Volltextsuche über das Angebot:

4 ° / -2 ° Nebel

Navigation:
Fast kommt es zum Volksaufstand

Bückeburg Fast kommt es zum Volksaufstand

Viel hätte nicht gefehlt, dann hätte es vor 60 Jahren in Bückeburg eine Art Volksaufstand gegeben. Träger des Protests war die „Interessengemeinschaft der Kleingärtner“ – eine knapp 300-köpfige Gruppe örtlicher Schrebergartenkolonisten.

Voriger Artikel
Geld kassiert – Auto nie geliefert
Nächster Artikel
Chronist des deutschen Sports

„Dienstältester“ Schrebergärtner in der Harrl-Kolonie ist mit 47 Kleinsiedlerjahren Rolf Rösener (88, links), hier vor seiner Laube zusammen mit Vereinschef Jürgen Zechiel, dessen Vorgänger Ernst-August Bierwirth sowie dem derzeit amtierenden Vizechef Peter Horsley (rechts). Rösener baut bis auf den heutigen Tag vor allem Obst, Gemüse und Kartoffeln an.

Quelle: gp

Bückeburg. Ihr landwirtschaftliches Betätigungsfeld war das fürstliche Gelände südlich der Schlossinsel zwischen Hofteichen und heutigem Adolfinum-Gebäude. Bis Anfang der 1940er Jahre hatte es dort einen herrschaftlichen Golfplatz gegeben. Später verwilderte das Gelände. Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm – mit stillschweigender Duldung der englischen Besatzer, der Stadt und der Hofkammer – eine immer größer werdende Schar Not leidender Einwohner die Brache in Beschlag. Das Gros der Landbesetzer waren Ausgebombte und Ostvertriebene.

 Schon bald reihten sich mehr als 200 Klein- und Kleinstgärten aneinander. Das Ex-Golfhaus verschwand hinter selbst zusammen gezimmerten Holzhütten und Blechlauben. 1947 schlossen Stadt und Hofkammer einen förmlichen Pachtvertrag.

 Im März 1954 flatterte den Kolonisten ein Brief aus dem Rathaus auf den Tisch. Die Hofkammer wolle die ungezügelte Schrebergärtnerei nicht länger dulden, war darin zu lesen. Nach Ende der Erntezeit, zum 1. Oktober 1954, sei Schluss. Die Kündigung löste Wut und Entsetzen aus. „Man will uns zum zweiten Mal unsere Heimat wegnehmen“, war auf einer eiligst im „Schaumburger Hof“ einberufenen Zusammenkunft zu hören. Nicht wenige sahen ihre Existenz bedroht.

 „Für uns war der Garten damals die wichtigste (Über-) Lebensgrundlage“, erinnert sich Erich Kleiber. Den heute 75-Jährigen hatte es zusammen mit seiner alleinstehenden Mutter aus Schlesien nach Bückeburg verschlagen. Schon als Schuljunge musste er in der Schlossgartenparzelle mit ran. „Jeder Quadratzentimeter wurde für Bohnen, Kohlrabi, Kartoffeln und Wurzeln genutzt“. Das ganze Jahr über habe man die Hofwiesengärtner mit ihren Handwagen durch die Stadt ziehen sehen.

 Der Zorn der Kleingärtner legte sich erst, als die Hofkammer Ersatzland am Harrl-Nordhang anbot. Nach heftigem Hin und Her stimmte die Mehrheit zu. Der Umzug ins Bergdorfer Feld liege auch im Interesse der Stadt, machte Stadtdirektor Engelmann den Schrebergartenkolonisten klar. Nur so könne der Schlosskomplex rundum erneuert und Bückeburg wieder für Touristen interessant werden. Hintergrund: Nach fast zehnjähriger Beschlagnahme hatten sich die Engländer bereit erklärt, die fürstlichen Besitztümer freizugeben. Dazu gehörte auch das Bückeburger Schlossareal. Räumlichkeiten und Park waren in einem katastrophalen Zustand. Der damalige Chef des Hauses, Fürst Wolrad, strebte eine Generalüberholung an.

 Im September 1954 wurden die neuen Harrl-Parzellen verteilt. „Der Andrang war so groß, dass ausgelost werden musste“, erinnert sich Erich Kleiber. Glückstreffer wurden unter den mehr als 200 Anwesenden im Schaumburger Hof mit Jubel, Nieten mit Tränen quittiert. Kleiber griff als 15-Jähriger für seine erkrankte Mutter in die Lostrommel. Er zog die Nr. 52 – eine Parzelle, die er fast ein halbes Jahrhundert lang hegte und pflegte und nur schweren Herzens und aus gesundheitlichen Gründen wieder hergab. Auch von den anderen Gründervätern und -müttern des offiziell „Kleingartenanlage Bergdorfer Hof“ getauften Areals ist heute keiner mehr dabei. Als Nachfolger der Stadt nimmt seit 1958 der damals neu gegründete „Kleingärtnerverein Bergdorfer Hof“ die Belange der derzeit 103 Siedler gegenüber der Hofkammer wahr.

 „Die Nachfrage nach Gärten und Gärtnern ist nach wie vor groß“, beschreibt Vorsitzender Jürgen Zechiel die augenblickliche Situation. Allerdings seien die meisten Interessenten heutzutage vor allem auf Party- und Wochenendvergnügen aus. Das aber ist nach den geltenden gesetzlichen und satzungsmäßigen Vorgaben nicht erlaubt. Für die Bergdorfer Anlage gilt das Bundeskleingartengesetz. Danach sollen die Parzellen ausschließlich „zur nichterwerbsmäßigen gärtnerischen Nutzung, insbesondere zur Gewinnung von Gartenbauerzeugnissen für den Eigenbedarf und zur Erholung“ dienen. „Wir sind zur Einhaltung und Überwachung dieser Vorschriften verpflichtet“ macht der amtierende Vereinschef klar. Zu denen, die laut Zechiel noch „nach alter Väter Sitte säen, pflanzen und ernten“, gehören die aus den Ex-Sowjetrepubliken umgesiedelten Deutschen. Sie stellen mittlerweile fast die Hälfte der Pächtergemeinschaft. Auch sonst ist die Bergdorfer Kolonie bunt gemischt. Ihre Bedeutung als Hort der Integration lebt auch 60 Jahre nach der Entstehung fort. gp

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Möchten Sie uns zu diesem Artikel Ihre Meinung sagen? Dann schicken Sie uns einen Leserbrief.

Leserbrief schreiben

Unternehmen quer durch alle Branchen haben sich auch in diesem Jahr wieder an der Aktion der Lions Clubs beteiligt, deren Erlös auch der „Weihnachtshilfe“ der Schaumburger Nachrichten zugute kommt. Hier finden Sie ab dem 1. Dezember die täglich aktuellen Gewinnnummern. mehr

In Ruhe einkaufen, erholsam Urlaub machen, in die Stadtgeschichte eintauchen oder einfach mal in einem der vielen Restaurants und Kneipen die Seele baumeln lassen. Lernen Sie Stadthagen von einer ganz anderen Seite und auf ganz besondere Weise kennen. mehr

Schaumburg