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Problematisch: Wenn Tote Vorrang vor Verletzten haben

Bückeburg / Sicherheitsexperte der Bundeswehr berichtet aus Afghanistan Problematisch: Wenn Tote Vorrang vor Verletzten haben

Auf Einladung der Reservistenkameradschaft (RK) „Akro Bückeburg“ hat dieser Tage der Hauptmann d. R., Florian Wiehring von seinen Erfahrungen als Medical Mentor in Kunduz berichtet.

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Hauptmann d. R. Florian Wiehring (rechts) zeigt Oberstleutnant d. R. Bernd Kirsch ein Fläschchen mit Staub, das er aus seinem Einsatz in Kunduz mitgebracht hat.

Quelle: mig

Bückeburg (mig). Ziel des sogenannten „Operational Mentoring and Lisason Teams“ ist es, die Strukturen der afghanischen Sicherheitskräfte zu stärken und sie dazu zu befähigen, gemeinsam mit den Koalitionskräften oder selbstständig die Sicherheitsverantwortung zu übernehmen.

 Einfach war die Zeit als Medical Mentor (mit dem OMLT GSU 2nd Brigade/209th ANA-Corps) für Florian Wiehring nicht. Zu schaffen machte ihm nach eigenen Angaben vor allem eine gewisse „Inschallah“-Mentalität der Afghanen: Gemeint ist die Einstellung, „dass Allah alle Aspekte des Lebens bestimmt“. Konkret heißt das: „Wenn das gesamte Lager an einer Ruhrepidemie stirbt, war es Allahs Wille, ob der Truppenarzt etwas gesagt hat oder nicht, er hätte es nicht verhindern können.“ Eine problematische Haltung, die auch beim Transport von Verletzten zum Ausdruck kam. Hier galt: Tote haben, damit sie schnell unter die Erde kommen können, Vorrang. Mehrfach, so Wiehring, sei es passiert, dass Rettungsmittel durch Leichentransporte gebunden waren, „obwohl sie operativ zum Verletztentransport zur Verfügung hätten stehen müssen.“

 Ebenfalls Schwierigkeiten gab es dem Referenten zufolge im Verhältnis zwischen Vorgesetzten und Untergebenen. Hierfür, sagt Wiehring, sei die alte Stammesgesellschaft verantwortlich. Weil der Vorgesetzte als Oberhaupt gilt, kann er „selbstverständlich“ vom Verdienst des Untergebenen einen Anteil einfordern. Erst als der Lohn unbar auf individuelle Konten gezahlt wurde, konnte die Praxis eingedämmt werden. Ferner, so Wiehring weiter, habe es Probleme mit dem bereitgestellten Material gegeben. Dieses hätten viele militärische Führer aus dem gleichen Verständnis heraus als das Eigentum des Amtsinhabers betrachtet und vermeintliche Überschüsse ohne Skrupel verkauft. Aus den gleichen Gründen komme es in der afghanischen Armee immer wieder auch zu Vetternwirtschaft und Patronagedenken.

 Für die Zukunft warnt Wiehring davor, der afghanischen Gesellschaft das westliche System unreflektiert überstülpen zu wollen. „Hier sollte ein System gefunden werden, dass beide Mentalitäten zumindest berührt“, sagt er.

 Den Abzugstermin im Jahr 2014 hält der Referent für verfrüht. Die Sicherheitsstrukturen seien noch nicht gefestigt und sein Übersetzer habe ihm erzählt, dass er beim Abzug mitgehen müsse, „sonst sei er tot.“ Gleiches gilt für die Soldaten. Hier seien einige schon desertiert, „viele haben Angst“.

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