Volltextsuche über das Angebot:

11 ° / 6 ° wolkig

Navigation:
Dreimal kalte Platte

Barbara Salesch hat Lust auf Veränderungen Dreimal kalte Platte

Staatsanwältin in Hamburg, Richterin am Landgericht, Abteilungsleiterin in der Justizbehörde: Es ist eine schöne juristische Karriere, auf die sie zurückblicken kann. Dann kam das Privatfernsehen – und Barbara Salesch verkaufte ihre Seele. „Das stimmt“, wird sie in Bückeburg bei ihrer Lesung bestätigen, „aber nicht für Geld.“ Dazu gleich mehr.

Voriger Artikel
Größer als die Marktkirche in Hannover
Nächster Artikel
Freude über Landesmeistertitel

Sie ist nicht fotogen, aber sie weiß, wie es geht, sagt Barbara Salesch in Bückeburg: Man flirtet mit der Kamera. Das Ergebnis gibt ihr recht.

Quelle: rnk

Bückeburg. Im Fernsehen war sie mütterlich, verständnisvoll und stets souverän: Seit 1999 warf Salesch im prächtigen TV-Gerichtssaal strafende Blicke über den Brillenrand. Auf der Anklage- und Zeugenbank: neidische Kollegen, cholerische Ex-Freunde, tratschsüchtige Nachbarn, Täter, Zeugen, Nebenkläger. Und nach der Wahrheit geforscht wurde vor stets gut gefüllten Zuschauerbänken, auf denen sich mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks kurz vor der Werbepause noch ein Überraschungszeuge meldete, der neue Hinweise zum Fall beisteuerte. Und ebenso pünktlich brach der Schuldige fünf Minuten vor Schluss geständig zusammen. Überlebensgroße Gefühle und niedrigste menschliche Regungen, vorgeführt von Laiendarstellern, die wie direkt aus der Gosse verpflichtet wirkten, auftraten und auch so sprachen. Denn das habe sie schnell gelernt, sagt Salesch: Frauen mit tiefem Ausschnitt bringen mehr Quote, Männer mit Muskel-Shirt auch. Und Prostituierte? Die sahen in der Sendung auch immer aus, als ob sie auf dem Weg zur Arbeit wären. Das tägliche Fernsehgericht wirkte wie der Hinterhof der Amts-, Landes- und Oberlandesgerichte und war nach den Talkshows die logische Fernsehsteigerung: Die menschlichen Dramen wurden nicht mehr nur verbal verhandelt, es wurde auch geurteilt – von echten Richtern.

 Aber was bringt eine anerkannte und gestandene Juristin dazu, sich auf das schlüpfrige Parkett einer Gerichtsshow zu begeben? Ist es wirklich die „Lust auf Veränderung“, wie Salesch ihr Buch genannt hat?

 30 Minuten vor Lesebeginn ist der Saal im Bückeburger Ratskeller prächtig gefüllt, und in der Miene von Friedel Pörtner kann man lesen wie in einem offenen Buch: Es wird eng, sehr eng heute. Und tatsächlich: Es werden Stühle geschleppt, in Dreierreihen sitzen die Zuhörer vor der Tür, mindestens 150 Gäste und Mitglieder kann Pörtner begrüßen.

 Salesch, so stellt sich schnell heraus, ist witzig, pointiert, selbstironisch und eine charmante Dampfplauderin. Bevorzugtes Ziel ihrer spitzen Bemerkungen: sie selbst und vor allem ihr Gewicht.

 Geboren in Karlsruhe, war sie eine herbe Enttäuschung für ihren Vater, der fest mit einem Sohn gerechnet hatte. Aber nach dem ersten Blick auf die kleine Barbara änderte sich das sofort: Sie sah ihrem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten. Schule und Abitur in einer Zeit, in der der Zugang von Frauen zur Bildung alles andere als selbstverständlich war. Also Studium – und zwar nicht nur Jura, sondern auch Sport (ein bisschen). Und es gab eine Kantine in der Uni, in der des Essen wirklich schlecht war, erklärt Salesch. Die Folge: Sie kauft sich ein Schulkochbuch. Zwei Koteletts der dicken Ausführung sind gar kein Problem, denn „ich esse einfach zu gern, zu gut und zu viel“. Nach dem ersten Semester hat sie 13 Kilo zugenommen, als „Weltmeisterin im Anfangen von Diäten“ verspottet sie sich in Bückeburg.

