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Ganztägiger Warnstreik legt Bethel lahm

Bückeburg / Ausstand Ganztägiger Warnstreik legt Bethel lahm

152 Jahre ist am Krankenhaus Bethel nicht gestreikt worden. Das tun Mitarbeiter diakonischer Einrichtungen einfach nicht, weil sie ja dem Menschen dienen und helfen wollen.

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Mehr Lohn, bessere Arbeitsbedingungen und überhaupt ein Streikrecht: Knapp 100 Bethel-Mitarbeiter ziehen zum Landeskirchenamt, Landesbischof Karl-Hinrich Manzke stellt sich der Diskussion.

Quelle: rc

Bückeburg. Bückeburg (rc). Aber jetzt ist das Fass am Überlaufen. Seit 2010 gab es keine Gehaltserhöhungen mehr, die Arbeitsbedingungen verschlechtern sich mehr und mehr – und ein Streikrecht haben Mitarbeiter kirchlicher Einrichtungen auch nicht. Was gestern knapp 100 Mitarbeiter von Bethel – ein Viertel der Belegschaft – nicht abhielt, in einen ganztägigen Warnstreik zu treten, um für mehr Lohn, bessere Arbeitsbedingungen und ihr Streikrecht zu streiken: der dritte Warnstreik innerhalb weniger Wochen, der erste ganztägige. „Aber auch längere Streiks sind denkbar“, so ver.di-Gewerkschaftssekretärin Aysun Tutkunkardes.

 Nach einer Kundgebung vor dem Krankenhaus ging der Demonstrationszug in die Herderstraße vor das Landeskirchenamt, wo sich nach einem Trillerpfeifenkonzert Landesbischof Karl-Hinrich Manzke dem Gespräch stellte, und dann hinunter zum Marktplatz, wo Annette Klausing vom Landesverband der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di die Forderungen der Bethelaner und der Angestellten der Einrichtungen von Diakonie und Caritas in Niedersachsen und Bremen bekräftigte. „Wir brauchen einen eigenen Haustarifvertrag für das Krankenhaus Bethel“, so die Gewerkschafterin, da sich die Konföderation der Evangelischen Kirchen Gesprächen verweigere und immer noch keinen Beschluss gefasst habe, wie mit dem „3. Weg“ verfahren wird. Die Diakonie sei ein Wirtschaftsunternehmen und müsse auch so gesehen werden. Angesichts der mangelnden Gesprächsbereitschaft der Arbeitgeberseite werde man weiter mobilisieren, nach innen und nach außen

 Zum Hintergrund: Im so genannten „3. Weg“ haben sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer kirchlicher Einrichtungen in den vergangenen Jahren in Gesprächen einvernehmlich über Tarif- und Lohnfragen geeinigt – ohne Streiks. Seit mehr als einem Jahr gibt es diese Verhandlungen nicht mehr, da sich die Arbeitnehmerseite aus der zuständigen Kommission zurückgezogen hat. Weil man sich in Grundsatzfragen nicht einigen konnte.

 Gesprächsbereitschaft bewies und signalisierte gestern Morgen Landesbischof Karl-Hinrich Manzke, der zum Vorstand und Aufsichtsrat von Stiftung und Bethel gGmbH gehört. Er kam aus dem Landeskirchenamt auf die Herderstraße und diskutierte mit dem Bethel-Personal. Noch vor Ort wurde für heute Morgen 7 Uhr ein Gespräch zwischen ihm und dem Vorsitzenden der Mitarbeitervertretung Peter Bigalke vereinbart, der als ver.di-Vertrauensmann an dem Warnstreik teilnahm.

 Die Landeskirche könne keinen Einzelweg in der Tariffrage gehen und sei auf Entscheidungen der Konföderation angewiesen. Es seien die Arbeitnehmer gewesen, die die Kommission verlassen hätten, merkte der Landesbischof an. Arbeitnehmer könnten so nicht behandelt werden, so Peter Bigalke. Seit sieben Jahre wehre man sich gegen Lohnabsenkungen, die letzte Gehaltserhöhung habe es 2010 gegeben. Die Arbeitsbedingungen würden sich immer mehr verschlechtern, die Arbeit würde durch immer neue Anforderungen immer weiter verdichtet. „Das kann auf Dauer nicht gut gehen. Es gehört schon einiges dazu, bis diakonische Mitarbeiter auf die Straße gehen.“ Und: „Wir sind ausgebrannt, die Fehlzeiten steigen immer mehr.“

 Im Krankenhaus wurde derweil nur in Notbesetzung gearbeitet. Vier von fünf Operationssälen standen still, auf den Stationen wurde in Notbesetzung gearbeitet. In der Küche sorgten sechs Mitarbeiter für das Essen.

 Insbesondere um die Küche hatte es nach Angaben der Gewerkschaftssekretärin erhebliche Auseinandersetzungen mit der Geschäftsführung gegeben. Mitarbeitern sei gedroht worden, dass die Küche schon vor Eröffnung des geplanten Gesamtklinikums ausgegliedert werden könnte. Noch am Abend vor dem Warnstreik sei ein Einlenken der Geschäftsführung erkennbar gewesen, als der Abschluss einer Notdienstvereinbarung signalisiert worden sei – was am späten Abend aber zurückgezogen worden sei. Zu spät, so die Gewerkschafterin, da der Notdienst seitens der Gewerkschaft bereits organisiert worden war: „Das wird uns nächstes Mal nicht mehr passieren.“

 Vor Beginn des Demonstrationszuges hatte die Geschäftsführung des Gesamtklinikums Schaumburg und Bethel um Ralph Freiherr von Folenius und Claus Eppmann fast eine halbe Stunde mit den beiden ver.di-Vertreterinnen diskutiert. Wie Tutkunkardes sagte, habe die Geschäftsführung betont, dass am „3. Weg“ festgehalten werde. Ganz harmonisch war das Gespräch offenbar nicht. Annette Klausing vom ver.di-Landesverband bei der Kundgebung auf dem Marktplatz: „Wir sind keine Freunde fürs Leben geworden. Aber es ist das Prinzip von Gewerkschaften, das miteinander geredet wird.“

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