Volltextsuche über das Angebot:

10 ° / 9 ° Regenschauer

Navigation:
Ein Tag, der Gewicht hat

Bückeburg Ein Tag, der Gewicht hat

Mit zwei miteinander verknüpften Veranstaltungen ist gestern am Gedenkstein hinter dem Stadthaus und in der Stadtkirche an die Pogromnacht von 1938 und an den Fall der Berliner Mauer vor 25 Jahren erinnert worden.

Voriger Artikel
Auf zarte Farben verzichtet
Nächster Artikel
Frischer Glanz – neue Ordnung

Leonid Feldbein (von rechts), Leonore Berner und Reiner Brombach legen Kränze am Gedenkstein nieder.

Quelle: bus

Bückeburg. „Ein Tag, der Gewicht hat in der Geschichte Deutschlands und der Welt“, sagte Pastor Dr. Wieland Kastning, der an beiden Orten sprach. „Wir wollen die Schatten der Vergangenheit auch an so einem schönen Tag nicht vergessen.“

 Es reiche allerdings nicht aus, einmal im Jahr ritualisiert zusammenzukommen und die richtigen Worte zu sprechen. „Wir können nicht einfach einen Schlussstrich ziehen, die Vergangenheit prägt uns weiterhin“, betonte der Geistliche.

 Bürgermeister Reiner Brombach rief in Erinnerung, dass „wir als Deutsche eine hohe Schuld auf uns geladen haben, die man nicht wiedergutmachen kann“. Dennoch seien alle Bundesbürger Garanten dafür, dass von deutschem Boden niemals mehr solch ein menschenverachtendes Denken und Handeln ausgehen dürfe. „Und wir sind auch Garanten dafür“, stellte das Stadtoberhaupt heraus, „uns in der Welt dafür einzusetzen, dass diese Denkweise nirgendwo mehr Fuß fassen kann und darf.“ Was unterdessen leider an einigen Orten schon wieder ins Gegenteil verkehrt werde. Brombach: „Gleichwohl müssen wir alles dafür tun, dass alle Menschen geachtet werden, egal welcher Hautfarbe, welcher Religion oder welcher Rasse.“

 Leonid Feldbein merkte an, dass nach fast acht Dutzend vergangener Jahre die Welt weder ruhiger noch sicherer geworden sei. „Im Gegenteil, der Hass ist schon wieder auf die Straßen öffentlich hinausgegangen“, hielt der Vertreter der jüdischen Gemeinde Schaumburg fest. „Viele Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens tadeln die wachsende religiöse und nationale Unduldsamkeit, doch in Wirklichkeit ist kaum etwas unternommen worden.“ Feldbein hob das Engagement von Klaus Maiwald hervor. „Es bleibt zu hoffen, dass dies bemerkenswerte Beispiel irgendwann von der ganzen Gesellschaft wahrgenommen wird.“

 Maiwald, der wie Kastning sowohl in der Stadtkirche als auch am Gedenkstein auftrat, zitierte an beiden Schauplätzen aus einem Dokument des jüdischen Bückeburgers Erwin Rautenberg: „Ich kann nicht einfach vergessen und habe kein Recht, denen zu vergeben, die den Tod einer Million unschuldiger Kinder verursachten.“ Kinder, die nie eine Chance gehabt hätten, in Freude aufzuwachsen, zu heiraten und eigene Familien zu gründen. „Und ich kann auch denen nicht vergeben, die Millionen unschuldige Menschen in die Gaskammern schickten. Es ist meine Verpflichtung, und ich vertraue darauf, dass es auch Ihre Verpflichtung ist, dass die Geschichte dieser Menschen nie vergessen wird. Und dass sie immer in unseren Herzen weiterleben“, las der frühere Leiter der Herder-Geschichtswerkstatt vor.

 Jasmin Tänzer und Manuel Vogt, die der jetzt von Christine Müller geleiteten und an der Oberschule angesiedelten Werkstatt angehören, riefen die Namen der in Bückeburg betroffenen Familien ins Gedächtnis: Behrend, Benario, Berl, Bonwitt, Cahnfeld, Dublon, Falk, Heinemann, Humbrock, Kreuzer, Leeser, Levison, Meyberg, Meyer, Meyersberg, Michaelis, Moosberg, Philippsohn, Rautenberg, Rosenberg, Scheiberg, Schulz, Uhlmann, Weihl, Wertheim und Winkelmann.

 Superintendent Sebastian Neuß spürte während seiner in der Stadtkirche gehaltenen Predigt der Bedeutung der Worte des Vater Unsers nach. Zur Passage „und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“ führte der Gast aus Jena aus: „Im Gegensatz zur Kriegs- und Nachkriegsgeneration, die mehrteilig unfähig war, die Schmerzen und die Schuld, die anderen zugefügt wurden, und auch die eigene seelische Beschädigung zu betrauern, haben wir in den zurückliegenden 25 Jahren viel mehr zur Aufarbeitung unserer Schuldgeschichte tun können. Das ist ein großes Geschenk. Wir haben viel über die Täter und etwas weniger auch über die Opfer gesprochen. Aber wir alle werden trotzdem nicht frei sein, wenn wir nicht – jeder für sich – über unsere eigenen Schuldanteile nachgedacht haben.“

Von Herbert Busch

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Möchten Sie uns zu diesem Artikel Ihre Meinung sagen? Dann schicken Sie uns einen Leserbrief.

Leserbrief schreiben

Unternehmen quer durch alle Branchen haben sich auch in diesem Jahr wieder an der Aktion der Lions Clubs beteiligt, deren Erlös auch der „Weihnachtshilfe“ der Schaumburger Nachrichten zugute kommt. Hier finden Sie ab dem 1. Dezember die täglich aktuellen Gewinnnummern. mehr

In Ruhe einkaufen, erholsam Urlaub machen, in die Stadtgeschichte eintauchen oder einfach mal in einem der vielen Restaurants und Kneipen die Seele baumeln lassen. Lernen Sie Stadthagen von einer ganz anderen Seite und auf ganz besondere Weise kennen. mehr

Schaumburg