 Als sie Jura studiert, hat sie natürlich Nebenjobs, denn: „Die beiden Koteletts müssen ja finanziert werden.“ Das Studium läuft langsam ab, und abends wird der Sektkorken immer in Richtung Uni geknallt, so viel Stil muss sein.

 Es folgt Hamburg, die Staatsanwaltschaft, und dann erzählt Salesch von einem Kollegen, der 1986 ums Leben kam: Erschossen von Werner Pinzner, einem Auftragsmörder, der als St.-Pauli-Killer bekannt wurde. „Man muss lernen, mit Gewalttaten umzugehen“, sagt Salesch und meint die Arbeit als Staatsanwalt. Wer an drei Obduktionen teilnehmen muss, der hat eben „dreimal kalte Platte“, erklärt sie, und das sei nicht zynisch gemeint. „Diese Begriffe dienen der Distanzierung.“ Krimis im Fernsehen muss sie nicht haben, „ich habe genug echtes Blut gesehen“. Später erzählt sie, dass sie keinen Fernseher besitzt.

 Sie wechselt ins Richteramt – und hat damit Macht. „Aber Macht ist nichts Negatives“, sagt sie. „Macht bedeutet die Entscheidungshoheit. Und genau darum geht es.“

 Und wie kommt eine unbekannte Richterin ins Fernsehen? Sie geht ein Bier trinken, kommt dabei mit der Behördenpräsidentin ins Gespräch, lehnt das TV-Angebot ab – und sagt ein paar Tage später zu, moderiert ein Schiedsgericht, ist mit der Sendung zufrieden, denn die ist gut. Und die Quote? Die interessiert Salesch nicht. Der Sender, man ahnt es, sah das anders. Und ließ die Drehbuchschreiber umsatteln: Strafrecht. 200 Richter und Staatsanwälte habe man damals auf ihre Fernsehtauglichkeit getestet, ehe sie kam, erzählt Salesch. Denn das Format habe in der Luft gelegen: „Wer als erster damit auf den Fernseh-Markt kommt, der gewinnt.“ Was sie dort gelernt habe? Einiges, etwa „dass ich nach 43 Minuten bei der Rechtsmittelbelehrung sein muss“. Und: „Im Zweifel für den Angeklagten? Das liebt der Zuschauer gar nicht.“ Man muss das Format nicht mögen, aber Salesch hat ihre Sache gut gemacht: Drei Millionen Zuschauer im dritten Jahr, 2147 Folgen sprechen für sich.

 Und jetzt ist sie Malerin. „Und? Male ich mich mit meinem Promibonus durch den Rest meines Lebens?“, fragt sie. Vielleicht, denn in Petershagen hat sie die Liebe ihres Lebens entdeckt: Es ist ein Haus. An diesem Punkt versteht man auch, wofür Barbara Salesch ihre Seele verkauft hat: für einen Platz im Leben, an dem sie endlich angekommen ist. Und einen Vorteil hat die Malerei ja doch gegenüber der Bildhauerei: Man spart Zeit. „Während der Bildhauer noch auf dem Schrottplatz nach Material sucht, hat der Maler schon seine Ausstellung eröffnet, sagt sie. rnk

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Möchten Sie uns zu diesem Artikel Ihre Meinung sagen? Dann schicken Sie uns einen Leserbrief.

Leserbrief schreiben

Unternehmen quer durch alle Branchen haben sich auch in diesem Jahr wieder an der Aktion der Lions Clubs beteiligt, deren Erlös auch der „Weihnachtshilfe“ der Schaumburger Nachrichten zugute kommt. Hier finden Sie ab dem 1. Dezember die täglich aktuellen Gewinnnummern. mehr

In Ruhe einkaufen, erholsam Urlaub machen, in die Stadtgeschichte eintauchen oder einfach mal in einem der vielen Restaurants und Kneipen die Seele baumeln lassen. Lernen Sie Stadthagen von einer ganz anderen Seite und auf ganz besondere Weise kennen. mehr

Schaumburg