Volltextsuche über das Angebot:

15 ° / 8 ° Regenschauer

Navigation:
Praktizierte Nächstenliebe über religiöse Grenzen hinweg

Bückeburg / Förderverein Praktizierte Nächstenliebe über religiöse Grenzen hinweg

In Zeiten leerer öffentlicher Kassen ist ein von Eltern gegründeter Förderverein, der „seinen“ Kindergarten finanziell unterstützt, nichts Ungewöhnliches.

Voriger Artikel
Nächste Runde im Familienzwist der Zinns
Nächster Artikel
Die Crema ist das alles Entscheidende

Im Vorstand des Fördervereins „Weiße Taube“ engagieren sich Murat Bastürk (von links), Robert Mederacke und Sebastian Geisler für den Bückeburger Kindergarten „Arche Noah“.

Quelle: wk

Bückeburg. Bückeburg (wk). Mehr noch: Es gibt mittlerweile wohl kaum einen Kindergarten, der ohne dieses Sponsoring auskommt, ohne das manche Investitionen und Aktivitäten schlichtweg nicht möglich wären.

 Was den Förderverein „Weiße Taube“ aus Bückeburg allerdings besonders macht, ist die multi-konfessionelle und -religiöse Zusammensetzung des Vorstandes. In dem engagieren sich nämlich – allen in der Gesellschaft und seitens der Religionen mitunter gepflegten Abgrenzungen zum Trotz – ein evangelisch-lutherischer Kirchenmann, ein Katholik und ein Muslim gemeinsam zum Wohle der Kindergartenkinder. Und das, wo doch der zu unterstützende Kindergarten „Arche Noah“ zur Stadtkirchengemeinde Bückeburg gehört und damit eindeutig evangelisch-lutherisch ausgerichtet ist.

 Es gehe ja in erster Linie darum, den Kindern eine optimale Betreuung zu bieten und sie in ihrer persönlichen Entwicklung bestmöglich zu unterstützen, erklärt Sebastian Geisler, der Vorsitzende des Fördervereins. Die konfessionelle Ausrichtung des Kindergartens sei dabei aus seiner Sicht hilfreich, aber eben nicht für alle Eltern ein vorrangiges Kriterium. „Außerdem sind für uns, die wir unseren Glauben vor Ort leben, viele Fragen, die die wissenschaftliche Theologie als glaubenstrennend thematisiert, nicht in dem Maße entscheidend.“ Und schließlich werde in der „Arche Noah“ ja nicht zwangsbekehrt, sondern zum Glauben eingeladen.

 Mit Blick auf Geislers berufliche Tätigkeit – er ist Präsident des Landeskirchenamtes der Schaumburg-Lippischen Landeskirche – ist es allerdings schon recht stimmig, dass die konfessionelle Ausrichtung des Kindergartens nicht im Gegensatz zu derjenigen seines Arbeitgebers steht, denn das könnte sicherlich doch einige Fragen aufwerfen.

 Diesen darf sich dafür, wenn auch nicht auf der beruflichen Ebene, umso ausführlicher Murat Bastürk, der Schriftführer des Fördervereins, stellen, der sich selbst als „gläubigen, aber nicht religiösen“ alevitischen Muslim bezeichnet. Diese Differenzierung sowie die „sehr freie, humanistische“ Einstellung der Aleviten zum Islam sind es, die dem promovierten Mediziner die Freiheit lassen, die Wahl des für seine beiden Kinder und sein persönliches ehrenamtliches Engagement geeigneten Kindergarten ganz pragmatisch anzugehen: Er habe sich seinerzeit auch eine städtische und eine katholische Einrichtung angeschaut, berichtet der 40-Jährige. Letztlich sei die Entscheidung aber zugunsten der „Arche Noah“ gefallen, weil diese von der Ausstattung und Betreuung her den besten Eindruck gemacht habe. Im Übrigen würden in einem kirchlichen Kindergarten in besonderem Maße Werte vermittelt, was für eine adäquate Erziehung von Kindern wichtig sei.

 In der Realität wurden Bastürks diesbezügliche Vorstellungen sogar noch übertroffen: „Ich dachte, ein evangelischer Kindergarten wäre etwas liberaler, was die Religionsausübung angeht“, resümiert der in der Türkei geborene Bückeburger schmunzelnd. Aber tatsächlich werde in der „Arche Noah“ eine viel größere Religiosität praktiziert als bei den Aleviten.

 Ein Problem stellt diese unerwartete Erfahrung für ihn jedoch nicht dar. So hatte sein im vergangenen Jahr schulpflichtig gewordener Sohn während seiner dreijährigen „Arche Noah“-Zeit gemeinsam mit den anderen Kindergartenkindern gebetet und am weihnachtlichen Krippenspiel teilgenommen. Der Junge ist laut Bastürk sicherlich auch durch diesen Einfluss stark an Religionsgeschichten interessiert und dementsprechend gut über den christlichen Glauben informiert. So gut, dass er deswegen sogar schon einmal von einem Außenstehenden gefragt worden ist, ob er Christ sei.

 Und wenn sein Sohn eines Tages darüber nachdenken würde, zum christlichen Glauben zu konvertieren? „Toleranz ist eine bereichernde Sache“, stellt Bastürk, der sich in seiner Freizeit außerdem als Vorsitzender eines alevitischen Vereins in Hannover engagiert, klar. Aber bei seinen Kindern (das zweite wird später ebenfalls die „Arche Noah“ besuchen) würde er dann doch argumentativ für die Bewahrung des alevitisch-muslimischen Glaubens und damit der eigenen kulturellen Identität eintreten.

 Bleibt die Frage, was einen Katholiken veranlasst, sich als Schatzmeister im Förderverein eines protestantischen Kindergartens zu betätigen, obwohl es in Bückeburg auch eine katholische Alternative gibt? „Für mich ist die Nächstenliebe die zentrale Botschaft der Bibel“, sagt Robert Mederacke.

 Ob man diesen christlichen Gedanken im Alltag – beispielsweise im ehrenamtlichen Engagement für einen katholischen oder einen evangelischen Kindergarten – lebt, sei dabei nicht entscheidend. Eine Einstellung, die nicht zuletzt auch darauf basiert, dass der 39-jährige Bundeswehroffizier mit einer Frau verheiratet ist, die der evangelisch-lutherischen Kirche angehört, dass die damalige Hochzeit evangelisch vollzogen wurde und dass ihre beiden gemeinsamen Kinder evangelisch getauft sind.

 „Ich würde mich als einen gläubigen Christen bezeichnen“, sagt Mederacke denn auch über sich selber. 

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Möchten Sie uns zu diesem Artikel Ihre Meinung sagen? Dann schicken Sie uns einen Leserbrief.

Leserbrief schreiben

Online suchen, Angebot finden, einkaufen gehen: Das steckt in Kurzform hinter „Kauf hier – lokal & digital“. Eine Auswahl aktueller und preislich besonders attraktiver Produkte finden Interessierte stets auf unserer Homepage... mehr

Eine gute Tradition findet regelmäßig ihre Fortsetzung – die „Aktion Weihnachtshilfe“. In der Vorweihnachtszeit rufen die Schaumburger Nachrichten unter dem Motto „Schaumburger helfen Schaumburgern“ jedes Jahr zu Spenden für bedürftige Menschen im Landkreis auf. mehr

Schaumburg