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Heinrich Thies stellt Romanbiografie vor

Eine Krankengeschichte Heinrich Thies stellt Romanbiografie vor

Der Journalist a.D. Heinrich Thies weiß, was eine gelungene Buchvorstellung ausmacht: knappe Hintergrundinfos, prägnante Textausschnitte, unterschiedliche Tonlagen, wechselnde Perspektiven und ein guter Kontakt zum Publikum.

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Hermann Löns alias „Hermann Heimlos“: Der NS-Gauleiter Alfred Meyer spielte 1936 mit dem Gedanken, am Harrl alljährlich völkische Literatur-Festspiele zu veranstalten. Auf der Liste der Kandidaten: Hermann Löns.

Quelle: pr.

Bückeburg. Als der gebürtige Heidjer auf Einladung der Buchhandlung Frommhold im kleinen Ratskellersaal seine kürzlich erschienene Romanbiografie „Mein Herz gib wieder her“ vor 40 Interessierten vorstellte, nahmen die Jahre, die Hermann Löns und seine zweite Frau Lisa Hausmann-Löns in Bückeburg verbrachten, besonders viel Raum ein. Die Gäste wussten es mit viel Applaus zu danken. Land und Leute wurden ja auch geschont, als es in einem Brief um die Trostlosigkeit des Lebens am Harrl ging: „Löns hat sich auch in den Alpen nicht wohl gefühlt.“

 Ein Engel hat geweint, heißt es

Geschickt vorab rezitierte Gedichte aus der Studentenzeit machten deutlich: Seiner Geburt 1866 gedenkt der junge Löns nicht eben mit Freude. Dabei war er der Stammhalter. Ein Engel habe geweint, heißt es. Das von väterlichem Druck geprägte Leben sieht er als Zeit in der Zwangsjacke: „Die Kerkermeisterin, die weise und trockne Frau, die Sitte spricht.“ Man hört schon die Sturmglocken läuten: „All dein Toben hilft dir nicht.“ Damit ist ein Konflikt umrissen, der auch die beiden Ehen prägen sollte, das gesellschaftliche Leben – insbesondere in Bückeburg – und nicht minder die Arbeit des Journalisten. „Hermann Heimlos“, wie er sich später nennt, findet nicht Maß noch Mitte, auch nicht durch kleine Erfolge und etwas Anerkennung. Er verfällt dem Alkohol, und seine psychische Prägung bringt es mit sich, dass er mit fortschreitender Krise zur Paranoia neigt, zum Ressentiment und zur Lebensmüdigkeit.

Thies erzählt in seiner Romanbiografie eigentlich eine gut belegte Krankengeschichte. Briefe wirken dabei besonders authentisch. Ohne viel Fachvokabular wird sie zur Fallstudie für den Paartherapeuten. Der Roman „Das zweite Gesicht“ gefällt sich in männlicher Lüsternheit, die Frauen lechzen nur so nach dem Helden, „Der Wehrwolf“ indessen verbreitet ein übersteigertes Bild mannhafter Stärke, gutes Blut soll nicht umsonst vergossen sein.

Thies belässt es auch an diesem Abend bei Deutungsangeboten, er sieht Minderwertigkeitsgefühle, die mit Größenphantasien von Omnipotenz und Standhaftigkeit beantwortet werden. Thies muss in seinem Werk gestehen: „Fast für jede These lässt sich in seinen Schriften eine Gegenthese finden.“ Viel Rätselhaftes bleibt, aber Interesse dürfte geweckt sein bei den Zuhörern.

Was Lisa Hausmann anbelangt, gelingt es Thies, das Bild einer für ihre Zeit hochmodernen gebildeten Frau zu zeichnen. Sie war als Übersetzerin von Jack London tätig, half mit Texten aus, wenn wieder Not am Mann war, und engagierte sich für Frauenrechte. Thies kennt seinen Löns, er lässt sich von Schlagertexten wie „Rose Marie“ nicht blenden: „Es überrascht nicht, dass Hermann Löns mit einer derart starken Frau Probleme hatte.“ Die Idee, Straßen statt nach Hermann Löns lieber nach Lisa Hausmann zu benennen, wird in Bückeburg nicht wiederholt.

Dass die heiteren Seiten in dem lesenswerten Werk von Heinrich Thies nicht zu kurz kommen, dafür sorgt Löns schon selbst. Nicht allein durch die spitze Feder eines „Fritz von der Leine“, sondern ebenso durch das Sonderliche in seinem Wesen, durch skurrile Züge und feinsinnige Eitelkeiten, wie sie am deutlichsten im „Zweiten Gesicht“ offenbar werden. Der Mond setzt nicht nur dem Protagonisten regelmäßig schwer zu. Auch Hermann war tageweise unpässlich. Wenn dann auch noch gezecht worden war in der „Falle“ oder andernorts, gab es kein Halten mehr. Nur dass Löns eines Nachts „Arschgesicht“ zum Mond gesagt hat, wie Thies frei fabuliert im eigentlichen Romanteil, wird man im Löns-Lesekreis kaum glauben wollen. Man höre die Verse: „Der Vollmond scheint in mein Fenster, der Himmel sternenklar blinkt, im blühenden Nachbargarten laut eine Nachtigall singt.“ Im denkwürdigen Kriegstagebuch – in der Tat „Löns‘ bestes Werk“ – bekommt der Mond noch ganz andere Seiten des Lebens und Sterbens zu sehen. Töne aus dem Jammertal, von wegen mit 48 eben mal „zum Frühstück nach Paris“.

 Lektion im Bücken, Krümmen und Kriechen

In Bückeburg blieb natürlich „die Burg des Bückens“ zu erwähnen. Zielsicher nimmt der Satiriker in „Duodez“ das Fürstenhaus Schaumburg-Lippe, die lieben Untertanen und die „Hofsozialdemokraten“ aufs Korn. Es darf herzlich gelacht werden im Ratskellersaal – noch 100 Jahre nach der kritischen Lektion in Bücken, Krümmen, Kriechen und Speicheln. Von einem Strafverfahren gegen den eben wieder in Hannover ansässigen Löns wegen der derben Schmähworte von der „Geflügelunzuchtanstalt des Prinzen Hermann“ und wegen des Spotts auf die „Hühner in Landesfarben“ ist nichts bekannt. Schaumburg-Lippe war eben kein richtiges Ausland.

Jene Gebeine, die 1934 mit Heidenlärm und NS-Spektakel dem deutschen Soldaten und Heimatdichter Hermann Löns zugeordnet wurden, liegen übrigens unweit der Böhme. Mit Bückeburg – das wäre wohl auch einen Hinweis wert gewesen – hatte man ebenfalls ganz Großes vor: Gauleiter Alfred Meyer spielte 1936 mit dem Gedanken, am Harrl alljährlich völkische Literatur-Festspiele zu veranstalten. Auf der Liste der Kandidaten: Hermann Löns! Von Rassegeflügelschande keine Rede. vhs

Heinrich Thies, Mein Herz gib mir wieder (Romanbiografie); Springe 2016, 368 S., zahlreiche Abbildungen; 24,80 Euro, ISBN 978-3-86674-519-3. Die Buchhandlung Frommhold hält noch einige signierte Exemplare vorrätig.

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