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Eine besondere Förderung

Bernd-Blindow-Schule Eine besondere Förderung

Auf dem Arbeitsmarkt herrscht ein  Konkurrenzkampf. Jeder Bewerber wird auf seine Schwächen abgeklopft und beinhart bewertet. Menschen mit Behinderungen fallen da schnell „hinten runter“. Menschen wie Maurice Wündsch, der sich auf dem Gelände der Bernd-Blindow-Schule sehr wohlzufühlen scheint.

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Maurice Wündsch (vorne): Sein Begleiter Ralf Koch passt auf.

Quelle: mig

Bückeburg. Langsam geht er den gewundenen Weg entlang, im Arm hält er eine Tasche mit Post, die er in ein anderes Haus bringen soll. Einige Schüler kreuzen seinen Weg, treten zur Seite und grüßen ihn mit einer Handbewegung. „Hallo, Maurice“, sagt ein Mädchen leise – sie hat den schüchternen Jungen schon oft gesehen. „Ich finde ihn sehr mutig, wie er das alles macht“, erzählt die Schülerin. Dass Maurice ein „frühkindlicher Autist“ ist, hat sie zunächst gar nicht gemerkt. „Ich bin dann darauf aufmerksam gemacht worden, wie man am besten mit ihm umgeht.“

„Kumpelhaft funktioniert am besten"

„Wie man mit Maurice umgeht“: Das steht auf einem Zettel, den sein Begleiter Ralf Koch und Maurices Mutter ausgearbeitet haben. Dass er manchmal zeitverzögert antwortet, steht dort. Und dass er manchmal (vor Freude oder Aufregung) mit den Armen wedelt. Ansonsten solle man den 17-Jährigen normal behandeln – wie andere Jugendliche auch. „Kumpelhaft funktioniert am besten, etwa mit Abklatschen und gib mir fünf“, lesen die Schüler. Es gibt aber auch Sachen, die er gar nicht mag, etwa: „Wenn man ihn festhält, an ihm zerrt oder versucht, ihn zu schieben. Dann macht er sich steif.“

Es hat gedauert, bis Maurice sein Praktikum (im Berufsvorbereitungsjahr der Berufsschule Stadthagen) machen konnte. Nicht jeder Betrieb hat so positiv reagiert, wie die Bernd-Blindow-Schule. „Ohne das Engagement der Familie wäre vielleicht nichts draus geworden“, sagt der Begleiter des jungen Manns, Ralf Koch. Nicht jeder Mensch mit einer schweren kognitiven Behinderung würde entsprechend gefördert. „Manch einer wird in eine Werkstätte abgeschoben, obwohl was anderes möglich wäre.“

Maurice hat in dieser Hinsicht Glück gehabt: Er ist inklusiv beschult worden, singt sogar in einem Chor. „Wenn Menschen unterstützt werden, ist vieles möglich“, bringt es Koch auf den Punkt. Gerade Maurice sei ein gutes Beispiel für eine gelungene Inklusion beziehungsweise Integration. „Er braucht zwar eine Begleitung, aber er macht seine Arbeit.“

Möglichst große Selbstständigkeit ist das Ziel

Seine Währung sind Smileys, die er von seinem Begleiter bekommt. Je mehr Smileys, desto größer die Belohnung, die von Pommes und Chicken Nuggets bis zu Youtube-Videos reicht. Aktuell übernimmt Maurice leichte Bürotätigkeiten, hilft beim Archivieren. „Die Arbeit gefällt ihm“, sagt Koch. „Man muss ihn nur in Ruhe machen lassen.“ Für die Zukunft habe man das Ziel möglichst großer Selbstständigkeit.

Auf welchem Weg Autismus entsteht, da ist sich die Wissenschaft bis heute uneins. Nur eines ist gewiss: So wie Dustin Hoffman in „Rain Man“ sind nur wenige Autisten. Nur wenige sind sogenannte Savants, die Karten und Streichhölzer in einer atemraubenden Geschwindigkeit zählen können, die irgendeine extreme Spezialbegabung haben. Und das Bild des „emotionslosen Menschen“ ist ebenfalls längst überholt.

Reizüberflutung

„Den“ Autismus oder „das“ Asperger-Syndrom gibt es nicht. Jeder Mensch mit einer solchen Diagnose erlebt seinen Autismus anders, die Symptome und deren Ausprägungen sind verschieden. In der Diagnostik spricht man von der Autismus-Spektrums-Störung, kurz: ASS. Dazu gehören der frühkindliche Autismus, der atypische Autismus und das Asperger-Syndrom. Menschen aus dem Autismus-Spektrum haben eine angeborene veränderte Wahrnehmung und Informationsverarbeitung. Oft wird in diesem Zusammenhang von einer Reizüberflutung gesprochen.

Wie die Störung entsteht, liegt wissenschaftlich noch weitgehend im Dunkeln. Fest steht jedenfalls, dass diese „veränderte Wahrnehmung“ für den Autisten mit großen Einschränkungen verbunden ist. Was aber nicht heißt, dass Autisten zwangsläufig schwerbehindert sind. Etliche können sich im Alltag einrichten, wenn die Umwelt Rücksicht nimmt.

Wie sich Autisten „in der Welt“ fühlen, ist oft beschrieben worden: Einige haben das Gefühl, sie seien wie „hinter Glas und doch dabei“, andere meinen, „von einem anderen Planeten zu stammen“. Wieder andere sehen sich als „Ausländer im eigenen Land“ oder wie ein „Außerirdischer“, der die Codes der Einheimischen mühsam lernen muss.

Nicht alle Autisten sind hochbegabt

Keine Rede von „gefühlskalt“ oder „emotionslos“, ein Bild, das immer noch vorherrscht. Autisten können sehr wohl mit anderen Menschen mitfühlen – der emotionale Aspekt erschließt sich ihnen über die Verstandesebene. Und nicht alle Autisten sind hochbegabt. Nur etwa die Hälfte aller bekannten „Savants“ (Menschen mit einer außergewöhnlichen Inselbegabung wie der „Rain Man“) sind Autisten. Menschen mit ASS haben zwar häufig Spezialinteressen, die aber keineswegs so ausgeprägt oder extrem sein müssen wie die eines „Savants“. Die Beschäftigung mit Interessen wie „Autowaschen oder Reinigungsmaschinen“ (wie bei Maurice) dient wohl auch zur Erholung von der ständigen Reizüberflutung. Dieses Verhalten eint die meisten Autisten: Von Zeit zu Zeit müssen sie sich zurückziehen, um sich vom Trubel der Welt zu erholen.

Maurice wird jetzt erst einmal sein Berufsvorbereitungsjahr zu Ende machen, Geschäftsführer Andreas Blindow, die Lehrer und alle Schüler werden ihn dabei unterstützen. „Wir wollen ein Zeichen setzen für Integration und Inklusion“, sagt Maria Finke vom Fachbereich Ergotherapie. Koch ergänzt: „Was hier passiert, das ist schon etwas ganz Besonderes.“ mig

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