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Bückeburg Stadt Erziehung kommt vor Strafe
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00:16 04.11.2013
 Dirk von Behren (links) und Björn Riemer vor den Gymnasiasten. Quelle: r
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Bückeburg

Der studierte Jurist kam nicht als Paragrafenreiter daher, nicht im Kumpelton mit Kumpanenblick, sondern wie ein humanistischer Pädagoge. Als Jugendrichter war er zu Gast in der Klasse 8.2 des Gymnasiums Adolfinum. Die Schüler von Politiklehrer Björn Riemer nehmen an einem Wettbewerb der Bundeszentrale für politische Bildung teil und nutzten die Chance des gemeinsamen Experteninterviews als Teil der Vorbereitung für ihren Wettbewerbsbeitrag.

 Mit der Parole „Ab in den Knast!“ ist das Thema reißerisch überschrieben. Da wirkt die Leitfrage schon nachdenklicher: „Wie muss Strafe sein?“ Man muss das zu lesen wissen: Wie ist sie zu gestalten, wie mag sie erlebt werden?

 Ehe die Schüler jenseits aller Parolen zur eigentlichen Problematik kamen, befragten sie den aus Minden stammenden Juristen nach seiner Ausbildung und seinem beruflichen Werdegang.

 An der Strafmündigkeitsgrenze von 14 Jahren will von Behren nicht rütteln. Dreizehnjährige sind für ihn eindeutig Kinder und als Kinder zu behandeln, auch wenn es gelegentlich spektakuläre Fälle von jüngeren Straftätern gibt. Für den Jugendrichter geht es ohnehin prinzipiell um den Einzelfall, um den persönlichen Hintergrund, die sozialen Bedingungen und die konkrete Situation. Oft seien im Täterumfeld pädagogische und emotionale Defizite zu beklagen – und fragwürdige Ideale, die Gewaltbereitschaft fördern könnten. Sprachprobleme werden erwähnt, Kulturbarrieren angedeutet. Welche Auswirkungen die Neuen Medien haben, neue Kanäle wie „YouTube“ und ungefilterte Grenzverletzungen, mochte von Behren nicht beurteilen mangels empirischer Forschung. Seine Bedenken angesichts exzessiver Nutzungsformen wurden jedoch deutlich. Nachdenklichkeit schien sich auch im Raum zu verbreiten.

 Während sich die Parallelklasse 8.1 im Rahmen des Wettbewerbs mit der „Rechten Szene“ und ihren Herausforderungen beschäftigt, sollen sich die bestens vorbereitet wirkenden Schüler der 8.2 ein Urteil bilden, wie wirksame Strafe gestaltet sein könnte – auch mit Blick auf die Rückfallprävention. Von der Auflage, sich schriftlich bei einem Opfer zu entschuldigen, hält von Behren nicht viel: „Wer das wirklich will, macht es auch ohne Auflage.“ Einsicht, Einfühlsamkeit und Gewissensbildung sind für ihn Zielwerte. Die aufrichtige Beschäftigung mit dem eigenen Tun und Lassen, mit Ansteckung und Anstiftung und mit den Folgen für das Opfer sollte zeitlich möglichst tatnah erfolgen, ganz im Sinne des „Neuköllner Modells“. Geschieht dies, steht die Frage einer gebotenen Freiheitsbeschränkung des straffälligen Jugendlichen schon unter anderen Vorzeichen. In seiner eigenen Urteilspraxis stünden gemeinnützige Arbeiten oft im Zentrum der Strafe: „Zwischen 20 und 200 Stunden.“ Das Kunststück scheint darin zu bestehen, in der strengen Hand der Justiz, die Richtung Jugendarrest oder Jugendstrafanstalt weist, auch ein Angebot der Pädagogik bereitzuhalten, das nicht wie die Fortsetzung der Strafe mit anderen Mitteln wirkt. r

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