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Bückeburg Stadt Pinta-Brand: Einsatz dauert zwölf Stunden
Schaumburg Bückeburg Bückeburg Stadt Pinta-Brand: Einsatz dauert zwölf Stunden
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00:22 30.09.2018
Am Tag danach: Die Halle ist eine Ruine. Es besteht Einsturzgefahr, sie darf nicht betreten werden. Quelle: rc
Bückeburg

Immer wieder musste die Brandsicherheitswache auf dem Gelände aktiv werden und aufflammende Brandnester ablöschen. Zeitgleich waren Feuerwehr und THW im Einsatz, um im Bereich der Maulbeeke zwischen Bückeburg und Scheie Sperren zu errichten und kontaminiertes Löschwasser aufzufangen. Dazu mussten Feuerwehren, die bereits eingerückt waren, noch einmal ausrücken.

Drei Sperren wurden gebaut. Zum Teil wurde das Wasser in Absprache mit dem Ordnungsamt und einem Fachberater mit Güllewagen in ein Auffangbecken gepumpt, da die Sperren überzulaufen drohten. Ein Weiterlaufen des Wassers in den Schlossbach und damit in das Naturschutzgebiet Bückeburger Niederung konnte verhindert werden. Die Pressesprecherin des Landkreises, Anja Gewald, gab am Donnerstagnachmittag Entwarnung: „Die Sperren haben gehalten.“ Derzeit sind weiterhin Mitarbeiter der Unteren Wasserbehörde und der Unteren Naturschutzbehörde vor Ort, um das weitere Vorgehen für den auf rund eineinhalb Kilometer verunreinigten Bach zu planen und Maßnahmen zu erörtern.

Auch die Kläranlage, in die ein Teil des Löschwassers gelaufen war, läuft nach Angaben des Leiters des Abwasserbetriebs, Reiner Klenke, reibungslos. Ein Teil des kontaminierten Wassers wurde in ein Havariebecken, beziehungsweise in ein Auffangbecken gepumpt. Es müsse entschieden werden, ob das Wasser entsorgt oder nach und nach in die Kläranlage geleitet werden könne.

Kontaminiertes Löschwasser löst ein Fischsterben in der Maulbeeke, einem kleinen Bach, aus.

Bei den ausgetretenen Stoffen handelt es sich nach Recherchen dieser Zeitung um eine Dispersion beziehungsweise ein Paraffin aus ethoxyliertem Fettalkohol, Polymeren und Monomeren. Beide gelten nach Datenblättern des Herstellers als nicht einstufungspflichtig beziehungsweise werden als „Keine besonderen Gefahren bekannt“ eingestuft. Die Dispersion wird für die Produktion von spritzbaren, elastischen Dichtstoffen und die Herstellung von imprägnierten, expandierbaren Schäumen genutzt und besteht aus einem Polymer basierend auf Acrylester und Acrylnitril, eine Irritation durch Hautkontakt ist möglich. „Das Fischsterben wurde durch die hohe Konzentration der Stoffe im Löschwasser ausgelöst“, so die Feuerwehr.

Entgegen ersten Angaben ist bei den Löscharbeiten doch ein Mensch verletzt worden. Ein Feuerwehrmann erlitt eine leichte Handverletzung und konnte nach ambulanter Behandlung das Klinikum Vehlen noch am gleichen Abend verlassen.

Die Brandursache ist weiterhin nicht endgültig geklärt. Brandspezialisten der Polizei waren vor Ort. Es verdichten sich die Hinweise, dass der Brand auf einen technischen Defekt in einer Trocknungsanlage zurückzuführen ist.

Zwei Feuerwehrleute kommen mit Chemikalien in Kontakt. Um welchen Stoff es sich handelt, ist zu dem Zeitpunkt noch unklar.

Die Feuerwehr hatte – wie berichtet – am Mittwochnachmittag Stadtalarm ausgelöst. Wegen der in der Halle befindlichen Chemikalien wurde umgehend auch die Umweltschutzeinheit des Landkreises alarmiert. Letztlich waren nach Angaben des Pressesprechers Moritz Gumin 180 Einsatzkräfte vor Ort. Da in dem Industriegebäude Chemikalien verarbeitet werden, wurden durch die Umweltschutzeinheit durchgehend Messungen, im Nahbereich sowie im Radius von fünf Kilometern, durchgeführt. Es wurden dort keine erhöhten Schadstoffe gemessen.

Der Gefahrgutzug baute für die Einsatzkräfte eine Dekontaminationsstelle auf, um die Einsatzkräfte, die im vorderen Bereich mit der Chemikalie in Berührung kamen, im Anschluss zu reinigen. Zwei Feuerwehrmänner des ersten Angriffstrupps mussten dekontaminiert werden.

