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Mit 14 Jahren packt ihn das Fernweh

Eduard Heinemeyer Mit 14 Jahren packt ihn das Fernweh

Mehr als sechstausend Schaumburger haben im 19. Jahrhundert ihre Heimat in Richtung Nordamerika verlassen. Die Beweggründe waren sehr unterschiedlich. Den weitaus größten Teil der Auswanderer würde man heute als Wirtschaftsflüchtlinge bezeichnen.

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Gastwirtssohn und USA-Pionier Eduard (Edward) Heinemeyer (1844–1924).

Quelle: Repro: gp

Bückeburg. Darüber hinaus zogen im großen Pulk der Familien auch zahlreiche einzeln reisende Männer und Frauen mit. Junge Burschen flohen vor dem Tod verheißenden Militärdienst. Schwangere unverheiratete Mägde versuchten, einem Leben in Schande zu entgehen. Kriminelle nahmen vor der Gendarmerie Reißaus. Und freiheitsliebende Einzelkämpfer träumten von einem Leben ohne Regulierungswahn und Fürstenwillkür.

Als einer der interessantesten und eigenwilligsten USA-Reisenden jener Zeit darf der Bückeburger Eduard Heinemeyer gelten. Der 1844 geborene Sohn von Karl und Charlotte Heinemeyer, damals Betreiber des weithin bekannten Lokals „Forsthaus Heinemeyer“ (heute „Altes Forsthaus“) war schon zu Lebzeiten eine Legende. Einzelheiten über sein Leben jenseits des Großen Teichs wurden jedoch erst nach dem Tod des Gastwirtssohns im Dezember 1924 bekannt.

Er blieb acht Jahre auf See

Danach war Eduard („Edward“) Heinemeyer im Alter von 14 Jahren plötzlich vom Fernweh gepackt worden. Er verschwand über Nacht aus dem Elternhaus. Wie sich später herausstellte, hatte er als Schiffsjunge angeheuert. Er blieb acht Jahre auf See, durchkreuzte mehrmals Atlantik und Pazifik und segelte dreimal ums Kap Hoorn. Als er bei einem Schiffbruch vor der chilenischen Küste nur knapp mit dem Leben davongekommen war, entschloss er sich zur Heimkehr. Zehn Jahre, nachdem er Bückeburg den Rücken gekehrt hatte, tauchte der inzwischen 24-Jährige wieder in der Stadt auf. Kurz darauf heiratete er Anna Strobel, Wirtstochter aus der Gaststätte „Clus“ und führte nach dem Tod des Schwiegervaters das als Ausflugslokal und Pension für Sommerfrischler bekannte Haus weiter. Dem Paar wurden fünf Kinder geboren.

Dann, nach 13 Jahren sesshaftem, geregeltem Bürgerleben, zog es den 37-Jährigen erneut in die Fremde. Ehefrau Anna war gerade mit dem sechsten Kind schwanger. Der werdende Vater ließ alles stehen und liegen und setzte Anfang 1882 nach Amerika über. Sein jüngerer Bruder August begleitete ihn, kehrte allerdings einige Zeit später wieder zurück und wurde Nachfolger des Vaters im Forsthaus am Harrl. Eduard Heinemeyer aber blieb und heuerte bei der „Northern Pacific“-Eisenbahn an. Auf diese Weise gelangte er ins spätere Nord-Dakota – damals wie heute der Inbegriff des „Wilden Westens“ und Schauplatz zahlloser Abenteuerfilme.

Der weiße Neusiedler gab nie auf

Neuankömmling Heinemeyer drang auf der Suche nach Pelzen und Gold den Missouri hinauf bis ins Mündungsgebiet des Knife River vor. Fernab jeglicher Zivilisation, in einer Gegend, die nie zuvor ein Weißer betreten hatte, baute er aus Baumstämmen eine Blockhütte. Die in der Gegend beheimateten, als friedlich geltenden Mandan-Indianer ließen ihn gewähren. Weniger gut war es um das Zusammenleben mit den ebenfalls dort jagenden Sioux und Cheyenne bestellt. Trotzdem gab der weiße Neusiedler nicht auf. Im Gegenteil. Knapp zwei Jahre später ließ er seine sechsköpfige Familie aus Deutschland nachkommen. In der Einsamkeit Nord-Dakotas wurde das siebte Kind, eine Tochter, geboren.

In einer später von den amerikanischen Nachfahren herausgegeben Familienchronik sind Berichte der Heinemeyer-Kinder über ihre Erfahrungen nach der Ankunft in der neuen Heimat wiedergegeben. Zunächst ging es mit dem Zug von New York in die Hauptstadt Bismarck in Nord-Dakota, und dann mehrere Tage mit einem Frachtkahn den Missouri hinauf bis zu einer Siedlung namens Stanton. Von dort aus waren es dann „nur“ noch gut drei Meilen mit dem Ochsenkarren bis zum Blockhaus des Vaters.

Streng und unbeugsam

Außer wilden Tieren und Indianern bekamen sie dort in den ersten Jahren niemanden zu Gesicht. Im Winter war die Familie monatelang komplett von der Außenwelt abgeschnitten. Des Öfteren fürchteten sie um ihr Leben. Es war die Zeit der Sioux-Aufstände unter Sitting Bull. Es sei ein extrem hartes, aber auch unerhört „dichtes“ Leben gewesen, berichtete die älteste Tochter Elisabeth später. Im Laufe der Zeit habe man eine Farm aufgebaut. Ihren Vater Eduard Heinemeyer schilderte sie als streng und unbeugsam.

Den Heinemeyers folgten mit der Zeit weitere Siedler. Stanton mauserte sich zur „Hauptstadt“ eines neuen Verwaltungsbezirks namens „Mercer County“. Eduard Heinemeyer war an der Erschließung und Entwicklung der Region maßgeblich beteiligt. So leitete er das erste Postamt und half beim Aufbau des Schulbetriebes mit. Darüber hinaus wurde er zum Straßenbauinspekteur der Gegend ernannt.

Berühmt über die Grenzen Dakotas hinaus wurden er und seine Familie aufgrund ihrer Anbauversuche einer einheimischen Getreidesorte, die sie bei den Mandan-Indianern kennengelernt hatte. Diese Neuzüchtung wurde im amerikanischen Westen als „Heinemeyer Flint“ bekannt. Edwards ältester Sohn Karl („Charles“) ging als erster Sheriff von Mercer County in die Geschichte Nord-Dakotas ein.

Zwei Trauerfeiern zu seinen Ehren

Edward Heinemeyer starb am 14. Dezember 1924 im Alter von 80 Jahren. Er wurde neben seiner Frau beigesetzt, die er um 16 Jahre überlebt hatte. Das Begräbnis geriet zu einem überregionalen Ereignis. Es gab zwei Trauerfeiern – erst in der Union-Church in Stanton auf Englisch – und dann in der St.-Petri-Kirche zu Hannover in Nord-Dakota auf Deutsch. Mit dabei waren außer den drei Söhnen und vier Töchtern mit ihren Partnern auch die inzwischen gut 20 Enkelkinder. Bis heute sind daraus mehr als 50 über die Staaten hinweg verteilte Familien geworden. Der Name Heinemeyer hat noch immer einen guten Klang.

In Bückeburg ist mit Annemarie Uhlemeyer nur noch eine Enkeltochter des früheren Forsthaus-Gastwirts August Heinemeyer zu Hause. Die einst guten Kontakte zur amerikanischen Verwandtschaft mit gegenseitigen Besuchen sind schon vor langer Zeit „eingeschlafen“. gp

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