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Familie in brisanter Lage

Bückeburg Familie in brisanter Lage

Der immer weiter vorrückende IS, der langsame Zerfall des Irak, die Explosionen in Kobane: Es sind Bilder wie diese, die Mustafa Beyaz, einem Zahnarzt aus Bückeburg, Angst machen.

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Mustafa Beyaz

Quelle: pr.

Bückeburg. Seine Familie wohnt direkt an der syrischen Grenze, jede Nacht hören sie Schüsse und Einschläge. Der engagierte Arzt macht sich große Sorgen: „Ich denke, dass sie auch in der Türkei nicht sicher sind“, sagt er. Und: „Der IS wird sicher nicht an der Grenze haltmachen.“

 Die Familie von Mustafa Beyaz ist groß, sehr groß sogar. Auf mehrere 100 schätzt er die Zahl seiner Verwandten, allein auf der mütterlichen Seite gebe es rund 50 Cousins und Cousinen, hat Beyaz ausgerechnet, „schon allein deshalb ist die Lage unserer Familie sehr brisant“.“ Denn passieren kann immer etwas, ja es ist sogar schon etwas passiert. „Auf der türkischen Seite gab es etliche Einschläge von Irrläufern“, hat Beyaz erfahren.

 Immerhin: Seine in Antakya und Samandag lebende Familie sei davon – bisher – nicht betroffen gewesen. Grund zur Sorge gibt es dennoch. Immerhin habe der IS damit gedroht, auch die Türkei anzugreifen, sagt Beyaz. „Und dann wäre meine Familie natürlich sehr bedroht. Sie werden vom IS als Aleviten als Ungläubige betrachtet.“ Schon jetzt ist die Lage seiner Tanten, Onkeln, Cousins und Cousinen alles andere als gut. Die Angehörigen der alevitischen Glaubensgemeinschaft wohnen direkt an der syrischen Grenze und erleben so den Konflikt hautnah mit. Sie sehen die Explosionen, hören das Schießen und werden Zeugen, wie IS-Kämpfer die Grenze nach Syrien überqueren.

 „Die kommen am Flughafen an, spazieren einfach über die Grenze, und keiner hält sie auf“, sagt Beyaz kopfschüttelnd. Er könne nicht verstehen, warum die Türkei die Grenze für den IS immer noch nicht richtig dichtgemacht habe. Ohnehin ist Beyaz davon überzeugt, dass der Krieg schnell vorbei wäre, wenn die Türkei das wollte. „Die haben die drittgrößte Armee in der NATO und Soldaten, die wissen, wie man kämpft.“

 Möglicherweise sei ein Ende des Krieges aber gar nicht gewollt: „Man will vielleicht erst die Kurden in Syrien loswerden.“ Dabei hätten die Kurden so große Hoffnungen auf den Friedensprozess gesetzt. „Jetzt müssen sie erkennen, dass mit ihnen nur Schach gespielt wird, das sie missbraucht werden.“

 Ein ähnliches Schicksal wie die Kurden erdulden die Aleviten, deren Mitglieder bis in die jüngste Zeit hinein diskriminiert werden. Immer noch gibt es junge Menschen, die keinen Studienplatz erhalten, und Kinder, die an öffentlichen Schulen am sunnitischen Religionsunterricht teilnehmen müssen. Die Tatsache, dass die Aleviten nicht als zu schützende religiöse Minderheit anerkannt sind, gilt als einer der Hauptkritikpunkte bei den Verhandlungen zum EU-Beitritt der Türkei.

 Doch zurück zum Bürgerkrieg in Syrien, zurück zu den vielen Flüchtlingen. Wie kann man hier Hilfe leisten, wo doch gekämpft wird? Das sei nicht ganz einfach, gibt Beyaz zu. Der engagierte Zahnarzt sucht derzeit selbst nach Möglichkeiten, die Spendensumme eines Benefizkonzerts des Lion Clubs Schaumburg zu überbringen. „Unser Problem ist, wie wir die Hilfe zu den Bedürftigen bringen.“ Das sei aktuell wegen der Kämpfe ziemlich schwierig.

 Drei Ansätze sind es, die derzeit diskutiert werden, um das Geld (rund 5000 Euro und weiteres Geld, dass Beyaz im Bekanntenkreis eingeworben hat) an die Bedürftigen zu bringen. Zum einen gibt es den Versuch, mit dem „Hammer Forum“ Hilfsgüter über die Grenze nach Syrien zu bekommen. Ein zweiter Ansatz sei, Hilfe über eine Vereinigung in Deutschland lebender syrischer Ärzte Hilfe zu organisieren. „Hier ist geplant, in der völlig zerstörten Stadt Homs eine Krankenstation beziehungsweise ein Krankenhaus aufzubauen.“ Ein dritter Ansatz könnte sein, den nach ihrer Flucht in der Türkei gestrandeten jesidischen Kindern zu helfen. „Für diese Kinder scheint es bisher keine ehrliche Hilfe zu geben,“ sagt Beyaz.

 Eine Freundin, die gerade erst in der Region gewesen sei, um zu helfen, habe ihm berichtet, dass die Kinder in einem unbeschreiblich schrecklichen Zustand seien. „Ohne Eltern, teils nur die Kleidung am Leib und im Dreck lebend.“. Es könnte also durchaus sein, dass ein Teil dieser Kinder den Winter nicht überstehen werde. Für Beyaz steht deshalb fest: „Hier muss dringend Hilfe geleistet werden. Ich appelliere an jeden, der Hilfe leisten kann, Hilfe zu leisten.“ Völlig unverständlich sei es in diesem Zusammenhang, dass die türkische Regierung den Zugang zu den Lagern etwa für Hilfsorganisationen erschwere.

 Beyaz ist gebürtiger Deutscher, seit 13 Jahren lebt er in Bückeburg. Dort fühlt sich der Zahnarzt sehr wohl, religiöse Feindschaft, sagt er, sei ihm in der Ex-Residenz bisher nicht begegnet. Dass die Radikalisierung auch in Deutschland Fahrt aufgenommen habe, führt Beyaz auf junge Männer zurück, die nicht in der Gesellschaft angekommen seien. Ähnlich wie im Rechtsextremismus seien einfache Handlungsmuster für diese Leute sehr attraktiv.

 Das Alevitentum, in dessen Tradition Beyaz steht, sei da ganz anders. „Das ist eine Religion der Toleranz, eine Missionstätigkeit gibt es nicht.“ In der Heimatstadt seiner Familie habe es immer ein einträchtiges Nebeneinander von christlicher Kirche, Moschee und Synagoge gegeben. Und auch seine eigene Tochter erzieht Beyaz im Geiste der Toleranz und des Miteinanders. Es seien diese Toleranz, sagt Beyaz, „und das friedliche Nebeneinander, die den IS besonders stören“.mig

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