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Flüchtlingsansturm vor 70 Jahren

Ein Stück Brot und ein Apfel Flüchtlingsansturm vor 70 Jahren

Der ungebremste Flüchtlingszustrom hält auch die Menschen hierzulande in Atem. Dabei war die heimische Region bislang – zumindest zahlenmäßig – eher am Rande betroffen. Den größten Massenansturm fremder Menschen erlebten die Bückeburger vor 70 Jahren.

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Eine Gedenkstätte auf dem Jetenburger Friedhof in Bückeburg erinnert an die Opfer des „Todeszuges“ Nr. 514 im Dezember 1946. „Aus der irdischen Heimat vertrieben, aber nicht heimatlos“, lautet die Inschrift auf dem Gedenkkreuz.

Quelle: gp

Bückeburg.  Im Winter 1944/45 und in den vier Jahren danach kamen mehr als 6000 Fremde in die Stadt. An die 4000 blieben für immer da. Vergleiche zwischen damals und heute sind schwierig. Sicher ist nur eins: Unsere Urgroßväter und Urgroßmütter schafften es. Wie, das lesen Sie heute im zweiten und letzten Teil eines historischen Rückblicks auf die Zeit vor 70 Jahren.

 Die seit Herbst 1944 gen Westen strömenden Flüchtlinge blieben lange Zeit „unbehelligt“. Um die Erfassung ihrer Daten, Ziele und Wünsche kümmerte sich keiner. Wenn sie Glück hatten, drückten mitleidige Einwohner den vorbeiziehenden Familien und ihren weinenden Kindern ein Stück Brot oder einen Apfel in die Hand. Ansonsten war jeder auf sich allein gestellt. Das Gros der Männer war gefallen, verschollen, in Gefangenschaft oder als Krüppel zurückgekehrt. Kaum eine Familie, in der nicht der Vater oder der Sohn oder beide auf dem „Feld der Ehre“ geblieben war.

 Kein Wunder, dass die ersten privaten Kontakte und Versuche gemeinschaftlichen Zusammenlebens von den Frauen ausgingen. Gemeinde- und Rotkreuz-Schwestern organisierten Hilfsangebote. Im Gasthaus Heinemeyer, heute „Altes Forsthaus“, wurde eine „Volksküche“ eingerichtet. Straßennachbarschaften kurbelten Möbel-, Kleider- und Lebensmittelsammlungen an.

 „Bürokratischer“ ging es bei der Verteilung und Versorgung der nach Kriegsende gewaltsam in Richtung Westen abtransportierten Deutschen zu. Nach Passieren der Zonengrenze kamen die Heimatvertriebenen zwecks Entlausung, Medizincheck und zur Einnahme einer ersten warmen Mahlzeit in eines der eigens zu diesem Zweck eingerichteten Durchgangslager. Danach ging es per Bahn weiter in die vorgegebenen Unterbringungsregionen. Über die Verteilung im südlichen Niedersachsen entschied eine britische Militärkommandoeinheit in Hannover. Mehr als ein Drittel der Neuankömmlinge waren Schlesier.

 Da die Engländer von der Bevölkerungssituation und den Unterbringungsmöglichkeiten vor Ort wenig bis gar keine Ahnung hatten, kam es zu folgenschweren Fehlentscheidungen. Einige einwohnerarme Flächenregionen wurden wenig bedacht. Andere, darunter das ohnehin dicht besiedelte Schaumburger Land, wurden total überfrachtet.

 Die undankbarste Aufgabe hatten die Bürgermeister. Ihnen wurden die zutiefst leidgeprüften und oft nur mit einem Köfferchen oder Rucksack und mit einem Baby auf dem Arm aus den Waggons kletternden Menschen quasi vor die Tür gesetzt. Die Vorabinformation war mehr als dürftig. Wenn überhaupt, ging zwei oder drei Tage vorher bei der Kreisverwaltung ein Telegramm aus Hannover ein.

 Als ein besonders schlimmes Beispiel für das damalige Versagen und die leidvollen Folgen für die Heimatvertriebenen ist der so genannte „Todeszug“ in die Geschichte eingegangen. Wie bekannt, starben während des kurz vor Weihnachten 1946 in Breslau gestarteten Transports mehr als 30 Menschen, darunter etliche Kinder.

 Damals wie heute konnte der Massenansturm nur durch Einrichtung von Notunterkünften bewältigt werden. Zur ersten Bückeburger Flüchtlingsheimstatt wurde bereits Anfang April 1945, also noch vor Ende des Krieges, das Gymnasium Adolfinum umfunktioniert. In dem Gebäude an der Ulmenallee fanden bis zu 600 Menschen Platz.

 Das Gros der später eintreffenden Vertriebenen wurde in Privathäusern, in ehemaligen Zwangsarbeiter- und Kriegsgefangenenbaracken sowie in Gasthaussälen der umliegenden Gemeinden einquartiert. Mancherorts herrschten schlimme Zustände. In Röcke stellten Kreiskontrolleure extreme Schimmelbildung fest, in der Notunterkunft Evesen wimmelte es von Ungeziefer, und in Warber stand den 50 Insassen nur ein einziges Klo zur Verfügung. Kein Wunder, dass immer wieder Fälle von Tuberkulose und Typhus auftraten.

 Die drangvolle Enge sorgte für jede Menge Ärger und Verdruss. Viele Alteingesessene sahen beim Gedanken an Flüchtlinge rot. Ungeniert war von „Polacken“ die Rede. Hausbesitzer verlangten Wuchermieten. Wohnungseigentümer verweigerten die Mitnutzung von Küche oder Toilette. Nicht selten kam es auch vor, dass die Frau des Hauses abends den Strom abstellte oder die Glühbirne aus der Fassung drehte.

 Für eine spürbare Verbesserung sorgte das beginnende Wirtschaftswunder. Die Neueinwohner profitierten zudem von der Ende der vizeriger Jahre auf den Weg gebrachten Lastenausgleichsregelung. Und die Wohnungsnot schwand, als die Engländer mit der Freigabe der mehr als 80 beschlagnahmten Gebäude begannen.

 Für eine Art Befreiungsschlag sorgte dann ein Anfang der fünfziger Jahre gestartetes, von Bund und Land gefördertes Neubauprogramm. Die Stadt bekam ein völlig neues Gesicht. Erster Siedlungsschwerpunkt für die Neubürger war die als Erbbaugebiet ausgewiesene Gegend zwischen Bahndamm und Weinberg beiderseits der Petzer Straße. Trotzdem sollte es noch etliche Jahre dauern, bis sich Alteingesessene und Neubürger als „ein Volk“ verstanden. gp

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