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Kulturgeschichte des Bückeburger Friedhofswesens

Kühe des Küsters zwischen den Gräbern Kulturgeschichte des Bückeburger Friedhofswesens

 Auf den Friedhöfen ist zurzeit allerhand los. Eine solche Situation hätte man sich (nicht nur) in Bückeburg bis vor gar nicht allzu langer Zeit nicht einmal im Traum vorstellen können. Wann, wo und wie die ersten innerhalb der heutigen Stadtgrenzen siedelnden Menschen nach ihrem Ableben „entsorgt“ wurden, ist unbekannt.

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Ein heimischer Leichenzug Anfang des 20. Jahrhunderts geleitet einen Verstorbenen auf dessen letzten Weg.Repro/

Quelle: gp

Bückeburg.  Asche- und Urnenfunde in der Gegend des heutigen Friedhofs an der Scheier Straße lassen vermuten, dass es dort schon in grauer Vorzeit Beisetzungen gab.

 Sicher ist, dass die ersten christlichen „Beerdigungen“ der hiesigen Ureinwohner in Jetenburg, Petzen und Meinsen stattfanden. Dort gab es schon Friedhöfe, als von Bückeburg noch keine Rede war. Die Gräberfelder lagen unmittelbar neben den mitten im Dorf errichteten Kapellen und wurden deshalb „Kerkhoff“ („Kirchhof“) genannt.

 Bevorzugter Gottesackerwar der in Jetenburg

 Bevorzugter Gottesacker der Bewohner des heutigen Stadtquartiers soll von Anfang an Jetenburg gewesen sein. Die kurze Wegstrecke dahin ist bis heute als „Totenweg“ bekannt. Adlige und Angehörige der besseren Kreise durften mit feierlichem Geleit und einer Beisetzung im Kapelleninnern rechnen. Alle anderen wurden von Nachbarn mit Tragen oder Hand- und Leiterwagen transportiert und ohne großes Brimborium verscharrt. Zwischen den Grabstellen grasten die Kühe und Schweine von Pastor und Küster. Nicht selten lagen freigewühlte Gebeine herum.

 Seit der 1559 vom damaligen Landesherrn Otto IV. angeordneten Reformation gingen die Beisetzungen evangelisch-lutherisch und – in Einzelfällen – evangelisch-reformiert über die Bühne. Hintergrund: 1635 war ein neuer, streng calvinistisch erzogener Landesherr ins Schloss eingezogen. Unter seiner Obhut fand sich schon bald eine kleine, aber feine und mit einem eigenen Pastor ausgestattete Glaubensgemeinschaft zusammen. Den Gottesdienst feierten die Reformierten unter sich in der Schlosskapelle, die ewige Ruhe musste man Seit‘ an Seit‘ mit den Lutheranern verbringen.

 Anfang des 17. Jahrhunderts war es aufgrund des Bevölkerungswachstums in Bückeburg in „Geteneburg“ so eng geworden, dass über eine zweite (innerstädtische) Begräbnisstätte nachgedacht werden musste. 1669 war es soweit. Ein neu erworbenes, direkt neben der gut 50 Jahre zuvor errichteten Stadtkirche gelegenes Grundstück wurde zum Friedhof (Kirchhof) umfunktioniert.

 Etwa 30 Jahre nach dem Stadtkirchhof ging eine weitere, innerhalb der Stadtmauern gelegene Begräbnisstätte in Betrieb – der „Totenhof“ der Hugenotten. Die aus bis zu 60 Personen bestehende Gemeinschaft war Ende des 17. Jahrhunderts aus Frankreich zugewandert. Dort hatte man sie wegen ihres (reformiert-)protestantischen Glaubens verfolgt. Der damalige Landesherr Graf Friedrich Christian empfing die Neuen mit offenen Armen. Er erhoffte sich eine Belebung der heimischen Wirtschaft. Die Hugenotten waren als hervorragende Handwerker bekannt.

 Um den Emigranten die Sache schmackhaft zu machen, durften sie ein eigenes Gemeindezentrum einrichten. So entstand neben dem Totenhof auch eine kleine Kirche samt Pfarrhaus. Mit der erhofften Integration wurde es trotzdem nichts. Nach gut 50 Jahren erlosch das französische Leben. Der Rest ging in der deutsch-reformierten Gemeinde auf. Der Totenhof war bereits zuvor von den deutschen Glaubensbrüdern mitgenutzt worden.

 Befohlene „Wiedervereinigung“behagte nicht allen

 Gegen Ende des 18. Jahrhunderts machte der damalige, von den Ideen und Idealen der Aufklärung überzeugte Graf Wilhelm alle innerhalb der Stadtmauern gelegenen Friedhöfe dicht. Sowohl auf dem (Stadt-)Kirchhof als auch dem (Ex-)Hugenottenfriedhof herrschten schlimme hygienische Zustände. Die Folge: Von 1772 an wurden alle Bückeburger wieder auf dem Jetenburger Friedhof begraben.

 Die so befohlene „Wiedervereinigung“ behagte nicht allen. Der Wunsch, die ewige Ruhe weiterhin „ungestört“ und nicht in der Nachbarschaft „Andersgläubiger“ zu verbringen, trieb seltsame Blüten. Zunächst wurde überlegt, eine Mauer zwischen den von lutherischen und reformierten Pastoren ins ewige Leben verabschiedeten Verstorbenen hochzuziehen. Doch das war dem als engstirnig und streitsüchtig bekannten Superintendenten der lutherischen Landeskirche namens Froriep nicht genug. Die Folge: Die Reformierten legten einen eigenen Friedhof an. 1788 zog man in die Nähe des Maschvorwerks um. Einen weiteren Alleingang gab es vonseiten der jüdischen Gemeinde. Auch sie richtete 1793 an der heutigen Birkenallee eine eigene Ruhestatt ein.

 Trotz dieser „Entlastungen“ drohte der Jetenburger Friedhof schon wenige Jahrzehnte später erneut aus den Nähten zu platzen. Ende der 1870er Jahre wurde das Gelände nach Westen hin erweitert. Als die Fläche 15 Jahre später nochmals vergrößert werden sollte, legten sich die Anwohner quer. Nach einigem Hin und Her wurde deshalb 1891/92 an der Scheier Straße der heutige „Neue Friedhof“ angelegt. Seither wurden und werden auf dem der evangelischen Kirchengemeinde gehörenden Begräbnisort die meisten der in Bückeburg Verstorbenen – unabhängig von Glaube, Hautfarbe und Nationalität – beigesetzt.

 Ob und wie lange das noch so sein wird, scheint angesichts der bisherigen Erfahrungen ungewiss. Immer mehr Zeitgenossen zieht es mittlerweile in den vor acht Jahren im Harrl angelegten fürstlichen Friedwald.

Von Wilhelm Gerntrup

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