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Drei außergewöhnlichen Begabungen

Zoe Pape überzeugt in „Das Tagebuch der Anne Frank“ Drei außergewöhnlichen Begabungen

Am 1. August 1944 notiert Anne Frank in ihrem Tagebuch, ihre Seele sei zweigeteilt: die eine Seite von „ausgelassener Fröhlichkeit“, die andere indessen „schöner, reiner und tiefer“. Zwei Seelen? Das alte Herrenlied? All die zum Teil wie Briefe angelegten Texte aus der Zeit des Versteckens vor Gestapo und „grüner Polizisten“ zeigen weit mehr als nur zwei Seelen.

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Schauspiel von höchster Intensität: Zoe Pape und Justus Mackenbrock.

Quelle: vhs

Bückeburg/Minden. Und Zoe Pape vom Adolfinum Bückeburg gelingt es auf beeindruckende Weise, die unterschiedlichen Stimmen, die abrupt wechselnden Stimmungen, all die Gesichter des leidgeprüften vitalen Mädchens zum Leben zu erwecken.

 Anne Frank bekommt Gestalt, das Publikum im ausverkauften Saal des Elektrizitätswerks Minden, wo die Portabühne als neueste Produktion „Tagebuch der Anne Frank“ auf die Bühne bringt, darf erleben, was nur Theater vermag. Ein Geschenk – aus Unglück, aus Unheil, aus den Verbrechen der Nazis und ihrer Helfer und Nutznießer geboren.

 Paradoxie pur: Auch die bedrückende Enge in jenem Versteck in Amsterdam, wo die Franks gemeinsam mit anderen Juden bis zum 4. August 1944 unentdeckt blieben, ist ein dramaturgischer Idealfall. Regisseur Detlev Schmidt muss den Raum nicht künstlich verdichten, um den richtigen Fokus zu setzen. Die Situation ist so, es war so eng seinerzeit, man ist sich ausgeliefert, man hat nur das Wenigste, aber wenigstens noch ein paar heldenhafte Helfer (beherzt: Astrid Volkmann, glaubwürdig in Bedrängnis: Thomas Lange). Dem gesamten Ensemble gelingt es auf eindringliche Weise, das Seelenspiel zu variieren: Es gibt Plauderpassagen, es gibt Sequenzen in Paranoia, Intimität ist ständig und ist unvermeidbar: Die „Hölle“ wird Jean Paul Sartre das in anderem Zusammenhang nennen. So sagt Annes Vater (fast zu textsicher, aber verzweifelt überzeugend: Friedhelm Schlötel) denn auch einmal, als selbst er nicht mehr weiter weiß, zusätzlich geplagt von den geschickt eingespielten Geräuschen der Besatzungsmacht, des braunen Unheils (Technische Leitung: Christoph Imming): „Wir brauchen die Nazis nicht, wir zerstören uns selber.“

 Von größter Eindringlichkeit ist auch die Art, wie der junge Justus Mackenbrock als Peter agiert. Seine Wortkargheit, seine Unbeholfenheit, seine Schüchternheit und sein doch so jungmannhaftes Gehabe bilden im Wechselspiel mit Zoe Papes brillierender Art ein Fundament des Erfolgs. Jeder erlebt die Situation anders, auch wenn allen die totale Isolation gemeinsam ist und die Gründe, Angst zu haben, Angst auf Leben und Tod. Peter hat auch noch die Eltern mit ihren Macken im Nacken. Ihm wäre zuerst jener letzte Schritt zuzutrauen. Doch da wächst eine zarte Liebe, ganz ohne Kitsch und Schmalz. Für einen Moment wirken Anne und Peter reicher als alle außerhalb des Kerkers. Sie haben sich noch nicht gefunden, aber es könnte geschehen, das Einmalige. Umso schlimmer, was dann kam, das Ende in einem der Konzentrationslager Nazideutschlands.

 Vollständig wird das dramatische Wirkungsgefüge, zu dem Petrau Brauer als Mutter, Ramona Ahijoda als Schwester Margot und die Eltern von Peter (Wolfgang Tyrock, Annette Splitthoff) sowie mit Abstrichen Baruch Hoffart-Le Guellec als Jude Düssel ihr Gutteil leisten, erst durch Melina Alsdorf. Wie eine surreale Gestalt geistert sie durch einzelne Szenen, der Realität enthoben und doch mit Anne schicksalhaft verwoben. Die hell kostümierte Schattenfigur Kitty hat Eigenleben, verkörpert Hoffnung. Selbst die Stimmen von Zoe und Melina wirken ähnlich, und doch spricht das Tagebuch anders. Da spricht die, die „bleibt über den Tod hinaus“, wie Anne Frank es einmal notiert hat als größten Wunsch. Am Ende begeisterter Beifall. Verfolgung und Flucht als Themen der Gegenwart stehen ganz unaufdringlich im Raum.

 Weitere Aufführungstermine im Februar und März 2015 sind auf der Homepage des Ensembles unter www.portabühne.de zu erfahren.

Von Volkmar Heuer-Strathmann

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