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Bückeburg/Porta / Heilung

Mit 200 Kilohertz wieder sprechen und gehen


Der 3. Oktober 2008 ist für Jörg Stahlhut der Tag gewesen, der sein gewohntes Leben völlig verändert hat. Plötzlich konnte er nicht mehr sprechen, seine rechte Körperhälfte war gelähmt.

Jörg Stahlhut ist felsenfest überzeugt: Die 200 Kilohertz und die damit wahrnehmbaren Obertöne, die der von ihm selbst gebaute Verstärker leistet, haben ihm geholfen, dass er nach einem Schlaganfall wieder sprechen und gehen kann. Jetzt hat er ein zweites Exemplar für seine Physiotherapeutin Elke Bernstein gebaut.

© rc

Bückeburg/Porta (rc). Gehirnblutung, einen Schlaganfall diagnostizierten die Ärzte im Klinikum Minden. Später lautete die Prognose, dass er nie wieder sprechen werden könne und wohl zeitlebens im Rollstuhl sitzen werde.

 Gut, dass Jörg Stahlhut ein Kämpfer ist und nicht auf seine Ärzte hörte. Heute kann er sprechen, obwohl man ihm den Schlaganfall noch anhört. Heute kann er gehen, fährt sogar wieder Auto. Obwohl er seinen rechter Arm und seine rechte Hand immer noch schwer bewegen kann. Dass er früher Linkshänder war und im Alter von sechs Jahren umerzogen wurde, kommt ihm heute zugute.

 Dass er das alles wieder kann, kommt davon, dass er sich mit Obertönen selbst therapiert hat, ist der heute 57-jährige gelernte Elektro-Ingenieur überzeugt, der bis zu seinem Schlaganfall im Außendienst für die Glasindustrie unterwegs war.

 Aus der Reha entlassen, treibt ihn der Ehrgeiz um. Er will wissen, wie sein Gehirn funktioniert, will sich trotz der Behinderung wieder selbst steuern können. Zufällig stößt er auf das Buch des Klangforschers Jonathan Goldmann, einem Amerikaner. Dieser beschreibt darin, wie er Schlaganfallpatienten erfolgreich mit Obertonmusik therapiert. Obertöne entstehen beim Sprechen oder beim Spielen von Musikinstrumenten. Da sie mit sehr hohen Frequenzen schwingen, sind sie nicht hörbar. „Aber wahrnehmbar“, wie Jörg Stahlhut im Gespräch mit unserer Zeitung sagt. Die Schallwellen können Menschen angeblich durch die Resonanz positiv beeinflussen, liest er. Und: Kranke Zellen könnten sich regenerieren. Stahlhut weiß sofort: „Die Therapie wird mir helfen. Mein Körper reagiert auf diese Obertöne.“

 Und er macht sich als gelernter Elektro-Ingenieur an die Arbeit. Ein Verstärker muss her, der Obertöne bis zu 200 Kilohertz darstellen kann. Denn je höher die Frequenz, desto größer die Therapiechancen, hat er gelesen. Das Problem: Handelsübliche Verstärker werden bei 40 Kilohertz gekappt. Schaltpläne werden entwickelt, spezielle Materialien herausgesucht, er steigt tief in die Materie ein. Erste Versuche werden verworfen. Dann steht die Konstruktion des Erfinders: ein Einzelexemplar im Wert von rund 5000 Euro. Mit einem Sandsteingehäuse, um Resonanzen zu beruhigen und Magnetfelder zu eliminieren. Dazu Silber für die Leitungen, Glimmer zum Isolieren und Quarz zum Harmonisieren. Obendrauf vier altmodische Röhren, die für einen warmen Klang sorgen.

 Dazu kommen spezielle Boxen, sogenannte Rundumlautsprecher, die den Klang holografisch im Raum verteilen: wie ein Kegel rundherum – „und kein Direktschall“, wie der Elektro-Ingenieur erklärt. Dazu wird spezielle, obertonreiche Musik wie gregorianische Gesänge oder Musik mit Klangschalen mit dem Profi-CD-Player abgespielt.

 Jörg Stahlhut therapiert sich, hört täglich Musik. Mit eiserner Disziplin zwingt er seine geschädigte linke Gehirnhälfte, mit der rechten „in Kontakt zu treten“. Was ihm nach seiner Darstellung gelingt. In kleinen, aber erkennbaren Schritten bessert sich seine Situation, er kann immer besser sprechen, immer besser gehen. Oder wie er es beschreibt: „Wenn ich Musik höre und das Telefon klingelt, kann ich ohne Probleme hingehen und sprechen. Erst nach und nach merke ich, wie ich immer mehr verkrampfe. Für mich ein Schlüsselerlebnis.“ Das er auch hat, wenn er Musik mit einem Gettoblaster hört: „Da fangen mein Bein und mein Arm an, spastisch zu zucken.“ Ob er ein Einzelfall ist, weiß Stahlhut nicht: „Mir jedenfalls hilft diese Therapie.“

 Dass diese Therapie auch anderen helfen kann, davon ist zumindest aber seine Physiotherapeutin Elke Bernstein überzeugt, die ihre Praxis in Bückeburg betreibt. Sie hat sich von dem Hausberger Jörg Stahlhut ein zweites Exemplar seines Verstärkers bauen lassen, setzt es jetzt in ihrer Praxis zur Klangtherapie ein. Wie sie erklärt, komme es durch den Klang der Obertonmusik zu einer vermehrten Ausschüttung des Hormons Dopamin im Körper. Dieses Hormon fördere den Drang nach Bewegung, „den Drang, etwas zu tun“. Das sei eine ideale Unterstützung in der Schlaganfallbehandlung. Alte, verloren gegangene Bewegungsmuster wie Gehen, Greifen oder Halten könnten wieder wach gerüttelt, Patienten leichter stimuliert werden. Auch Therapien bei Tinnitus, ADHS oder bei zu viel Stress seien denkbar: „Eine ganz neue Schiene.“

 Jörg Stahlhut wird jedenfalls nicht in die Serienproduktion der Verstärker einsteigen, obwohl derzeit noch zwei weitere im Bau sind. „Kann ich auch nicht, weil mir das einhändige Löten und Werkeln schwer fällt und sehr lange dauert.“

 Weitere Infos: Elke Bernstein lädt am Donnerstag 9. August, um 17 Uhr zu einem Info-Tag ein. Anmeldungen unter Telefon (05722) 906147 sind unbedingt erforderlich.

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