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„Es ist nicht rosig“

Dolmetscher im Flüchtlingsheim „Es ist nicht rosig“

Am 7. September frühmorgens kam der Anruf der Arbeiterwohlfahrt (Awo) bei der Familie Bahrinipour in Bückeburg an: „Könnt ihr dolmetschen? Könnt ihr helfen?“ Konnten sie. Und sie sind seitdem als freiwillige Helfer im Dauereinsatz in der Flüchtlingsunterkunft in der Jägerkaserne.

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Hala und Nahriman Bahrinipour arbeiten von Anfang an als freiwillige Helfer in der Flüchtlingsunterkunft in der Jägerkaserne.

Quelle: rc

Bückeburg (rc). Hala Bahrinipour als Dolmetscherin, sie spricht fließend Arabisch und Englisch – und natürlich deutsch. Nahriman Bahrinipour als Arzt, der hauptberuflich in der Notaufnahme des Klinikums Minden arbeitet. Sie ist Neuseeländerin mit der zweiten Staatsbürgerschaft Vereinigtes Königreich, ihre Mutter Irakerin, der Vater Brite. Seit elf Jahren lebt sie in Deutschland. Er ist Deutscher mit deutscher Mutter und iranischem Vater.

 Hala ist inzwischen nicht mehr nur Übersetzerin, sondern auch zur Vertrauensperson und Mediatorin für die rund 200 Flüchtlinge geworden, die noch in der Unterkunft leben und die kommende Woche in die Prince Rupert School nach Rinteln umziehen werden, sobald dort das Gebäude hergerichtet und eingerichtet worden ist. So dringend wird ihre Arbeit benötigt, dass sie in den kommenden Tagen vom DRK hauptberuflich als Dolmetscherin eingestellt wird.

 Auch Nahriman kann sich nicht mehr in der Unterkunft bewegen, ohne das gleich Menschen auf ihn zukommen und ihm ihre Wehwehchen klagen: Mal schmerzt ein Zahn, mal der Bauch, mal haben sich Pusteln auf dem Bauch gebildet, wie die beiden berichten: „Dann muss ich gleich untersuchen.“

 „Es ist nicht rosig in der Jägerkaserne“, schildert Hala Bahrinipour, was sie täglich erlebt. Hier sitzen überwiegend junge Männer auf engstem Raum aufeinander. Es sei viel Testosteron in der Luft. Dass es zu Streitigkeiten kommt, sei völlig normal. In der Regel gehe es um Kleinigkeiten wie das Einhalten der Bettzeiten oder dass einer zu laut gewesen ist. Was in einer großen Mehrzweckhalle, wo es zwar ein wenig Sichtschutz, aber keine Wände gibt, viele hören und wach werden: „Sitzen Sie doch mal 14 Tage auf engstem Raum mit jemandem zusammen, ohne dass sie groß rauskommen oder Ablenkung haben.“

 Dabei bräuchten die Menschen Beschäftigung: „Die Flüchtlinge langweilen sich und kommen auf komische Gedanken, wenn sie über das Erlebte in ihrer Heimat oder auf der Flucht nachdenken“, sagt sie. „Wenn sie etwas putzen, pflegen oder Kleinigkeiten erledigen können, sind sie abgelenkt und glücklich.“ Streitigkeiten aus religiösen Gründen habe sie bisher nicht erlebt.

 Für die orientalische Kultur sei es ein Tabu, dass Frauen und Männer aus mehreren Familien in den gleichen Räumen schlafen, nennt sie ein Beispiel. In der Jägerkaserne konnte man immerhin so reagieren, dass in von der Bundeswehr angemieteten Wohnungen in der ehemaligen Britischen Siedlung die Familien, Frauen und Kinder untergebracht wurden. Nur noch sehr wenige Frauen leben in der Unterkunft.

 Die größte Sorge, die die Flüchtlinge umtreibt, ist nach Hala Bahrinipours Erfahrungen die fortdauernde Unsicherheit. Denn über einen Monat nach ihrer Ankunft in Bückeburg sind die Menschen immer noch nicht registriert: „Davor haben sie große Angst. Denn keiner weiß, wohin es geht, keiner weiß, wie es weitergeht.“ Es müsse viel erklärt werden, warum bis heute immer nichts geschehen ist, warum immer noch keine Asylanträge gestellt werden können.

 „Eine sehr intensive, aber schöne Arbeit“, fasst Hala Bahrinipour ihr freiwilliges Engagement zusammen. Obwohl sie die ersten Wochen kaum geschlafen habe, die Traumata, von denen ihr die Flüchtlinge erzählt haben, selbst verarbeiten musste. „Jede Flüchtlings-Geschichte wäre ein Hollywood-Blockbuster“, wirft ihr Mann Narimahn ein.

 Er sorgt täglich vor und nach seinen Wechselschichten in der Jägerkaserne für die medizinische Betreuung – in einem Team Schaumburger Ärzte, die freiwillig die medizinische Betreuung der Flüchtlinge übernommen haben. Sie haben inzwischen eine funktionierende Ambulanz aufgebaut mit allem, was erforderlich ist: „Da war nichts, wir hatten zwar einen Raum und Materialien, aber keine Strukturen.“ Die sind inzwischen eingezogen. Akut erkrankte Erwachsene gehen ins Krankenhaus Stadthagen, Kinder ins Klinikum Minden. Die Flüchtlings-Patienten würden sich in keiner Weise von denen in seinem Hauptjob unterscheiden: geduldig, ungeduldig, fordernd, zurückhaltend, besserwisserisch – alles dabei. „Du brauchst Ruhe und Tee“, so sein Heilhinweis.

 Den Umzug nach Rinteln werden beide mitmachen, Hala Bahrinipour allein schon wegen der neuen Anstellung: „Da wird es hoffentlich besser, weil die Menschen in Räumen leben und sich zurückziehen können und Privatatmosphäre haben. Zudem ist das Gelände weitläufiger, sodass sich die Menschen bewegen und auch aus dem Weg gehen können.“

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