Nach gut einer Stunde hatte die Feuerwehr den Brand unter Kontrolle. Im weiteren Verlauf wurde ein Bagger eingesetzt, der Öffnungen in das Mauerwerk riss, damit die Feuerwehr von außen löschen konnte. Das Gebäude selbst konnte wegen Einsturzgefahr nicht mehr betreten werden. Die Nacht über blieb eine Brandwache vor Ort, die um 3 Uhr abgelöst wurde. Immer wieder mussten aufflackernde Brandnester gelöscht werden. Erst am Donnerstagmorgen war nach zwölf Stunden der Einsatz beendet. rc

Pinta-Mitarbeiter verhindert Schlimmeres

Wolf-Rüdiger Daniel, Geschäftsführer der Pinta Abdichtung GmbH, war in der Brandnacht auf Geschäftsreise im Ausland, erhielt erst in den späten Nachtstunden die Hiobsbotschaft – und eilte dann gleich zum Brandort. Daniel bestätigt gegenüber dieser Zeitung, dass alle Mitarbeiter mit dem Schrecken davongekommen und unverletzt geblieben sind.

Zum Zeitpunkt des Brandes hätten sich drei von ihnen im Gebäude Kreuzbreite 4 aufgehalten. „Einer von ihnen“, lobt der Geschäftsführer, „war noch so geistesgegenwärtig, die Brandschutztür zum Anbau zu schließen – sonst wäre der Schaden vermutlich noch weitaus größer.“

Auch für die Einsatzkräfte der Feuerwehr ist Daniel voll des Lobes: „Sie waren fix vor Ort und haben das Feuer schnell unter Kontrolle bekommen.“ Wie groß der Schaden tatsächlich ist, das kann Daniel zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht abschätzen. Es sei noch nicht klar, ob aus dem besagten Anbau noch Fahrzeuge, Anlagenteile und Rohstoffe weiter verwendet werden können.

„Jetzt“, so Daniel, „müssen wir erst einmal sehen, dass wir schnellstmöglich Ersatz für die vernichteten und beschädigten Fahrzeuge und Anlagen bekommen.“

Glück im Unglück hatte Pinta Abdichtungstechnik dank des Umstandes, dass der Betrieb soeben den Neubau an der Kreuzbreite II fertiggestellt und große Teile des Anlagen-Arsenals bereits verlagert hat (wir berichteten). „Gleichwohl“, schränkt der Geschäftsführer ein, „herrscht am Bau derzeit Hochkonjunktur – und wir hängen ja unmittelbar an der Baubranche.“ Soll heißen: Die Fertigungskapazitäten sind durch den Großbrand weniger geworden, die Aufträge für die Abdichtungsspezialisten indes nicht. tw

Schaulustige überall

In den sozialen Netzwerken herrscht Aufregung über Gaffer, die beim Pinta-Brand Einsatzkräfte behindert und zum Teil dafür gesorgt haben sollen, dass der Verkehr rund um den Brandort in der Kreuzbreite völlig zum Erliegen gekommen sei und anrückende Feuerwehren ihre liebe Mühe und Not gehabt hätten, an die Einsatzstelle zu kommen.

Der Pressesprecher der Feuerwehr, Moritz Gumin, sagte, dass es bei den Wehren „im vorderen Bereich ging“, im hinteren Bereich sei es dagegen zu Problemen gekommen. Der Sprecher der Polizei Bückeburg, Matthias Auer, sagte auf Anfrage, dass Maßnahmen der Polizei nicht behindert worden seien. Fast schon resignierend verwiesen beide darauf, dass es heute leider „völlig normal sei, dass man mit Gaffern zu tun habe. Auer: „Leider ist das Filmen und Fotografieren Usus.“

Dass sich nicht immer an die Anweisungen der Polizei gehalten wurde, erlebte unser Reporter vor Ort. Mehrere Gaffer, die von der Polizei angesprochen wurden, gingen einfach einmal um das Auto herum. Und filmten vier Meter weiter aufs Neue.

Ein Großteil der Verkehrsbehinderungen entstand dadurch, dass Vorbeifahrende einen Blick auf den Brand erhaschen wollten und ihr Tempo im Kreisel verlangsamten – oder ganz anhielten. Andere hatten sich gezielt in ihre Autos geschwungen, um live vor Ort zu sein. Ein Katastrophentourismus, der sich Donnerstag fortsetzte: deutlich mehr Verkehr in der Kreuzbreite mit Abbremsen vor Pinta. rc