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31 Jahre Direktor des Adolfinums

Erinnerungen an langjährigen Schulleiter 31 Jahre Direktor des Adolfinums

Wenn Andreas Gryphius gelesen wurde, hatten die Pennäler sicher ihre Witze gemacht: „Wir sind ja mehr denn ganz verheeret.“

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Dirk Heeren

Von 1912 bis 1943 hieß der Schulleiter des Bückeburger Gymnasiums Adolfinum Arnold Heeren. Vor gut 200 Schülern des Gymnasiums referierte Dirk Heeren über das Leben und Wirken seines Großvaters (1876-1969). Der promovierte Altsprachler, Historiker und Geograf dürfte mit weit mehr als 10000 Tagen Amtszeit der ungekrönte Rekordhalter sein. Der amtierende Schulleiter Michael Pavel zeigte sich am Ende nicht nur von der Zahl der Jahre „tief beeindruckt“. Ein großer Applaus war der verdiente Dank des Auditoriums an einen Redner, der keine Scheu hatte, hier und da sehr persönlich zu werden – ein dankbarer Enkel, kein Legendenerzähler.

 Als Soldat hat Arnold Heeren aktiv am Ersten Weltkrieg teilgenommen. Der Dienst an der Ulmenallee ruhte, es warteten weit größere Aufgaben, geht man von Geist und Ungeist der Zeit aus. „Für den Royalisten gab es bestimmte Loyalitäten“, erläutert der Referent. Dass ab 1923 im Gebäude an der Ulmenallee mit einer großen Gedenktafel an die gefallenen Adolfiner erinnert wurde, dürfte auch auf eine Initiative Heerens zurückgegangen sein. Die beiden Geschichtspädagogen Sebastian Mietzner und Janina Kiesche leiten am Adolfinum eine Arbeitsgemeinschaft, die sich mit dieser Ehrentafel beschäftigt. Man sucht noch den rechten Platz und den richtigen Rahmen. Fragen einer adäquaten „Erinnerungskultur“ waren eben erst wieder Thema in der schriftlichen Reifeprüfung im Fach Geschichte.

 Kaiserreich und ein kleiner Rest Kleinstaaterei, Weimarer Republik, Nationalsozialismus, Besatzungszeit und 20 Jahre Bonner Republik – Heerens Leben umfasste ganz unterschiedliche Phasen der deutschen Geschichte mit all ihren Tiefen und Höhen. Selbst nie NSDAP-Mitglied gewesen, sah sich der konservativ-liberale Staatsdiener mit Anliegen konfrontiert, durch die seine Schule stärker auf Hitler-Jugend-Aktivitäten eingenordet werden sollte. Nicht alles habe verhindert werden können, aber Heeren habe gebremst oder den Schaden begrenzt.

 Warum der gereifte Kriegsveteran auch am Zweiten Weltkrieg freiwillig teilnahm, ist auch für den Enkel immer noch ein Rätsel. Und der kennt sich aus in Militärfragen und in Gefühlslagen von Soldaten, war er doch selbst Jahrzehnte in höheren Funktionen bei der Bundeswehr und in der Nato tätig, eine Zeit lang als Dozent in der Ausbildung von Führungskräften. Bescheiden bemerkt er vor den Schülern: „Ich habe als Soldat allerdings nur Friedenszeiten erlebt.“

 Privat von besonderer Großzügigkeit und als Pensionär noch lange Zeit als Nachhilfelehrer zum Nulltarif im Einsatz, soll Heeren als Schulleiter ein wenig nachgiebig oder sogar konfliktscheu gewesen sein. Das Leben hatte den Mann mit schweren Belastungen und schmerzhaften Verlusten konfrontiert. Ein Sohn war schon als kleines Kind gestorben, seine erste Frau an den Folgen der Geburt, der Vater des Referenten ist im Zweiten Weltkrieg gefallen, und ein Sohn hat sich erschossen. Heeren stellt sich die Schlagzeilen in Bückeburg vor, er malt sich das Gerede aus: „Der Sohn des Direx …“ Da wird es ganz still im Forum. Schulleiter und ihre Familien sind eben auch nur von dieser Welt, nicht frei von Tragik, aber – wie einzelne Anekdoten zeigten – auch nicht ohne Sinn für Humor und verheerende Komik.

 Dass es eine ganz besondere persönliche Beziehung gegeben haben muss zwischen Arnold Heeren und seinem Enkel Dirk, der 1959 am Adolfinum das Abitur ablegte, war noch an diesem Nachmittag deutlich zu spüren. Was die dringend benötigte Nachhilfe in Latein anbelangt, meint Dirk Heeren heute, nicht ohne ein Augenzwinkern gegenüber den Schülern, da wäre weniger Hilfe förderlicher gewesen: „In der Klassenarbeit saß er ja schließlich auch nicht neben mir.“ Gegen alle guten Sitten hatte der Direktor a.D. das Pensum des Zöglings erledigt – und das am ehedem eher konservativen Adolfinum, wo er selbst zuvor die Amtsautorität des Schulleiters innehatte. Kein Wunder, dass so ein Fall von streitbarer Menschlichkeit bei den Nazis Jahre zuvor auf eine Liste von Führungskräften kam, für die der Plan hieß: „Entlassen wegen Unzuverlässigkeit!“ Ein Ehrenwort. r 

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