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Edle Karossen und ein dunkles Kapitel

Stadtgeschichte Edle Karossen und ein dunkles Kapitel

Erst gut zehn Jahre ist es her, dass – nach einer aufwendigen Namensfindungsaktion – der Begriff „Falkingsviertel“ aus der Taufe gehoben wurde. Doch diese Zeitspanne reichte offenbar aus, um die Vorgeschichte des bis dato als „Kögel-Gelände“ bekannten Areals in Vergessenheit geraten zu lassen.

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Zu den Glanzstücken Bückeburger Automobilbaukunst gehörten die Mercedes-Omnibusse mit Panorama-Rundumsicht aus der Nachkriegszeit – hier werbewirksam zur Schau gestellt vor heimischer Schlosstor-Kulisse.

Quelle: Archiv

Bückeburg. Von Wilhelm Gerntrup

Wer erinnert sich noch daran, dass dort einst Bückeburgs größter und bekanntester Industriekomplex angesiedelt war? Und wer weiß noch, dass zwischen Hannoverscher und Bergdorfer Straße ein Dreivierteljahrhundert lang edle Karossen hergestellt wurden?

Am Anfang der Geschichte stand eine pfiffige unternehmerische Initiative des Bückeburger Sattlermeisters Hermann Harmening. Der steigende Repräsentationsbedarf der adligen Landesfürsten im kaiserlichen Deutschland nach der Reichsgründung (1870/71) hatte Harmening auf die Idee gebracht, in seiner kleinen Werkstatt an der Obertorstraße Nummer 9 die Herstellung von Pferdekutschen auszuprobieren. 1879 war es soweit. Die eleganten, aufwendig verarbeiteten Karossen wurden ein weithin bekannter Verkaufsschlager. Sie gehörten schon bald zum Fuhrpark der besseren europäischen Kreise. Harmening selbst stieg zum Hoflieferanten des hiesigen Fürstenhauses auf. An selbst fahrende Fahrzeuge dachte damals noch keiner.

Mit der Zeit wurde es in der Werkstatt an der Obertorstraße zu eng. Der Betrieb zog in eine größere, neu erbaute Halle an der Hannoverschen Straße um. Anfang des 20. Jahrhunderts war auch ein Produkt-Wechsel fällig. Die Zeit des Zugpferde-Antriebs ging zu Ende. Hermann Harmening stieg ins neu aufgekommene, rapide wachsende Automobil-Geschäft um. Seine Spezialität blieb aber die Herstellung aufwendig gestalteter Spezialkarossen.

Die großen Automobil-Bauer wie Mercedes, Opel oder Brennabor stellten damals nur ihr Standard-Modell in Eigenproduktion her. Sonderausführungen wurden in Extra-Werkstätten angefertigt. Harmening und sein Team schweißten und hämmerten auf den Original-Chassis Postautos, Militärfahrfahrzeuge und Krankenwagen zusammen. Für die meisten Aufbauten wurde (Leim-)Holz verwendet.

Flexible, am Marktausgerichtete Modellpolitik

Wie viele andere Betriebe bekamen auch die Bückeburger die schweren wirtschaftlichen Verwerfungen nach dem Ersten Weltkrieg zu spüren. 1928/29, am Vorabend der Weltwirtschaftskrise, kam die Produktion zum Erliegen.

Doch schon wenig später wagte Franz Harder, Schwiegersohn des Firmengründers, einen Neubeginn. Sein Erfolgsrezept: eine flexible, konsequent am Markt ausgerichtete Modellpolitik. Man baute alles, was das Kundenherz begehrte, darunter Kombis, Cabrios, Transporter, Lieferwagen und Rennautomobile. Einer der wichtigsten Auftraggeber jener Zeit war die Reichspost. Sie bestellte ganze Serien für den Paketdienstverkehr. Zeitweise beschäftigte die Harmening Karosseriebau AG mehr als 600 Mitarbeiter.

Die Zahlen schnellten noch weiter nach oben, als ab Mitte der dreißiger Jahre in großem Stil Wehrmachtsaufträge eingingen. In den Fertigungshallen wurden jetzt vor allem Truppen-Transporter gebaut. Ein Jahr vor Kriegsende wurde auch die Fertigung von Raketenteilen der Wunderwaffe V2 in die Ex-Residenz verlegt. Das Rüstungsgeschäft bescherte der AG das dunkelste Kapitel der Firmengeschichte. Als Ersatz für die an der Front kämpfende Stammbelegschaft wurden Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter eingesetzt. In Bückeburg sollen etwa 50 bis 60 Franzosen und etwa 20 Frauen und Mädchen aus der Ukraine im Einsatz gewesen sein. Kein Wunder, dass sich nach Kriegsende die Engländer besonders intensiv für den Betrieb interessierten. Das Gelände wurde beschlagnahmt und ein großer Teil der Materialvorräte und Anlagen abtransportiert. Der Rest zog in die Stallgebäude des Maschvorwerks um.

1958 gehen die Lichter aus

Mit der Rückkehr an die Hannoversche Straße Anfang der fünfziger Jahre begann eine neue, anfangs vielversprechende Epoche. Schwerpunkt wurde der Omnibusbau. Konstruktionen wie die Panoramamodelle auf Mercedes-Chassis lassen noch heute die Herzen von Oldtimer-Fans höherschlagen. Pro Woche rollten drei bis vier Großraum-Fahrzeuge aus den Werkshallen. Ein großer Teil ging ins europäische Ausland.

Doch Mitte der Fünfziger wendete sich das Blatt. Immer mehr Autobauer nahmen die Herstellung von Sonderfahrzeug-Serien selbst in die Hand. Für das Gros der deutschen Spezial-Karosseriehersteller kam das Aus. In der Harmening AG gingen die Lichter Ende 1958 aus.

Der auf 50 Mitarbeiter geschrumpfte Rest wurde vom Braunschweiger Fahrzeughersteller Kannenberg übernommen. 1972 war es auch mit der „Faka“ vorbei. In die weitgehend leer stehenden Anlagen zog die Ulmer Kögel AG ein. 20 Jahre später wurden die Werkstore für immer geschlossen.

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