am Zelt von „Deus lo vult“ bleibt der kleine Tross – Thieme „reist“ im Gefolge zweier kleiner „Wächter“ – stehen. Der „Graf von Thielen“ braucht eine Salami und pfeift den „Metzger“ heran. „Deine Würste sind einfach lecker und schmecken besonders gut“, sagt der „Ordens-Ritter“ anerkennend. Thieme lächelt. Er kennt seine Pappenheimer, ist selber seit mehr als 20 Jahren auf Mittelaltermärkten unterwegs. „Die Wurst muss gut gewürzt sein“, verrät er den Umstehenden. Und: „Das sind alles Lebensmittel aus eigener Produktion und ohne Zusatzstoffe.“ Sein Ziel, sagt Thieme, sei es zu zeigen: „Es geht auch anders.“

 „Fühlen uns gut aufgenommen“

 Bückeburg gefällt Thieme übrigens ausnehmend gut. Der Markt hier sei eines der Highlights seiner Tour und werde sowohl vom Veranstalter als auch von Stadt bestens betreut. Eine Ansicht, die auch von Jens Thielen und Manfred Giegler geteilt wird. „Wir fühlen uns in Bückeburg gut aufgenommen, und auch das Gelände mitten in der Natur ist bestens für ein Heerlager geeignet“, sagen sie. Schade sei nur, dass einige Nachbarn vor Gericht ein Verbot von Holzfeuern erreicht haben. „Vielleicht kann man da eine Kompromisslösung finden“, lautet ihr Vorschlag.

 Im Lager von „Deus lo vult“ wird das Abendessen vorbereitet. Der Grill soll angeschmissen werden, es gibt Würstchen und Pellkartoffeln. Gegessen wird mit einem Spieker. „Gabeln, wie wir sie heute kennen, gab es damals nicht“, erklärt Manfred Giegler („Ritterschaft zu Grenzbach“). Und auch sonst betreiben die Gruppen einigen Aufwand, um das „Mittelalter des 12./13. Jahrhunderts möglichst authentisch wiedererstehen lassen“, wie Jens Thielen sagt.

 In alten Büchern recherchiert „Deus lo vult“, wie die damaligen Ordensritter ausgesehen haben und was für eine Gewandung sie trugen. „Wir nehmen das schon ziemlich ernst“, sagt Thielen. Ziel seiner Reenactment-Gruppe sei es, ein mittelalterliches Heerlager darzustellen, das Hauptaugenmerk gerichtet auf den Zeitraum der ersten Kreuzzüge und der Kreuzfahrer. So authentisch wie nur möglich ist die „Gewandung“, die verschiedene Kleidungsstücke umfasst (etwa eine weiße Kniehose, ein weißes Hemd, ein Leinenunterhemd, zwei Paar Beinlinge oder eine Tunika).

 Steht ein Kampf an, kommt beispielsweise ein 20 Kilogramm schweres Kettenhemd hinzu. „Das kann im Sommer ganz schön warm werden“, meint Cord Stuhlmacher mit Blick auf die schwülwarmen Temperaturen. Umso wichtiger sei es, den Kampf vorher abzusprechen und „viel zu trinken.“ Warum man überhaupt mit dem Schwert aufeinander losgeht? „Wir wollen spüren, wie sich die Ritter auf dem Kreuzzug gefühlt haben“, formuliert es Jens Thielen. „Man hat Spaß daran und es gehört dazu“, meint Cord Stuhlmacher.

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