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Bückeburg Stadt Gelobtes Land für viele Arten
Schaumburg Bückeburg Bückeburg Stadt Gelobtes Land für viele Arten
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00:31 23.04.2018
Ein Paradies: Das überschwemmte Mittlere Bruch. Quelle: jp
BÜCKEBURG

Trotz der frühen Stunde an einem Sonntagmorgen hatten sich zahlreiche Interessierte zu der Begehung eingefunden, zu der der Förderverein Bückeburger Niederung und der Nabu Bückeburg gemeinsam eingeladen hatten, und die dabei wieder den nicht wirklich günstigen Wetterbedingungen trotzten. Hatte bei der Exkursion vor rund einem Monat, als die Beobachtung seltener Entenarten das Ziel war, in der Niederung klirrender Frost geherrscht, so sorgten diesmal Nieselregen und tief hängender Dunst dafür, dass die Sicht auf die Vogelwelt alles andere als optimal war.

Vor allem bei der Beschreibung des Mittleren Bruchs und der Amtmannschen Wiesen bekommt Lichtner leuchtende Augen. Seit das Gelände südlich der Schäferstraße im Zuge einer umfangreichen Renaturierungsmaßnahme vor rund 16 Jahren von Förderverein, Stadt Bückeburg und Landkreis Schaumburg eingepoldert wurde, verwandeln sich das Mittlere Bruch und die Amtmannschen Wiesen für mehrere Wochen im Jahr durch das Aue-Hochwasser in eine Seenlandschaft.

Seitdem hat sich das Areal zu einem wahren Dorado seltener und geschützter Arten entwickelt. Nicht nur Vögel wie die Bekassine, die Knäkente, der Kiebitz, der Wachtelkönig und das Tüpfelsumpfhuhn haben dort inzwischen einen Brut- oder Rastplatz gefunden, auch diverse ebenso seltene Pflanzen und Amphibien-Arten. Störche können in diesem Paradies beobachtet werden, Lachmöwen, Wasserläufer, bunte Brandgänse, mit etwas Glück sogar Rot- und Schwarzmilan, Kraniche sowie Seeadler.

Lachmöwen sorgen fürmaritime Atmosphäre

Angesichts der diesigen und verregneten Witterung hatten es die Teilnehmer der Exkursion von Anfang an nicht ganz leicht, die diversen Vögel zu Gesicht zu bekommen, die dafür umso deutlicher akustisch auf sich aufmerksam machten. Gerade die Lachmöwen – von ihnen existiert seit 2016 eine ganze Kolonie in der Bückeburger Niederung – ließen durch ihre Stimmen maritime Atmosphäre aufkommen. Sie ließen sich ebenso wie die unterschiedlichen Entenarten bestens von dem im vergangenen November vom Nabu neu erbauten Ausguck an der Schäferstraße aus beobachten. Um noch weitere Limikolen beobachten zu können, mussten die Teilnehmer der Exkursion Lichtner zunächst zu Fuß längs des Langen Grabens und dann durch sehr nasses Gras in Richtung der Aue folgen. Von dort konnten sie Angehörige dieser Vogel-Ordnung, auch bekannt als Watvögel, mithilfe eines Spektivs aus der Entfernung in Augenschein nehmen.

Dass sich Bereiche wie das Mittlere Bruch in den vergangenen Jahren ökologisch so enorm positiv entwickelt hätten, führt Lichtner auch auf die Art der landwirtschaftlichen Bewirtschaftung zurück. Der Vogelkundler wird nicht müde, immer wieder darauf hinzuweisen, dass Naturschutz und Landwirtschaft eben nicht zwangsläufig im Widerstreit stehen müssten, im Gegenteil: Ohne die landwirtschaftliche Nutzung dieser Flächen während der Trockenzeit würde das Gelände nämlich durch schnell wachsendes Buschwerk überwuchert und zu einem Bruchwald werden. „Und das wäre gerade für die seltenen und geschützten Tierarten, diewir hier haben wollen, kontraproduktiv.“

Trassenneubau ist für Lichtner ein Horror

Was den Vogelkundler jedoch um den Schlaf bringt, ist die Bedrohung des Niederungsgebietes durch einen möglichen Trassenneubau der Bahn. Jede Art eines Bahn-Neubaus werde den Grundwasserhaushalt so nachhaltig stören, dass es das Aus für die Renaturierung bedeuten würde, ist sich Lichtner sicher. „Eine Sicherung des Feuchtlandes dürfte unmöglich sein“, gab er bereits im vergangenen Herbst auf einer Versammlung des Fördervereins Bückeburger Niederung zu Protokoll. „Eine trassenferne Umsetzung ist deshalb aus Naturschutzsicht unverantwortbar und wird von den ansässigen Naturschutzverbänden mit allen Mitteln bekämpft werden.“

Lichtner fürchtet nicht nur die jahrzehntelangen Tiefbauarbeiten für eine ICE-Trasse, sondern auch die massiven Störwirkungen der nach Fertigstellung darauf fahrenden Schnellzüge auf die Vogelwelt. Der Bückeburger Vogel-Experte zählt daher zu den vehementesten Befürwortern einer Ausweitung des bislang nur etwa 70 Hektar umfassenden Naturschutzgebiets westlich von Scheie, insbesondere um die inzwischen ökologisch ebenso hochwertigen und sensiblen Bereiche des Mittleren Bruchs und der Amtmannschen Wiesen.

Auch Ratsherr Wolfhard Müller, der als Vize-Vorsitzender des Fördervereins Bückeburger Niederung an der Exkursion teilnahm, wiederholte seine Ankündigung, eine mögliche Neubautrasse der Bahn mit allen Mitteln juristisch zu bekämpfen. Sollten die Bahn und das Bundesverkehrsministerium auf einer solchen Trassenvariante beharren, werde der Naturschutzverband Niedersachsen (NVN) als zuständiger Dachverband durch alle Instanzen dagegen vorgehen, so Müller. jp