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„Retten, was noch zu retten ist“

Heinrich Bövers „Retten, was noch zu retten ist“

Seine Amtszeit als schaumburg-lippischer Regierungschef war kurz. Trotzdem gilt Heinrich Bövers als eine der wichtigsten heimischen Führungspersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Der vor 120 Jahren geborene Jurist gehört zu den Politikern, die 1945 als erste die Ärmel hochkrempelten und dem total am Boden liegenden Land wieder auf die Beine verhalfen.

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Heinrich Bövers.

Quelle: Repro: gp

Bückeburg. Bövers stammte aus einer alteingesessenen, in Nienbrügge (heute Ortsteil der Gemeinde Sachsenhagen) beheimateten Bauernfamilie. Nach Volksschule, Gymnasium und Jura-Studium eröffnete er 1919 in Bückeburg eine Anwaltspraxis. Zuvor hatte er drei Jahre lang im Ersten Weltkrieg gekämpft.

Seine offene und zupackende Art machte den jungen Rechtsbeistand schon bald über den Kreis seiner Klienten hinaus bekannt. Bövers engagierte sich in der Schaumburg-Lippischen Landeskirche. Darüber hinaus begann er sich für Politik zu interessieren. 1926 schloss er sich der nationalliberalen DVP des damaligen Außenministers Gustav Stresemann an, wechselte jedoch nach dessen Tod ins linksliberalere DDP-Lager über. 1930 wurde er in den Schaumburg-Lippischen Landtag gewählt. Mit Sorge betrachtete er das immer dreistere Auftreten der NSDAP-Abgeordneten. Nach der erzwungenen Auflösung des Parlaments im Frühjahr 1933 zog er sich ins Berufs- und Privatleben zurück. Zur Familie gehörten außer Ehefrau Klara mittlerweile drei Söhne.

"Der Stürmer" nimmt sich der Sache an

Trotz des selbst verordneten politischen Schweigens blieben die heimischen NS-Anhänger misstrauisch. Mit anonym in Szene gesetzten Verleumdungsattacken versuchten sie, den ausgewiesenen Antifaschisten ins berufliche und gesellschaftliche Abseits zu drängen. Im Juni 1938 nahm sich „Der Stürmer“ der Sache an. „Der Rechtsanwalt Bövers in Bückeburg ist wegen seiner Einstellung gegen den Nationalsozialismus bekannt“, war in dem berüchtigten Hetz-Blatt des Hitler-Freundes Julius Streicher zu lesen. „Er berät auch gern Juden in Rechtsangelegenheiten.“

Um ein Haar hätte die rüde Kampagne zum Berufsverbot geführt. Man sehe (ausnahmsweise) von einem Ehrengerichtsverfahren ab, heißt es in einer Stellungnahme des Bundes nationalsozialistischer Juristen, „wenn auch die politische Gesinnung alles andere als gut zu bezeichnen“ sei. Nicht wenige von Bövers alten Weggefährten wandten sich ab. Seine Söhne mussten vor dem Abitur das Adolfinum verlassen und ins preußische Minden wechseln. Als er 1944 von der Gestapo verhaftet und verhört wurde, ging auch die Kirchenführung, der er als Mitglied des Landeskirchenrats über Jahrzehnte hinweg treue Dienste geleistet hatte, endgültig auf Distanz.

Kampf gegen Hunger und Kälte

Nach dem Zusammenbruch gehörte Bövers zu den Ersten, die von den Besatzern rekrutiert wurden. Am 24. Mai 1945 machten ihn die Engländer unter Übertragung des Titels „Staatsrat“ zum schaumburg-lippischen Regierungschef. Es war ein Sisyphus-Job. Der Zusammenbruch hatte ein kaum überschaubares Chaos hinterlassen. Ordnung und Infrastruktur lagen am Boden. Das Gros der Menschen, darunter ein Heer von Ausgebombten, Vertriebenen, befreiten Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern, kämpfte verzweifelt gegen Hunger, Kälte und Wohnungsnot. „Es gibt keine Garantie und keinen Plan, ob und wie die Schwierigkeiten überwunden werden können“, machte Bövers seinen Mitstreitern bei Dienstantritt klar. „Trotzdem müssen wir den Versuch machen, zu retten, was noch zu retten ist.“

Als wenn das alles nicht schon schwierig genug gewesen wären, musste die neue Regierung noch eine weitere Herkulesaufgabe bewältigen. Die Siegermächte hatten sofort nach dem Einmarsch damit begonnen, Ex-Nazi-Deutschland politisch und verwaltungsmäßig komplett umzukrempeln. Das Ergebnis ist bekannt: Die hier herrschenden Engländer ordneten die Gründung eines neuen Landes Niedersachsen unter Einbeziehung der zuvor selbstständigen Staaten Hannover, Braunschweig, Oldenburg und Schaumburg-Lippe an.

Bövers bis 1949 im Amt

Angesichts der extrem schwierigen Verhältnisse während der ersten Nachkriegsmonate sei in der Bückeburger Staatskanzlei damals hervorragende Arbeit geleistet worden, ist sich das Gros der Historiker einig. Bövers blieb – als Chef einer Übergangsregierung – auch nach der offiziellen Machtübergabe nach Hannover noch mehrere Monate (bis Ende März 1949) im Amt.

Im Dezember 1950 wurde der 64-Jährige – von einem jahrelangen Kampf gegen den Krebs zermürbt – zu Grabe getragen. Zuvor hatte er noch dafür gesorgt, dass das zusammen mit seinem engen Weggefährten Pastor Mensching angestoßene Projekt „Freundschaftsheim Bückeburg“ in die Tat umgesetzt wurde. „Er war schlicht, ruhig, sachlich, nüchtern und voller Verständnis für Leid, Krankheit, Schmerzen und Vereinsamung“, war am Sarg Heinrich Bövers’ zu hören. gp

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