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„Energiewende verursacht ein riesiges Chaos“

Bückeburg / "Mittagsgespräche" „Energiewende verursacht ein riesiges Chaos“

Über globale Energietrends und die Auswirkungen auf die deutsche Energiewende hat der Energie- und Außenpolitikexperte Frank Umbach bei der jüngsten Ausgabe des „Bückeburger Mittagsgespräches“ im Joël-Le-Theule-Saal referiert.

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Anhand einer Weltkarte erläuterte der Energie- und Außenpolitikexperte Dr. Frank Umbach, in welchen Regionen die Erdöl-Seetransportwege besonders anfällig sind, etwa in der „Straße von Hormus“ durch eine mögliche Blockade seitens des Iran.

Quelle: wk

Bückeburg (wk). Eingeladen hatte das Bildungswerk Hannover der Konrad-Adenauer-Stiftung, es moderierte der ehemalige Landtagsabgeordnete Friedrich Pörtner (CDU). Gekommen waren rund 130 interessierte Zuhörer.

 Die nach dem Atomunglück im japanischen Fukushima von der deutschen Bundesregierung angeschobene Energiewende sei nicht nur eine Frage der Kosten, sondern habe, was hierzulande kaum diskutiert werde, auch Auswirkungen auf die europäischen Nachbarstaaten, erklärte Umbach. Denn die Gefahr von Stromausfällen sei nicht nur dann gegeben, wenn zu wenig Strom vorhanden ist, sondern auch wenn es zu viel davon gibt. Bedenken müsse man zudem, dass Deutschland als Export-Vizeweltmeister mehr als alle anderen Länder Europas abhängig von der Stabilität der auswärtigen Märkte ist. Überhaupt solle man sich auch ein bisschen von dem bisher gepflegten auf Deutschland zentrierten Weltbild verabschieden, wonach alles, was Deutschland macht, toll ist und dies auch die restliche Welt so sehen muss, sagte Umbach.

 Um hinsichtlich der Energiesicherheit nicht von anderen Ländern abhängig und damit auch nicht politisch erpressbar zu sein, empfahl Umbach, auf eine Diversifizierung der Energieversorgung, also einen breiteren Energiemix, zu setzen. „Je mehr Energieträger ich aus diesem Energiemix herausnehme, desto verwundbarer bin ich.“ Exemplarisch verwies er in diesem Zusammenhang auf die große Ölkrise Mitte der siebziger Jahre. Sich heute abzeichnende Abhängigkeiten sah er beispielsweise bei den Gaslieferungen aus Russland.

 Von den achtziger Jahren an und bis zum Jahr 2006 habe der Faktor Versorgungssicherheit dagegen keine Rolle gespielt. Was sicherlich auch daran gelegen habe, dass es in diesem Zeitraum keine Krise gegeben habe, führte der Referent weiter aus. Zudem seien große Teile der Politik und der Wirtschaft der Meinung gewesen, dass die Energiepreise bei Erdöl und -gas ausschließlich durch Angebot und Nachfrage geregelt werden und deshalb auf einem verträglichen Niveau bleiben würden.

 Angesichts des in der jüngeren Vergangenheit erlebten „Gaskonflikts“ zwischen Russland und der Ukraine, in dessen Verlauf die Ukraine eine nach Deutschland führende Gaspipeline zeitweise abgesperrt hatte, und insbesondere wegen des großen Energiehungers Chinas habe das Thema Energiesicherheit mittlerweile indes erheblich an Bedeutung gewonnen.

 Energiesicherheit könne nur durch ein Gleichgewicht der drei Faktoren „Versorgungssicherheit“, „wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit“ und „nachhaltige Umwelt- und Klimapolitik“ gewährleistet werden, erklärte Umbach. So „richtig und wichtig“ dabei aber der Punkt Umwelt- und Klimapolitik sei, überlagere dieser heute jedoch die anderen beiden Aspekte. Und Politikern, gleich welcher Couleur, falle es sehr schwer, mehr als einen dieser drei Faktoren in den von ihnen geführten Diskussionen zu berücksichtigen.

 „Große Sorgen“ bereitet dem Experten die Frage der öffentlichen Akzeptanz, weil diese Frage mehr als andere die Energiepolitik blockieren würde: angefangen beim Ausbau der Stromnetze über die Förderung von Schiefergas mittels Fracking bis hin zur CO2-Speicherung in tiefen Bodenschichten. „Und wir haben im Moment eine Situation, dass wir nicht nur eine Energiewende haben, sondern wir haben 17: nämlich 16 der Bundesländer und eine der Bundesregierung. Und die sind alle bisher kaum koordiniert worden.“

 Dadurch herrsche ein riesiges Chaos, so Umbach, was vor allem in Brüssel mit großer Sorge gesehen werde. Letztlich werde man also Kompromisse schließen müssen, weil bei alledem das „Gemeininteresse“ im Vordergrund stehen müsse und nicht Einzelinteressen der Bundesländer. Kurzfristiges Denken sei etwas, wodurch Deutschland global einen großen Wettbewerbsnachteil gegenüber anderen Ländern habe.

 Weitere Inhalte seines Vortrags waren unter anderem der Schutz vor Angriffen auf Öl- und Gaspipelines sowie vor Cyberangriffen, durch die Staaten erpressbar werden, sowie die wirtschaftlichen Vorteile und die diesen gegenüber stehenden „typisch deutschen“ Diskussionen um die Gefahren des Schiefergas-Frackings. Die wachsende Notwendigkeit, Öl aus politisch instabilen Ländern zu importieren, und die Verwundbarkeit in Sachen Erdölversorgung durch politisch ambitionierte Blockaden von Schlüsselstellen der Seetransportwege, wie dies beispielsweise vor Kurzem der Iran angedroht habe, sprach er ebenfalls an. Zur Person:

 Frank Umbach, geboren 1963 in Kassel, hat Politikwissenschaften, osteuropäische Geschichte sowie Staats-, Europa- und Völkerrecht an den Universitäten in Marburg und Bonn studiert. Er ist heute „Senior Associate“ (quasi Seniorberater) und Leiter des Programms „Internationale Energiesicherheit“ der Centre for European Security Strategies GmbH in München sowie stellvertretender Direktor des European Centre for Energy and Resource Security in der Abteilung für Militärwissenschaften des Kings’s College in London.

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