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„Feuerterroristen“

Theater am Adolfinum „Feuerterroristen“

Etwas ungelenk wirken die Bewegungen, ein wenig steif und eckig. Das will gekonnt sein. Nele Käber und Julia Schaar lassen die Beine baumeln, sie sind wie Blätter im Wind. Sie sind Marionetten, alt und hinfällig. Es fehlt eine führende Hand, sie haben ausgedient.

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Marionetten mit Herz und Verstand: Julia Schaaf und Nele Käber.

Quelle: pr

Bückeburg. Auf dem Dachboden fristen sie ihr Dasein. Aber die Zuschauer im Forum des Gymnasiums Adolfinum ziehen sie sofort in den Bann, wie offene Kinderseelen. Ihre Beschädigungen kommen erst später zum Ausdruck.

In Thor Truppels Theaterstück „Puppenspiel“ wecken die Marionetten Erinnerungen an die Kindheit. Zwei ziemlich kaputte Typen suchen ihr Elternhaus auf. Anspielungen verweisen auf das Leben in der DDR, auf Unfreiheit, auf Privilegien, auf Vertuschung. Das System kollabierte, auch manche sozialistische Kleinfamilie – dieser gelebte Widerspruch, folgt man Marx‘ und Engels‘ Zungen. Zorn und Hass werden laut, Enttäuschungen und Verletzungen scheint es gegeben zu haben. Franziska Wilkening und Geena Feldkötter steigern sich immer mehr hinein in die Rolle der „Feuerterroristen“.

Nun soll das Elternhaus dran glauben. Dann das Gerichtsgebäude, diese Säule des Systems von Privileg und Straflosigkeit. Doch die Feuerteufel sind sich nicht einig, auch nicht in Sachen Schuld. Wozu erlittenes Unrecht berechtigt, bleibt offen. Scham und Schmerz gefährden ihre Geschwisterliebe. Auf Heilung ist kaum zu hoffen. Und der Täter ist längst tot.

Pädophiler Puppenspieler

Aus Erinnerungsstücken formt sich so allmählich eine Leidensgeschichte. Sophie Mädje gelingt es überzeugend, die traumatischen Erfahrungen zu verkörpern, ganz in Weiß herausgehoben wie ein Engel, wie eine Allegorie. Doch sie ist weit mehr als nur Sinnbild, als Kunstfigur, sie ist Traum und Trauma. Vieler Worte bedarf es dafür nicht: der Vater ein Pädophiler, der Puppenspieler, angesehen und nach außen hochanständig. Die Mutter mitten in dieser Brutstätte des Unheils. Dann ist sie fort. Der Puppenspieler hatte seiner kleinen Tochter Gewalt angetan, hat die Familie zerstört. „Papa war’s.“ Ein schneidender Satz. Er fällt nicht. Das Kosewort ist unsagbar geworden. Der kleine Bruder – ein hilfloser Zeuge. Das zehrt, das zerrt an den Nerven. Bis sie blank liegen. Da hat man schon eine Pistole zur Hand, probeweise. Dann Streichhölzer. Dazu die Kanister Benzin. Mehr Kulisse braucht diese Seelenlandschaft nicht.

Wie soll das enden? Weitere Brandstiftungen? Nichts als Gewalt? Die beiden Geschwister an unsichtbaren Fäden, wie Marionetten, gefangen im Bannkreis des Unheils, ganz auf Rache fixiert? So scheinen die klugen Puppen die Sache zu sehen. Man hört es am Ende knistern, es brennt (Technik: Marc Meisel), eine beklemmende Atmosphäre, dramaturgisch geschickt zugespitzt. Schulleiter Michael Pavel sparte auch nicht mit Komplimenten für diese Inszenierung, für die Geena Feldkötter verantwortlich zeichnete.

Mehr Resonanz verdient

Die Akteure aus einem Kurs Darstellendes Spiel des 12. Jahrgangs hätten eigentlich wesentlich mehr Resonanz verdient gehabt, schon wegen des brisanten Themas. Einmal wird gefragt, ob der Vater womöglich selbst einst als Knabe Gewalt erlitten hat. Ob Gewalt sich unbändig fortsetzt, bis zum Inferno, sattsam bekannt aus Biografien von Gewalttätern jeglicher Art. Der Autor setzt die Kraft und den Schmerz der Erinnerung gegen den Determinismus, gegen die Logik des Teufelskreises.

Die jungen Schauspielerinnen beglaubigen die Leidensgeschichte auf eine zwar erschreckende Weise, aber nicht ohne jegliche Hoffnung. Offenbarung macht frei. „Me Too“ heißt hier: „Wir sind seine Puppen!“ Von Volkmar Heuer-Strathmann

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