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Mit Mikroorganismen gegen Schlamm

Hofkammer zieht Notbremse Mit Mikroorganismen gegen Schlamm

Man hat kein Gewässerspezialist sein müssen, um in den vergangenen Jahren beim Anblick der Bückeburher Schlossgraft in Sorge zu geraten. Immer mehr schien das Gewässer um die Schlossinsel zu verschlammen und zu verlanden. Nun zieht die Fürstliche Hofkammer die Notbremse.

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Im östlichen Teil der Graft drohte das Gewässer zu kippen. Ein Spezialunternehmen aus Meersburg behandelt jetzt das Wasser.

Quelle: jp

BÜCKEBURG. Die klassischen Seerosen wichen vor allem im östlich Richtung Gymnasium Adolfinum gelegenen Teil zurück und machten dafür schleimigen Algen Platz, und klare Sicht bis zum Grund hatte man schon lange nicht mehr. Insbesondere während länger anhaltender Hitze- und Trockenperioden bot die Graft einen phasenweise schreckenerregenden Anblick. Jetzt zog die Fürstliche Hofkammer die Notbremse und leitete eine Sofortmaßnahme zur biologischen Sanierung des Gewässers ein.

Vorbelastung durch Nitrate und Phosphate

Die Entwicklung der Schlossgraft wurde in den vergangenen Jahren durch gleich mehrere negative Faktoren beeinflusst. Zwar mündet mit der Schermbeeke ein Fließgewässer in die Graft, das auf der anderen Seite den ehemaligen Burggraben durch den Schlossbach wieder verlässt, doch ist die Wasserqualität bereits dort alles andere als unproblematisch. „Das Wasser kommt von den Fischteichen und davor aus Richtung Wesergebirge und ist dort bereits sehr stark mit Nitraten und Phosphaten vorbelastet“, beschreibt Schlossverwalter Alexander Perl die Problematik. Zudem verhinderten Schlamm und Algenwachstum in den vergangenen Jahren immer mehr einen ausreichenden Wasseraustausch. Insbesondere unter der Schlossbrücke wurde die pflanzliche Barriere so massiv, dass das Wasser nur noch hindurchsickern konnte.

Entenfütterung trotz Verbot

Interessant ist die Herkunft der Schadstoffe. Während Phosphate vor allem durch Düngemittel und ungeklärte Abwässer ins Oberflächen- und Grundwasser gelangen, stammt ein Großteil der Nitrate laut Perl aus Kraftfahrzeugabgasen der Autobahn 2. „Die Nitratbelastung ist bei uns um rund 50 Prozent höher als in Bereichen, in denen keine Autobahn verläuft.“ Ein weiterer, massiver und absolut vermeidbarer Nährstoffeintrag erfolgt jedoch direkt vor Ort, nämlich durch Schlossparkbesucher, die sich trotz unübersehbarer Verbotsschilder ständig über das geltende Verbot der Entenfütterung hinwegsetzen.

Dabei geht es nicht etwa um ein paar Brotkrumen: „Die Leute kommen mit riesigen Tüten voller Brotreste und kippen die einfach ins Wasser“, ärgert sich Perl. Was übrigens nicht nur für die Wasserqualität verheerende Folgen hat, sondern auch die gefütterten Tiere selbst: Denn Brot enthält für Wasservögel viel zu viel Salz und quillt zudem im Magen der Tiere auf, ist somit für Enten im hohen Maße gesundheitsschädlich. Erst vor Kurzem erwischte Perl einen Zeitgenossen, der drei komplette verschimmelte Fladenbrote ins Wasser werfen wollte. „Man fasst es wirklich nicht, wie beschränkt und ignorant manche Leute sind.“

Spezialfirma engagiert

Kurz nach der Landpartie drohte die Graft dann endgültig zu kippen: Östlich der Schlossbrücke verfärbte sich das Wasser rot, der faulige Gestank war weithin wahrnehmbar. Die Hofkammer zog die Notbremse. Auf Empfehlung und Vermittlung von Hofreitmeister Wolfgang Krischke engagierte sie eine Spezialfirma aus dem baden-württembergischen Meersburg, die seitdem das Wasser der Schlossgraft auf rein biologische Weise behandelt. Kein unbekanntes Unternehmen in der Branche übrigens: So sorgen die Meersburger Spezialisten unter anderem in den Wasserbassins des Vogelparks Walsrode mit ihrem durch den Tierkot bedingten extrem hohen Nährstoffeintrag für eine so exzellente Wasserqualität, dass darin sogar Garnelen gedeihen. Und das ganz ohne Chemie.

„Zum Einsatz kommen Mikroorganismen und bestimmte Mineralien“, beschreibt Perl das Verfahren. Weiter ins Detail kann er jedoch nicht gehen: „Das ist das Betriebsgeheimnis der Firma.“ Nur so viel: „Es wird das im Gewässer ohnehin vorhandene Potenzial zur Selbstheilung aktiviert und genutzt.“ Mit verblüffendem Erfolg: Bereits nach wenigen Tagen verschwanden Gestank und Verfärbung, das Wasser klarte auf, und sogar das Hornkraut, ein für die Wasserqualität wichtiger Sauerstofflieferant, bildetet bereits neue Triebe.

Diese Behandlung sei jedoch nur eine Sofortmaßnahme, um das Schlimmste zu verhindern, und eine Überbrückung, bis ein vollständiges Gesamtkonzept zur Sanierung der Schlossgraft erarbeitet sei, betont Perl. „Nur dürfen wir uns dazu nicht auf die Graft allein beschränken, sondern müssen das gesamte Wassereinzugsgebiet miteinbeziehen, und das wird natürlich ein unglaublich dickes Brett.“ jp

„Eutrophierung“

Von einer „Eutrophierung“ spricht der Fachmann, wenn es in einem Gewässer durch ein Überangebot an Nährstoffen – insbesondere Nitrate und Phosphate – zu einem ungebremsten Wachstum von Wasserpflanzen, insbesondere Algen und Phytoplankton, kommt. Sauerstofflose (anaerobe) Abbauprozesse führen zur Bildung von Faulschlamm, der von den sauerstoffliefernden Bakterien (aeroben Destruenten) nicht mehr ausreichend abgebaut werden kann. Überwiegen die anaeroben gegenüber den aeroben Abbauprozessen, sinkt der Sauerstoffanteil, im Gegenzug bilden sich Gifte wie Methan, Schwefelwasserstoff und Ammoniak, das Gewässer beginnt faulig zu stinken. Zuletzt droht ein komplettes „Umkippen“, also ein Absterben aller Wasserorganismen durch Ersticken oder Vergiften. jp

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