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Schon vor 77 Jahren

Zoff um Bahn-Pläne Schon vor 77 Jahren

 „Ich möchte dringend bitten, dass der Bau der geplanten Neubaustrecke unterbleibt und der viergleisige Ausbau der Bahnlinie im Zuge der vorhandenen Strecke ausgeführt wird“, heißt es in einem geharnischten Brief des Landwirts Fritz Nagel aus Echtorf.

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Die „Gleisverwerfungen“ hierzulande haben schon immer die Eisenbahnplanungsstrategen beschäftigt – hier der unmittelbar am Bahnsteigende beginnende westliche Bogen der „Bückeburger Kurve“.

Quelle: gp

Bückeburg. Das Schreiben des Bauern aus dem Bückeburger Nachbardorf könnte in diesen Tagen abgefasst und aus Protest gegen das kürzlich bekannt gewordene, im Bundesverkehrswegeplan als „vordringlich“ eingestufte Vorhaben „Neu-/Ausbau Hanno-ver-Bielefeld“ zu Papier gebracht worden sein. Doch dem ist nicht so. Der Brief Nagels wurde am 12. März 1939, also vor 77 Jahren, geschrieben.

Der Auslöser des damaligen Protests war allerdings derselbe wie heute: Die Regierung wollte den Schienenverkehr vom Rhein-Ruhr-Gebiet in Richtung Osten „flüssiger“ machen. Ein beträchtliches Hindernis dabei stellten (und stellen) aus Sicht der Fachleute die Gleisverbiegungen zwischen Kirchhorsten und der Porta Westfalica dar.

In der Tat: Wo Autos heute auf begradigten Straßen ohne Umwege durchrollen können, fuhren (und fahren) die Züge eine Art „Zickzackkurs“. Ursache sind die kleinstaatlichen (Grenz-)Verhältnisse beim Bau des Gleisstranges vor 170 Jahren.

Die Region zwischen Rhein und Weser mit Minden gehörte zum Königreich Preußen. Nur wenige Kilometer östlich begann das Fürstentum Schaumburg-Lippe. Für dessen Landesherrn Georg Wilhelm war es selbstverständlich, dass das modernste Verkehrsmittel jener Zeit auch in seiner Residenz Station machen müsse. Die Folge: Die wegen der Porta-Durchfahrt vor Minden ohnehin stark gekrümmte Trasse wurde auf dem Weg nach Hannover in Richtung Bückeburg nochmals kräftig „gebogen“.

Verblüffende Ähnlichkeiten

Was damals kein Unglück war, wurde von späteren Verkehrsstrategen als „Fehlgeburt“ empfunden. Nach den kürzlich veröffentlichen Bundesverkehrswegeplan-Zahlen würden ICE-Durchgangsreisende nach Begradigung der Strecke zwischen Bielefeld und Hannover zwölf Minuten sparen.

Den ersten Versuch, das Nadelöhr zu beseitigen, gab es während der NS-Zeit. Anders als heute ging es nicht um Reisekomfort und Wirtschaftlichkeit. Auf Weisung der braunen Machthaber sollte die Aufmarschversorgung Richtung Polen „optimiert“ werden.

Vermutlich anno 1937 kam aus Berlin der Befehl, an der „Mindener Spitzkehre“ und am „Bückeburger Bogen“ vorbei eine Abkürzungslinie zu bauen. Die daraufhin im Berliner (Reichs-)Verkehrsministerium unterm Arbeitstitel „Neubaustrecke Kirchhorsten-Porta“ ausgearbeitete Streckenführung könnte den heute dort tätigen Beamten als Blaupause gedient haben. Jedenfalls sind die Ähnlichkeiten verblüffend. Allerdings konnten vor einem Dreivierteljahrhundert auf den Plankarten noch viel geradere Striche gezogen werden. Die meisten der heute „im Wege stehenden“ Siedlungen, Freizeitanlagen und Landschaftsschutzgebiete gab es noch nicht.

Proteste waren undenkbar

Über die Meinung der Anwohner musste man sich – anders als heute – keine Gedanken machen. Auch öffentliche Proteste und Bürgerinitiativen waren undenkbar. Behörden, Politiker und Journalisten waren längst „gleichgeschaltet“. Wie die Sache damals vor sich ging, kann man in den Akten des Staatsarchivs nachlesen. Ein im Juni 1938 vom Bückeburger (NSDAP-)Landrat Hermann Gebbers vorsichtig vorgetragener Vorbehalt wurde höheren Orts kurzerhand abgebügelt. Die Sache sei entschieden, teilte Gebbers Parteifreund, Karl Dreier, Chef der schaumburg-lippischen Landesregierung, kurz und knapp mit.

Im März 1939 wurden die Bürgermeister und Ortsbauernführer der Gemeinden um Bückeburg zu einer Begehung der mittlerweile abgesteckten Strecke zitiert. Etwaige noch bestehende Bedenken seien zuvor schriftlich einzureichen, ordnete Dreier in der Einladung an. Als Einziger machte davon laut Aktenlage – mit dem bereits zitierten Brief – Bauer Nagel aus Echtorf Gebrauch.

Pläne verschwinden in der Schublade

Die Begehung fand am 14. März 1939 statt. Treffpunkt war die Gastwirtschaft Hävemeier in Echtorf. Von dort aus ging es mit Vertretern der Reichsbahn, der Landesplanungsgemeinschaft Westfalen und der schaumburg-lippischen Behörden auf Besichtigungstour. Regierungsassessor Kunz machte deutlich, dass „irgendwelche Einsprüche heute nicht erörtert werden könnten“. Das sei allenfalls im Rahmen des „landespolizeilichen Prüfungsverfahrens“ möglich.

Dazu kam es nicht. Ein halbes Jahr später ging die Regierung – auch ohne Streckenoptimierung – zum Ostangriff über. Die Neubaupläne verschwanden in der Schublade.

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