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Bückeburg Letzte Lücken geschlossen

Der ehemalige Leiter der Geschichtswerkstatt der inzwischen geschlossenen Herderschule, Klaus Maiwald, hat sich intensiv mit der Geschichte der jüdischen Kaufmannsfamilie Rautenberg aus Bückeburg auseinandergesetzt.

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Am Grabstein von Erwin Rautenberg legt Klaus Maiwald – ganz in jüdischer Tradition – einen kleinen Obernkirchener Sandstein ieder.

Quelle: pr.

Bückeburg. Im Sommer war er in Riga, wo der Großteil der Familie nach ihrer Deportation 1941 ums Leben kam. Vor Kurzem reiste er mit seinem ehemaligen Kollegen Dietmar Bitterkleit dann nach Los Angeles, um dort den Spuren von Erwin Rautenberg nachzugehen, der nach der Deportation seiner Familie über abenteuerliche Wege in der kalifornischen Millionenmetropole gelandet war.

 „Im Juni besuchte ich im Auftrag der Erwin-Rautenberg-Stiftung Los Angeles die lettische Hauptstadt Riga, in der Erwins Stiefmutter Selma sowie seine Geschwister Ruth und Manfred nach ihrer Deportation im Dezember 1941 ums Leben kamen. Erwins Vater Leo war bereits 1940 an den Folgen der Misshandlungen im Konzentrationslager Weimar-Buchenwald im November 1938 gestorben. Erwin selbst gelang 1937 die Flucht nach Argentinien, wo er entbehrungsreiche Jahre verbrachte. Mehrere dramatische Versuche, seine Familie nachkommen zu lassen, scheiterten. Nach der Pogromnacht im November 1938 brach der Kontakt zur Heimat vollständig ab. Erwin Rautenberg sollte seine Familie nie wiedersehen.

 Zusammen mit meinem ehemaligen Kollegen Dietmar Bitterkleit folgte ich jetzt der Einladung der Rautenberg-Stiftung, nach Los Angeles zu fliegen, um mich vor Ort über das Leben Erwin Rautenbergs zu informieren. Nach einem kurzen Aufenthalt in San Francisco 1946 zog es Erwin Rautenberg schon bald beruflich nach Los Angeles, wo er auch 2011 verstarb.

 Eine Überseefrachtfirma, die „Air-SeaForwarders“, die zu besten Zeiten 140 Mitarbeiter und über die USA verteilt zehn Niederlassungen hatte, brachte ihm Ruhm und Wohlstand. In Zeiten des Kalten Krieges gab es eine Zusammenarbeit mit der CIA, für die die Rautenberg-Firma hochsensibles Material in den Fernen Osten transportierte. Als die CIA den Vertrag einseitig kündigte, prozessierte Rautenberg erfolgreich gegen die CIA und erhielt eine Entschädigung in Millionenhöhe.

 Der kinderlose Rautenberg gründete in den neunziger Jahren eine Stiftung, die nach seinem Namen benannt ist. Das Kapital rekrutiert sich aus den Entschädigungszahlungen der CIA. Diese Stiftung unterstützt seit einigen Jahren Schulprojekte in Schaumburg und ganz besonders den Förderverein Ehemalige Synagoge in Stadthagen.

 Der jetzige Besuch in der Millionenmetropole Los Angeles am Pazifischen Ozean schloss die letzten Lücken für das Buchprojekt zur jüdischen Kaufmannsfamilie Rautenberg aus Bückeburg. In vielen Gesprächen und Begegnungen, die von Herzlichkeit und gegenseitigem Respekt geprägt waren, wurde der Mensch Erwin Rautenberg immer konkreter.

 Der Präsident der Rautenberg-Stiftung, Thomas Corby, fuhr mit uns zum jüdischen Friedhof ’Hillside Memorial Park‘ in Los Angeles, auf dem Erwin Rautenberg im ’Garden of Solomon‘ egraben liegt. Ein schlichter Grabstein enthält die Inschrift ’eloved Erwin Rautenberg 1920-2011‘ Ich hatte einen kleinen Obernkirchener Sandstein aus der Heimat mitgebracht, den ich symbolisch, ganz nach jüdischer Tradition, auf Erwins Grabstein legte.

 Anschließend fuhr uns Tom Corby zur ehemaligen Frachtfirma Erwin Rautenbergs, die in der Nähe des Flughafens von Los Angeles liegt. Die Firma trägt noch immer den altbekannten Namen. Erst im Alter von 87 Jahren gab Erwin Rautenberg im Jahr 2007 die Firmenleitung ab. Die Immobilien der Frachtfirma gingen in die Rautenberg-Stiftung über und werden seitdem vermietet. Ein Rundgang durch das Firmengebäude vermittelte einen Eindruck von dem Geschäftsmann Erwin Rautenberg.

 Tom Corby vermittelte auch eine Begegnung mit Rabbi Eliezer Gross, mit dem Erwin Rautenberg über viele Jahre eine enge Freundschaft verband. Wir besuchten die Talmud-Hochschule 'YeshivaGedolahof Los Angeles', an der sich männliche jüdische Schüler traditionell den Tora-Studien widmen. Erwin Rautenberg, der zeitlebens ein großes Interesse für jüdische Erziehung zeigte, wird in dieser Schule mit zahlreichen Plaketten geehrt. So hat die Rautenberg-Stiftung schon mehrere Projekte dieser Schule finanziell unterstützt, so auch die technische Ausstattung einiger Klassenräume.

 Ein ganz besonderer Höhepunkt unserer Tage in Los Angeles waren die Begegnungen mit der Lebensgefährtin von Erwin Rautenberg, Irene Sinclair, die über vier Jahrzehnte ihr Leben mit Erwin teilte. Sie wohnt heute immer noch im geräumigen Apartment im 17. Stockwerk mit einem wunderbaren Panoramablick über Los Angeles. Irene hat uns sehr viele bislang unbekannte Details aus Erwins Leben berichtet und mir etliche Fotos überlassen aus dem bewegten gemeinsamen Leben.

 Nach diesen ereignisreichen und äußerst informativen Tagen in Los Angeles, zu denen natürlich auch ein Besuch Hollywoods mit dem ’Walk of Fame‘ auf dem Programm stand, freuten wir uns auf ein Kontrastprogramm fern jeder Großstadt.

 Am Ende stand wieder ein elfstündiger Flug von Los Angeles nach London und von dort nach Hannover. Die Heimat hatte uns wieder. Erwin Rautenberg war 1937 mit einem Schiff von Hamburg nach Buenos Aires gefahren. Die Überfahrt dauerte vier Wochen. Eine Rückkehr in die Heimat blieb ihm verschlossen. Die Recherchen auf den Spuren der Rautenbergs sind jetzt abgeschlossen. Nun heißt es, aus allen Dokumenten, Gesprächen und Abbildungen ein Buch zu schreiben, das der Familie Rautenberg gerecht wird.“r

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